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Pflege : Bürokratiechaos hemmt Ausbildungsoffensive

  • -Aktualisiert am

Am Puls der Alten Bild: dpa

Innerhalb von zwei Jahren sollten 25.000 Altenpfleger ausgebildet worden sein. Eigentlich. Geschehen ist hingegen nicht viel, sagen diejenigen, die Plätze anbieten.

          Zehn Monate ist es her, dass Bundesregierung, Länder und Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Pflegeverbänden eine „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ ins Leben riefen. Auf 50 Seiten wurden Ziele festgelegt. So sollten binnen zwei Jahren 25.000 Hilfskräfte zu examinierten Fachkräften weitergebildet werden, finanziert mit Hilfe der BA.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Geschehen ist seither nicht viel, wenn man dem Arbeitgeberverband Pflege glaubt, dessen Mitglieder die Hälfte der Pflegeplätze anbieten. Nur „einige wenige“ statt mehrerer Tausend Pfleger würden aktuell von Hilfs- zu begehrten Fachkräften fortgebildet. „Es geht nicht voran“, beklagte Verbandspräsident Thomas Greiner.

          Nach amtlichen Zahlen wurden im ersten Quartal 250 Umschüler gefördert, in zweiten Quartal dürften es dreimal so viele gewesen sein. Greiner reicht das nicht. Die Schuldigen machte er vor allem in den Ländern aus: „Wenn diese Vereinbarung nicht durch Behördenträgheit verschleppt würde, wäre der Fachkräftemangel nicht mehr so groß.“ Heimbetreiber klagen über einen Fachkräftemangel, auch wenn laut statistischem Bundesamt 890.000 Menschen in der Pflege arbeiten. Da für die Heime bestimmte Personalschlüssel gelten, würden mangels Fachkräften etwa in Frankfurt keine neuen Heime mehr eröffnet, sagte Greiner.

          Arbeitgeber wollen kurzfristig 50.000 Stellen schaffen

          Dabei wächst die Zahl der Alten, die einer pflegerischen Betreuung bedürften. Derzeit bekommen 2,5 Millionen Menschen Hilfen der Pflegeversicherung, davon ist ein Drittel stationär untergebracht. Die Zahl der Pflegepatienten wird weiter wachsen.

          Umso wichtiger ist die Lösung der Personalfrage. Ginge es nach dem Arbeitgeberverband, würden in kurzer Zeit 50.000 Pflegestellen geschaffen: 25.000 aus der Qualifizierung und 25.000 angelernte Kräfte zur Betreuung von Demenzpatienten, was den Bund allerdings 500 Millionen Euro kosten würde.

          Wenn Pflegeheimbetreiber bei der Arbeitsagentur wegen der Förderung aus der „Qualifizierungsoffensive“ nachfragten, wisse man dort oft nicht Bescheid, sagte Greiner. Die BA wies das zurück. Die Richtlinien seien im Intranet veröffentlicht. Allerdings gelte die Förderung erst seit April, und das Ausbildungsjahr beginne im Herbst, weshalb die Nachfrage bisher wohl verhalten ausgefallen sei.

          Ministerium schiebt Ländern Schwarzen Peter zu

          Den Pflegeschulen fehlten Ausbildungsrichtlinien, sagt Greiner. Anderswo heißt es, staatliche Schulen seine nicht immer zertifiziert und könnten deshalb keine geförderte Umschulung anbieten. In jedem der 16 Länder seien mehrere Ministerien beteiligt, sagt Greiner. Das Thema gehe im „Behördendickicht des Föderalismus unter“. Familienministerin Kristina Schröder (CDU), müsse „Druck machen, damit die Initiative in den Ländern nicht versandet“.

          Das Ministerium schiebt den Schwarzen Peter den Ländern zu. „Schon bei den Verhandlungen über die Ausbildungsoffensive hat sich die Länderseite lieber mit Forderungen an andere profiliert als die eigenen Möglichkeiten nach vorne zu stellen“, sagt ein Sprecher. Diese Haltung sei „leider weiterhin zu spüren“.

          Während die Behörden untätig seien, werde die Branche im Wahlkampf mit falschen Vorwürfen traktiert, beklagt Greiner: unzureichende Bezahlung, unattraktive Ausbildung und das schlechte Image der Altenpflege. Vieles sei falsch. So sei die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen größer als das Angebot: alle 20.000 Plätze in der Altenpflege seien belegt, was für die Attraktivität des Berufsbildes spreche. Auch liege das Lehrlings-Gehalt mit 900 bis 1000 Euro weit oben, das Gehalt einer Fachkraft müsse mit im Schnitt 2371 Euro den Vergleich nicht scheuen. Der Pflege-Mindestlohn betrage seit Juli 9 Euro (8 Euro im Osten). 7 Millionen Beschäftigte bekämen laut Gewerkschaftsbund weniger. Langfristig sieht der Verband einen großen Bedarf ausländischer Kräfte. Auch hier gebe es viele Probleme auf Länderebene. Oft daure es Monate, bis Ausbildungen anerkannt oder Arbeitserlaubnisse erteilt seien.

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