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Parlamentswahl in Frankreich : Präsident der Bosse

Der, den Frankreichs Unternehmer für den modernen Napoleon halten: Emmanuel Macron, hier auf einem Werbeplakat am Auto des Unternehmers Bruno Bonnell (rechts). Bild: AFP

Es ist eine Begeisterung, die weit über das Übliche hinausgeht. Dutzende französische Unternehmer ziehen für Präsident Emmanuel Macron in den Parlamentswahlkampf. Warum bloß?

          8 Min.

          Bruno Bonnell steht vor einer Kirche in Villeurbanne, einer Nachbarstadt von Lyon, und deutet hinter sich: „Hier hatte ich meine Kommunion, hier wurde ich gefirmt.“ Vor einer Schule sagt er: „Hier führte ich als Gymnasiast meine ersten politischen Debatten.“ In einer Bäckerei plaudert er mit der Verkäuferin: „Wissen Sie, in dem Schwimmbad gegenüber habe ich schwimmen gelernt.“ Vor einem früheren Bürogebäude erzählt er: „Hier habe ich mein erstes Unternehmen gegründet. Es war praktisch das erste Start-up Frankreichs.“

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bruno Bonnell ist ein Unternehmensgründer, der mit seinen 58 Jahren schon viel gesehen hat. Bullige Figur, kahler Schädel, ein einnehmendes Lächeln. Freundlich tritt er den Menschen gegenüber. Nicht nur in Villeurbanne ist er zu Hause. Der in Algerien geborene Franzose ist ein Routinier, wenn es darum geht, neue Firmen ins Leben zu rufen und sie durch Übernahmen oder Verkäufe zum Wachsen zu bringen. Eine Weile gehörte ihm sogar das legendäre amerikanische Videospiel-Unternehmen Atari. „Ich gründe Unternehmen, wie andere Kinder zeugen“, sagt er. Wobei seine Zahl von mehr als dreißig Unternehmensgründungen jene seiner sechs Kinder (von zwei Frauen, das jüngste fünf Jahre alt) deutlich übersteigt.

          Ein Unternehmensgründer, der schon viel gesehen hat: Bruno Bonnell

          Bonnell hat sogar etwas mit Donald Trump gemeinsam, auch wenn er vom amerikanischen Präsidenten überhaupt nichts hält. In der französischen Variante der „Apprentice“-Show trat der Franzose vor zwei Jahren als Richter und Animator im Fernsehen auf. Sein Spruch für die Auslese lautete aber nicht „you’re fired“ („vous êtes viré“), sondern französisch-verständnisvoll „vous n’êtes pas prêt“ – „Sie sind nicht so weit“.

          „Der Mann hat keine Angst vor den Kugeln“

          Dieser Mann, der mitten im Leben steht, lässt sich eigentlich nicht so leicht beeindrucken. Jedenfalls war das so, ehe er vor einem Jahr dem französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron begegnete. „Als ich ihn am 2. Juni 2016 im Rathaus von Lyon erlebte, wie er vor tausend Leuten sein Programm darlegte, da sah ich Napoleon auf der Brücke von Arcole.“ Dieser historische Moment ist in einem berühmten Gemälde verewigt, auf dem der Feldherr die französischen Truppen gegen die Österreicher in eine siegreiche Schlacht führt. „Der Mann hat eine echte Vision, und er hat keine Angst vor den Kugeln“, sagt Bonnell und meint jetzt wieder Macron. Der neue französische Präsident, ein moderner Napoleon? Man weiß, mit welcher Hingabe sich die Soldaten damals für ihren Machthaber ins Gefecht warfen. Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es dafür durchaus eine Entsprechung. Sie ist nicht militärischer, sondern politischer Natur.

          Die Begeisterung von Macrons Gefolgsleuten für ihren Helden geht spürbar über das Übliche hinaus – auch bei etlichen Unternehmern. Wie anders ist es zu erklären, dass Dutzende von ihnen in den französischen Wahlkreisen für Macrons Bewegung „En Marche“ bei den Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni für ein Abgeordnetenmandat kandidieren? Sie haben beruflich alles erreicht, bauten sich ihre eigenen Existenzen auf und leben in Welten, in denen sie das Sagen haben. Und nun wollen sie all das aufgeben, um sich in Paris in den Dienst einer Armee von Abgeordneten zu stellen, die getreu der politischen Praxis meistens unter dem Kommando der Regierung steht.

