https://www.faz.net/-gqe-6pzip

Peer Steinbrück : Seine Botschaft: Ich bin wieder da

Nach der Bundestagswahl 2009 ist Steinbrück Hinterbänkler geworden. Im März diesen Jahres meldete er sich mit einer fulminanten Rede im Bundestag zurück Bild: dpa

Peer Steinbrück steht bereit, wenn die SPD schneller als gedacht einen Kanzlerkandidaten brauchen sollte.

          3 Min.

          Der frühere Finanzminister ist mehr denn je in Berlin präsent. Die Orte ändern sich, das Thema variiert, die unterschwellige Botschaft ist dieselbe: Peer Steinbrück. Ich bin wieder da. Ich will noch etwas werden. Sollte es die Koalition im Bund vorzeitig zerreißen, wäre es seine große Chance. Nach der für die FDP verheerenden Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und den koalitionsinternen Spannungen um die Griechenlandhilfen ist ein solches Extremszenario, das vorzeitige Ende von Schwarz-Gelb, nicht mehr ganz aus der Welt.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Es ist ganz so wie früher, als er noch Bundesfinanzminister war. Peer Steinbrück hat einen vollen Terminkalender. An diesem Dienstag wird er beispielsweise das neue Buch von Heinrich August Winkler in der Französischen Friedrichstadtkirche auf dem Gendarmenmarkt vorstellen. Am vergangenen Freitag diskutierte er mit Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Pohl an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über „Schuldenkrise. Politikkrise. Eurokrise“. Am Abend zuvor sprach er im Berufsförderungswerk Dresden zum Thema „Finanzkrise: Wer trägt die Last?“

          In der ersten Sitzungswoche nach der Sommerpause, als die Abgeordneten nach Berlin zurückkehrten, hatte Steinbrück richtig aufgedreht. Da gab es mit ihm ein „Business Dinner“ zum Thema „Europa in einem neuen, globalen Machtgefüge“ in der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg, da referierte er auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung über „Die Krise als Zäsur - Wirtschaftspolitik im 21. Jahrhundert“, da eröffnete er in der Landesvertretung Baden-Württemberg das „Politische Rentrée“ mit einem Impulsreferat zu aktuellen Themen, da dozierte er über „Finanzpolitik in Zeiten der Euro-Krise“ auf der gleichnamigen Veranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Damit keiner seine Botschaft verpasst, gab er zusätzlich dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Interview. Dass kein Land für die Schulden eines anderen eintreten müsse, sei ein Irrtum gewesen, „der an den Realitäten der Krise zerschellte“. Man müsse den Menschen erklären, dass Deutschland politisch, ökonomisch und gesellschaftlich von der weiteren Integration Europas profitiere. „Das bedeutet: Natürlich müssen die Deutschen zahlen.“

          Präsentierten sich als neue Troika der SPD: Peer Steinbrück, der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel und der Fraktionsvorsitzende Frank Walter Steinmeier

          Noch keine Wahl für die SPD gewonnen

          Nicht nur andere hören ihn derzeit gerne reden. Menschen in seinen Bann schlagen, das kann er - das weiß er. Wenig Menschen schätzt er als Redner so wie sich selbst. Sein Ego ist nicht nur in diesem Punkt kaum zu übertreffen. Doch ein großes Vorbild hat er: Helmut Schmidt. Ihm will er nach drei Jahrzehnten im Kanzleramt nachfolgen. Andere mögen am Zaun des Kanzleramtes rütteln, nicht so Steinbruck. Er versucht lieber, seinen Anspruch herbeizureden.

          Mit dem Altbundeskanzler trifft er sich regelmäßig. Er und Schmidt sind hanseatische Duz-Freunde, man spricht sich mit Vornamen an, ist aber dennoch per Sie - unter Genossen, wo jeder jeden duzt, recht ungewöhnlich. Die beiden Schachspieler und Raucher (Steinbrück Zigarillo, Schmidt Zigarette in Kette) veröffentlichen ein Buch mit dem schönen Titel „Zug und Zug“. Auch so bleibt der Kandidat in spe im Gespräch. Vorher zog er mit seinen veröffentlichten Erinnerungen an seine Zeit im Finanzministerium durch das Land („Unterm Strich“).

          Nach der verlorenen Bundestagswahl hatten ihn so manche Parteifreunde sehr schnell als einen der Schuldigen ausgemacht. Der sozialdemokratische Oberrealo zog sich zurück, verzichtete auf jegliche Führungsposition in Partei und Fraktion. Über die Landesliste zog er in den Bundestag ein, seinen Wahlkreis Mettmann konnte er nicht direkt erobern. Das gehört zu seinem größten Manko als potentieller Kanzlerkandidat: Er hat - anders etwa als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit - noch keine Wahl für die SPD gewonnen, auch nicht als er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war.

          Glanzstück aus der Abteilung Attacke

          Nach der Bundestagswahl 2009 ist Steinbrück Hinterbänkler geworden, hielt sich mit Kommentaren zur Finanzpolitik mit Ausnahme von Artikeln in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zurück. Doch dann meldete er sich mit einer fulminanten Rede im Bundestag zurück. „Frau Bundeskanzlerin, Sie haben auf der Wegstrecke seit Ausbruch der Griechenland-Krise erstaunlich viele - zu viele - Volten und Pirouetten gedreht“, schleuderte er Angela Merkel im März dieses Jahres entgegen, mit der er in der Finanzkrise Teil I eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte. „Ihr Satz eben in der Regierungserklärung: ,Wir machen, was wir sagen‘ klingt vor dem Hintergrund der Volten, die diese Regierung geschlagen hat, sehr nach Kabarett.“ Diese Volten hätte man sportlich nennen können, wenn sie denn nicht Glaubwürdigkeit gekostet hätten und wenn sie nicht die Märkte maßgeblich irritiert und eine Reihe, wenn nicht sogar viele, europäische Partnerländer verstört hätten.

          Mit diesem Glanzstück aus der Abteilung Attacke kehrte Steinbrück auf die politische Bühne zurück. In der SPD erkannte man, dass man auf dieses über Jahre und Jahrzehnte gereifte Talent nicht einfach so verzichten sollte. Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel und der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier ermöglichten ihm vor der Sommerpause einen großen Auftritt zu seinem Lieblingsthema „Europa in der Krise“. Gemeinsam präsentierten sie sich als neue Troika der SPD, aus deren Reihe der künftige Kanzlerkandidat gekürt werden dürfte. Dass Steinbrück in größten Krisenzeiten die Stärke, das Selbstbewusstsein, den Mut zur Wahrheit verkörpert, auf das nicht wenige im Land warten, dürfte seine Chancen erhöhen - wenn er sich nicht vorher noch um Kopf und Kragen redet. Je später die Wahl, umso so größer ist dieses Risiko.

          Weitere Themen

          In Phuket stehen die Hotels leer Video-Seite öffnen

          Tote Hose im Paradies : In Phuket stehen die Hotels leer

          Weil immer weniger Chinesen auf Phuket Urlaub machen, stehen die Hotelzimmer auf der thailändischen Ferieninsel leer. Das wiederum macht die Region billiger für Reisende.

          Topmeldungen

          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Die Eingangshalle des Kammergerichtes Berlin.

          Emotet : Wie ein Trojaner das höchste Gericht Berlins lahmlegte

          Seit drei Wochen hat das Berliner Kammergericht keinen Internetzugriff mehr. Grund ist ein Angriff mit Schadsoftware. Auf den ersten Blick scheinen die Folgen beherrschbar – doch die echte Gefahr könnte woanders lauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.