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Pegida : „Abendland“ war stets ein Kampfbegriff

Immer schon ging das einher mit einer scharfen Abgrenzung gegenüber dem Westen. Man sah sich in einem „Zweifrontenkampf“, wobei der gefährlichere Gegner natürlich im Osten war. Doch auch mit der Plutokratie, der Herrschaft der Reichen im amerikanischen Kapitalismus, wollten weder Nazis noch Christkonservative etwas zu tun haben. Für den grassierenden Materialismus und Individualismus machte man Aufklärung und Demokratie („liberale Beliebigkeit“) verantwortlich.

Das Abendland als „heilsgeschichtliche Größe“

Die Pointe: Gerade diese ideologische Nähe im Umgang mit der Idee des Abendlandes bei Nazis und Konservativen war eine Voraussetzung für die breite Popularität und Akzeptanz der Begriffe „Abendland“ und „Europa“ in der Nachkriegszeit. Nicht Diskontinuität, sondern Kontinuität zeichnete den Diskurs über das Abendland vor und nach 1945 aus. Das konnte nicht zuletzt deshalb gelingen, weil das „Abendland“ durch seine lange Tradition weniger belastet war als etwa der Begriff des „Reiches“ und deshalb als „unverbraucht“ galt. Das schloss freilich nicht aus, sondern setzte sogar voraus, dass nach dem Zweiten Weltkrieg über den positiven Klang, den die Idee des Abendlandes auch unter Hitler hatte, Stillschweigen bewahrt wurde, was zugleich eine Umschreibung für Verdrängung ist, deren Eigenart bekanntlich darin besteht, dass das Vergangene unbewusst sich wiederholt.

Nach 1945 nämlich galten „Abendland“ und „Europa“ als Garanten dafür, dass es verbrecherisch-nationalistische Sonderwege künftig nie mehr geben dürfe. Hauptgegner blieben aber weiterhin die sowjetischen Kommunisten, gefolgt von den amerikanischen Kapitalisten. Die Zeitschrift „Neues Abendland“, 1946 in Nachfolge einer Zeitschrift der zwanziger Jahre gegründet, belegt den Boom dieser Ideologie. Es ging auch hier um Externalisierung, allerdings nicht von Ängsten, sondern von Schuld. Dabei wurden, sagt der Historiker Axel Schildt, der unmittelbar zurückliegende Schrecken des Krieges und die Verbrechen der Deutschen als Resultat einer langen Entwicklung seit dem Mittelalter interpretiert: Säkularisierung und das Abrücken vom christlichen (sprich: katholischen) Glauben hätten ein Wertevakuum geschaffen, in das moderne Dämonen stoßen konnten. In solch pompös-metaphysischer Sprache des Ungefähren haben die Deutschen sich die konkrete Verantwortung nach 1945 vom Leibe gehalten: Weil das gesamte Abendland vom Glauben abgefallen war, konnte der Antichrist seinen Sieg erringen. Der damals schon berühmte Jesuitenpater Karl Rahner verstieg sich 1957 im „Lexikon für Theologie und Kirche“ dazu, das Abendland als „heilsgeschichtliche Größe“ zu mystifizieren. Im Kalten Krieg eigneten sich solche Denkmuster zugleich auch mühelos zum Angriff auf den Bolschewismus, der ja gerade durch seinen Atheismus an dieser Verfallsgeschichte beteiligt war.

Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, welch euphorische Bindekraft die Idee des Abendlandes im Deutschland der Nachkriegszeit entfaltete. In seiner ersten öffentlichen Rede 1955 führte der gerade ernannte Außenministers Heinrich von Brentano im Augsburger Rosenaustadion vor 70000 Menschen den Verteidigungsauftrag des Abendlandes bis auf die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955 zurück, deren tausendstes Gedenkjahr man beging. Damals ging es nicht gegen den Islam, sondern gegen die Magyaren. Aber allemal kamen die Gegner des Abendlandes eben aus dem Osten. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss bemühte sich, die Idee aus ihrer christlichen Engführung zu befreien: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Kapitol in Rom“, sagte er zur Einweihung eines Gymnasiums in Heilbronn im September 1950.

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