          Warum nur? Bruno Bonnell bezeichnete sich lange Zeit als einen „Patron de gauche“, einen Arbeitgeber mit einem Herzen, das links schlägt. Er erzählt, dass ein früherer Widerstandskämpfer, der viel für das Soziale übrig hatte, ihn in seinen jungen Jahren prägte. Das ideologische Wechselspiel von links nach rechts und zurück habe Frankreich aber in die Krise geführt. Macron dagegen erkenne die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und habe die Intelligenz, das Charisma und den Tatendrang, um Frankreich zu modernisieren. Neben seinen wirtschaftsliberalen Forderungen, „die aber nicht zu brutal sind und damit wie bei François Fillon zum Scheitern verurteilt wären“, schätzt Bonnell vor allem die proeuropäische Ausrichtung des Präsidenten. „In meinen jungen Jahren haben mich die Schüleraustausche mit Deutschland tief geprägt“, erzählt er, „meine Jugenderfahrungen – die erste Freundin, Biertrinken aus einem Glas in Stiefelform, das Finale der Fußball-WM 1974 zwischen Deutschland und Holland – all das verbinde ich mit Deutschland, in meinem Fall mit unserer Partnerstadt Nürtingen.“ Ohne dass er sich das lange Zeit bewusst gemacht habe, sei seine Nähe zu Deutschland und der damit verbundene Abbau von Vorurteilen „der Ausgangspunkt“ seines politischen Engagements.

          Bruno Bonnell (links) im Wahlkampf

          Bruno Bonnell hat gute Chancen, seinen Wahlkreis zu gewinnen. Laut Umfragen stellt er die sozialistische Gegenkandidatin und frühere Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem weit in den Schatten. Wie dem Präsidenten scheint den Kandidaten von „En Marche“ derzeit alles zuzufliegen. Auch wenn fast die Hälfte von ihnen nach den Vorgaben Macrons Politik-Neulinge sind, scheinen die französischen Wähler ihnen eine Chance geben zu wollen. Ihre Gegenkandidaten haben mit dem Malus zu kämpfen, dass sie aus den Altparteien stammen. Von ihnen wollen die Franzosen fast nichts mehr wissen. Voller Experimentierlust sind die Bürger bereit, auf die Quereinsteiger zu setzen.

          „Weil die Dinge nicht immer so weitergehen können“

          Szenenwechsel: Corinne Versini in Marseille ist auch so eine Novizin der Politik. In einem Restaurant namens „Mundart“, das eine Deutsche gepachtet hat, kämpft sie mit dem Mikrofon. In dem Saal mit seinen 70 Anwesenden gibt es nur ein einziges, und es funktioniert nur ab und zu. Ausgerechnet bei der Auftaktveranstaltung ihres Wahlkampfes hat offenbar niemand an die Akustik gedacht. Also zirkuliert das einzige Mikro zwischen den Gästen und der Rednerin. Doch die Frau, von der sie hier alle Antworten erwarten, ist ungeduldig. Während die Fragesteller noch gar nicht fertig sind, streckt Versini ihnen bereits den Arm entgegen, als wolle sie sagen: „Her mit dem Mikro, ich hab verstanden.“

          Corinne Versini macht viele Gesten, die hauptberuflichen Politikern längst abtrainiert wurden. Sie sagt auch viele Worte, die sich Politiker abgewöhnt haben, etwa: „Darauf habe ich keine Antwort.“ Oder: „Ich kann nicht alle Lösungen bieten.“ Oder: „Ihren Arbeitsplatz kann ich nicht schützen.“ Am Ende erntet die Kandidatin im 4. Wahlkreis des Departements Bouches-du-Rhône dennoch Beifall. „Wir wissen, dass sie keine professionelle Politikerin ist, deshalb finden wir sie ja gut“, sagt ein junger Bankangestellter, der sich politischen Wandel in Marseille herbeisehnt, „weil die Dinge hier ja nicht immer so weitergehen können“.

