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Liu He : Chinas Handelskrieger

Der Präsident und sein Berater kennen sich seit der Jugendzeit. Sie gingen in Peking zwar nicht auf dieselbe Schule, wie es oft heißt. Doch seien die beiden Kinder von kommunistischen Spitzenkadern befreundet gewesen, sagt Cheng Li von der Denkfabrik Brookings. Xi und Liu wurden in Maos Kulturrevolution zur Arbeit aufs Land zwangsverschickt. Danach studierten die beiden an Pekinger Universitäten. Anfang der neunziger Jahre ging Liu zum Studium nach Amerika und machte einen Abschluss an der Harvard Kennedy School, an der etliche Staatsführer sowie der Generalsekretär der Vereinten Nationen das Handwerk des Regierens gelernt haben. Zurück in China, kletterte Liu schnell hinauf in die höchsten Zirkel der Macht.

Kontrolle statt freier Wirtschaft

Als Xi Jinping zum Auftakt seiner Machtübernahme vom Zauber der freien Märkte schwärmte, hatte Liu weite Teile der Antrittsrede verfasst. Vier Jahre nach dem Fall der Lehman-Bank veröffentlichte er eine Studie, in der er die Weltwirtschaftskrisen von 2008 und 1929 verglich. Larry Summers, der frühere Harvard-Präsident und Wirtschaftsberater von Obama, spendierte ein Vorwort.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping verunsichert die Unternehmen, wenn er vom „Glaube an den Kommunismus“ spricht.

Das, was Liu schreibt, lässt tief blicken in die Denkweise von Chinas Führung, die sich wieder verabschiedet hat von der Idee einer freien Wirtschaft. Stattdessen stärkt sie ihre Kontrolle. In der wirtschaftlichen Depression von 1929, die Adolf Hitler zur Macht verholfen habe, seien Politiker „Geiseln öffentlicher Meinung“ gewesen und von der Demokratie gelähmt, führt Liu aus. Es ist ein Argument, mit dem die Partei jede Aktivität außerhalb ihrer Grenzen erstickt.

Bitte wieder an den Kommunismus glauben!

Darüber hinaus habe vor beiden Krisen in Amerika das reichste Prozent ein Viertel des Einkommens auf sich vereinigt, schreibt Liu. Ungleichheit wirke destabilisierend. In China besitzt das reichste Prozent laut einer Studie der Peking Universität heute ein Drittel des Vermögens. Immer öfter fordert Parteichef Xi, wieder wirklich an den Kommunismus zu glauben, was Chinas Unternehmern das Blut gefrieren lässt.

Es ist vor allem eine Erkenntnis Lius, die aufhorchen lässt: dass Krisen die „Machtverhältnisse von Nationen“ in der Welt verschöben. Nach Amerikas Fall sei nun also Asien am Ruder. Er lade die Welt ein, „auf den Schnellzug der chinesischen Entwicklung aufzusteigen“, hatte Präsident Xi jüngst beim Weltwirtschaftsforum in Davos gesagt, in dem er überdeutlich den Führungsanspruch seiner Nation anmeldete.

Chinesischer Pragmatismus

Bevor sich Peking aber um die Probleme anderer kümmern könnte, müsse es seine „inländischen Angelegenheiten in Ordnung bringen“, schreibt Xis Berater Liu. Das klingt nicht danach, als werde Chinas Partei nun den Freihandel retten, wenn Amerika in den Protektionismus driftet. Dazu müsste sie erst einmal Chinas Wirtschaft aus der eigenen Umklammerung befreien.

Überhaupt geht es nun erst einmal darum, die eigene Wirtschaft zu schützen. Wird Liu zur Ruhe raten, falls Trump tatsächlich angreift? Oder mit Vergeltung drohen – was zwar Schockwellen um die Welt schicken könnte, aber so manchem in der Partei das Gesicht vor dem eigenen Volke wahren helfen würde ? Als einer der wenigen chinesischen Kader färbt sich Liu He nicht die Haare. Er hat sie ergrauen lassen, was Beobachtern als Beweis für Charakter gilt.

Der Kader stehe für „chinesischen Pragmatismus“, hat der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Michael Spence hingegen einmal über Liu gesagt. Darin schwingt viel Sympathie mit: Der Chinese, der mit über das Schicksal der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entscheidet, lebe seine Überzeugungen eben „nicht als eine Religion“.

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