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Paul Krugman im Interview : „Es ist ein ziemlich armseliges Programm“

  • Aktualisiert am

„Amerika ist sozial weniger mobil als beispielsweise Europa” Bild: AP

Der in Princeton lehrende Ökonom Paul Krugman erwartet vom Konjunkturpaket des amerikanischen Präsidenten George Bush nicht viel. Was Amerika brauche, sei mehr soziale Gerechtigkeit und höhere Steuern für Gutverdiener nach europäischem Vorbild.

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          Paul Krugman zählt zu den schärfsten Kritikern von Präsident George Bush. Der in Princeton lehrende Ökonom erwartet vom Konjunkturpaket nicht viel. Was Amerika brauche, sei mehr soziale Gerechtigkeit und höhere Steuern für Gutverdiener nach europäischem Vorbild.

          Herr Krugman, Regierung und Kongress in Washington haben in Windeseile ein Konjunkturpaket geschnürt. Wird es der Wirtschaft neuen Schwung verleihen?
          Es ist ein ziemlich armseliges Programm. Das meiste Geld werden die Leute erhalten, die es nicht ausgeben. Ich habe mich mit Kollegen unterhalten, die versuchen, einen Multiplikatoreffekt zu errechnen. Falls die Arbeitslosigkeit von 5 Prozent auf 6,5 Prozent stiege, dann könnte – und ich sage könnte – dieses Paket die Quote vielleicht bei 6,2 Prozent bremsen. Aber es ist sicher nicht zu spät, denn uns steht vermutlich eine längere Phase wirtschaftlicher Schwäche bevor.

          In ihrem neuen Buch „Nach Bush. Das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten“ argumentieren Sie, die Einkommensunterschiede in Amerika seien größer geworden, weil die Republikaner immer weiter nach rechts gerückt seien. Was sind die Gründe dafür?
          Bei den Republikanern spielen sehr reiche Menschen und Unternehmensinteressen eine wichtige Rolle. Zusammen finanzieren sie eine institutionelle Struktur, die ihnen nützt. Die amerikanischen Wähler haben sich in den vergangenen Jahrzehnten durch andere Dinge von wirtschaftlichen Fragen ablenken lassen: durch Religion, soziale Werte und Normen, durch nationale Sicherheit und, zuallererst, durch das Thema Rasse.

          Sie sagen auch, eine Gesellschaft, die von der Mittelschicht geprägt wird, entstehe nicht automatisch, sondern müsse durch die Politik geschaffen werden. Weshalb?
          Amerika ist einmal zu einer Mittelschichtgesellschaft innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit geworden – im Wesentlichen zwischen 1935 und 1945. Das war ganz eindeutig das Ergebnis politischen Handelns während dieser Zeit.

          Sie meinen den „New Deal“, der unter Führung von Präsident Franklin D. Roosevelt zustande kam und wichtige Sozialgesetze ins Werk setzte.
          Als die Koalition, die diese Reformen unterstützt hatte, zerbrach, wurde auch die Ungleichheit wieder größer, und nach und nach verschwand die Mittelschicht.

          Eine große Ungleichheit in der Einkommensverteilung sei nur dann ein gesellschaftliches Problem, wenn es keine Aufstiegsmöglichkeiten gebe, sagen liberale Ökonomen.
          Aus den Daten geht nicht hervor, dass es ein hohes Maß an Einkommensmobilität gibt. Amerika ist sozial weniger mobil als beispielsweise Europa. Die angeblichen Beweise für eine hohe Mobilität zwischen den Einkommensgruppen in Amerika sind das Ergebnis einer dramatischen Fehlinterpretation der Daten.

          Wieso?
          Da wird beispielsweise so getan, als sei der Einkommenszuwachs eines College-Absolventen beim Antritt seiner ersten Stelle Ausdruck von Einkommensmobilität.

          Sie plädieren unter anderem dafür, höhere Einkommen stärker zu besteuern, um die Ungleichheit zu verringern. Nehmen Sie damit nicht einen wichtigen Leistungsanreiz?
          Nicht in den Regionen, um die es mir geht. Amerika besteuert derzeit hohe Einkommen weit weniger als in den ungefähr drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals wuchs die Wirtschaft enorm schnell. Hinzu kommt, dass die Steuern in Amerika auch im internationalen Vergleich mit entwickelten Volkswirtschaften niedrig sind.

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