          Corinne Versini hat vor acht Jahren nach einer schönen Karriere in den Firmen KPMG, IBM und STMicroelectronics die Selbständigkeit gewählt. Die Französin leitet ein Unternehmen namens Genes’Ink mit 18 Mitarbeitern. Wenn man verstehen will, was die Firma macht, muss man auf ihrer Website Abkürzungen wie OLED und OPV sowie RFID entschlüsseln. Übersetzt heißt das ungefähr, dass die Spezialtinten von Genes’Ink mit Hilfe von Nano-Partikeln, aufgetragen auf millimeterdünne, biegsame Flächen, Strom leiten, als Sensoren wirken oder mit Radiowellen kommunizieren können. Die meisten Beschäftigten von Genes’Ink sind promovierte Wissenschaftler.

          Arbeitgeber galten lange als Ausbeuter

          Und jetzt steht Corinne Versini, eine studierte Chemikerin, vor den Bürgern von Marseille. Sie wollen wissen, warum die Kreuzfahrtschiffe so nah an der Hafenmauer vorbeifahren, wie dyslexische Kinder in den lokalen Schulen betreut werden und mit welchen Mitteln sie die Sicherheit in Marseille verbessern will – in der Stadt, in der im vergangenen Jahr 34 Menschen durch Kugeln den Tod fanden, ein Dauerthema. Ihre Antworten fallen häufig etwas kurz aus. Mit vielen Worten wenig zu sagen, ist nicht ihre Stärke. In ihren Augen wäre das freilich auch eine Schwäche. Denn sie will sich nicht verstellen. „Authentisch sein – das ist das, was die Leute heute wollen“, sagt sie nachher im Gespräch am Tresen des Restaurants. „Wie kann ich alle Antworten parat haben? Ich kann sie erst haben, wenn ich die Themen durchgearbeitet habe, wenn ich mich mit den Betroffenen auseinandergesetzt habe. Erst danach kann ich eine sachdienliche Lösung haben. So funktioniert es auch in Unternehmen. Ansonsten würde ich nur Unsinn erzählen.“

          Eines verspricht Versini aber ihren Zuhörern. „Ich habe mit 16 zu arbeiten angefangen. Mein ganzes Leben habe ich viel gearbeitet – 35 Stunden pro Woche war nie meine Obergrenze. Ich werde mich mit voller Kraft für Sie einsetzen.“ Ihre beiden Hauptgegner werfen ihr vor, die Kandidatin „des Medef“, des französischen Arbeitgeberverbandes, zu sein. Offiziell mit den „Patrons“ in Kontakt zu stehen war in der französischen Politik lange Zeit ein Todeskuss für jeden Kandidaten. Arbeitgeber galten als Ausbeuter, von denen man sich fernzuhalten habe.

          Doch Versini sagt: „Wenn meine Nähe zum Medef gleichbedeutend ist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, dann stehe ich dazu.“ Die Kandidatin, die scheinbar alles falsch oder zumindest alles anders macht, liegt nach den Umfragen für die Parlamentswahlen heute auf dem zweiten Platz. Den lokalen Statthalter, den Sozialisten Patrick Mennucci, hat sie schon hinter sich gelassen. Nur der wortgewaltige Volkstribun Jean-Luc Mélenchon liegt vor ihr. Er ist eine Art französischer Oskar Lafontaine, der bei den Präsidentenwahlen im ersten Durchgang am 23. April 19,6 Prozent der Stimmen erhielt – nur 4,4 Prozent weniger als der Wahlsieger Emmanuel Macron.

          „Die Politik braucht neue Köpfe an ihrer Spitze“

          Corinne Versini ist Marcheuse und „start-uppeuse“, wie die französische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Capital“ formuliert. Unternehmensgründerin, weiblich und politisch aktiv auf einer Linie, die irgendwo zwischen links und rechts, aber oft auf einer wirtschaftsliberalen Linie liegt. Dieses Gemisch könnte kaum besser passen für die von Macron geplante politische Erneuerung. Dabei ist Versini ein Stück weit Politikerin wider Willen. Erst als sie sah, dass sich der landesweit bekannte Jean-Luc Mélenchon in ihrer Heimatstadt Marseille zur Wahl aufstellen ließ, entschloss sie sich zur Gegenkandidatur. Versini hält Mélenchon für einen gefährlichen Verführer. So sagt sie das nicht, denn Aggressivität gegen ihre Gegner ist nicht ihre Art. Sie sagt lediglich: „Die Politik braucht neue Köpfe an ihrer Spitze.“

          Warum tut sich die Frau so etwas an? In ihrem kleinen Unternehmen ist jede Arbeitsstunde wichtig, und jeder Mitarbeiter zählt. Die 56-Jährige hat drei erwachsene Kinder, doch der Jüngste steht mit seinen 22 Jahren noch nicht ganz auf eigenen Beinen. Sie findet, dass Frankreich in seiner Krise steckenbleibe, wenn jeder erwarte, dass immer nur andere sich einsetzen sollen.

          Macron habe sie von Anfang an überzeugt. Sie lernte ihn schon 2015 bei einem Besuch ihres Unternehmens kennen, als er noch Wirtschaftsminister war. Macron ist bis heute der Liebling von Start-up-Unternehmern wie Versini. Er besuchte, ermutigte und förderte sie, wo er konnte. „Wir haben viel gesprochen über Fragen der Wirtschaft und der Innovation. Ich habe gespürt, wie entschlossen er war. Von Anfang an habe ich an sein Projekt geglaubt“, erzählt sie.

          Ihr Bruder hatte ihr früher schon gesagt, dass sie in die Politik gehen solle. Doch sie schüttelte immer den Kopf. „Ich sah mich nie in dieser Rolle. Ich bin viel zu geradeheraus. Doch heute merke ich, dass die Leute genau das wollen.“

          Eine Wirtschaftstreibende für Macron: Corinne Versini

          Wenn Unternehmer wie Versini und Bonnell als Abgeordnete in die Nationalversammlung einziehen werden, wollen sie die operative Führung an Manager abgeben. Ihre Beteiligungen dürfen sie nach der französischen Gesetzeslage behalten. Ende 2014 urteilte der französische Verfassungsrat über den Unternehmer und Senator Serge Dassault, dem unter anderem der gleichnamige Flugzeug- sowie Softwarehersteller und die Tageszeitung „Le Figaro“ gehören. Weil er diese Unternehmen nicht operativ führe, sei dieses Engagement mit seinem Abgeordnetenmandat vereinbar, entschied der Verfassungsrat.

          Die Gegner der Macron-Kandidaten versuchen die unternehmerische Vergangenheit auszunutzen. Bruno Bonnell werden fragwürdige Steuerregelungen mit dem amerikanischen „Steuerparadies“ Delaware vorgeworfen, was er abstreitet. Die Neulinge lernen, dass man harte Bandagen für den politischen Wettbewerb braucht. Gegen den Stellvertreter von Versini, Said Ousmane Diallo, wird eine Affäre aus dem Jahr 2012 ausgegraben, als dieser angeblich in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen indirekt gewalttätige Drohungen gegen den Lokalpolitiker Mennucci ausgesprochen haben soll – was er bestreitet. Willkommen in Marseille, denken da viele Franzosen.

          Solche Attacken haben die hohen Umfragewerte vieler Kandidaten von „En Marche“ nicht beeinträchtigt. Wie Wasser scheinen die Vorwürfe abzuperlen. Der politische Traum von Bruno Bonnell könnte in Erfüllung gehen. Der Unruhegeist setzt sich immer wieder neue Herausforderungen – nicht nur im Beruflichen. Vor dem Vierzigsten lief er den Marathon von New York, vor dem Fünfzigsten überquerte er den Atlantik in einem Segelboot, und vor dem Sechzigsten, also im nächsten Jahr, will er noch mal das Abitur bestehen, das er zum ersten Mal schon mit sechzehn ablegte. Sollte er zu dieser Zeit Abgeordneter sein, will er an dem Plan trotzdem festhalten. „Doch das mache ich dann ganz für mich allein, unbegleitet von Fotografen. Denn mein Privatleben ist mir heilig.“

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