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Parlamentswahl in Frankreich : Präsident der Bosse

Corinne Versini hat vor acht Jahren nach einer schönen Karriere in den Firmen KPMG, IBM und STMicroelectronics die Selbständigkeit gewählt. Die Französin leitet ein Unternehmen namens Genes’Ink mit 18 Mitarbeitern. Wenn man verstehen will, was die Firma macht, muss man auf ihrer Website Abkürzungen wie OLED und OPV sowie RFID entschlüsseln. Übersetzt heißt das ungefähr, dass die Spezialtinten von Genes’Ink mit Hilfe von Nano-Partikeln, aufgetragen auf millimeterdünne, biegsame Flächen, Strom leiten, als Sensoren wirken oder mit Radiowellen kommunizieren können. Die meisten Beschäftigten von Genes’Ink sind promovierte Wissenschaftler.

Arbeitgeber galten lange als Ausbeuter

Und jetzt steht Corinne Versini, eine studierte Chemikerin, vor den Bürgern von Marseille. Sie wollen wissen, warum die Kreuzfahrtschiffe so nah an der Hafenmauer vorbeifahren, wie dyslexische Kinder in den lokalen Schulen betreut werden und mit welchen Mitteln sie die Sicherheit in Marseille verbessern will – in der Stadt, in der im vergangenen Jahr 34 Menschen durch Kugeln den Tod fanden, ein Dauerthema. Ihre Antworten fallen häufig etwas kurz aus. Mit vielen Worten wenig zu sagen, ist nicht ihre Stärke. In ihren Augen wäre das freilich auch eine Schwäche. Denn sie will sich nicht verstellen. „Authentisch sein – das ist das, was die Leute heute wollen“, sagt sie nachher im Gespräch am Tresen des Restaurants. „Wie kann ich alle Antworten parat haben? Ich kann sie erst haben, wenn ich die Themen durchgearbeitet habe, wenn ich mich mit den Betroffenen auseinandergesetzt habe. Erst danach kann ich eine sachdienliche Lösung haben. So funktioniert es auch in Unternehmen. Ansonsten würde ich nur Unsinn erzählen.“

Eines verspricht Versini aber ihren Zuhörern. „Ich habe mit 16 zu arbeiten angefangen. Mein ganzes Leben habe ich viel gearbeitet – 35 Stunden pro Woche war nie meine Obergrenze. Ich werde mich mit voller Kraft für Sie einsetzen.“ Ihre beiden Hauptgegner werfen ihr vor, die Kandidatin „des Medef“, des französischen Arbeitgeberverbandes, zu sein. Offiziell mit den „Patrons“ in Kontakt zu stehen war in der französischen Politik lange Zeit ein Todeskuss für jeden Kandidaten. Arbeitgeber galten als Ausbeuter, von denen man sich fernzuhalten habe.

Doch Versini sagt: „Wenn meine Nähe zum Medef gleichbedeutend ist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, dann stehe ich dazu.“ Die Kandidatin, die scheinbar alles falsch oder zumindest alles anders macht, liegt nach den Umfragen für die Parlamentswahlen heute auf dem zweiten Platz. Den lokalen Statthalter, den Sozialisten Patrick Mennucci, hat sie schon hinter sich gelassen. Nur der wortgewaltige Volkstribun Jean-Luc Mélenchon liegt vor ihr. Er ist eine Art französischer Oskar Lafontaine, der bei den Präsidentenwahlen im ersten Durchgang am 23. April 19,6 Prozent der Stimmen erhielt – nur 4,4 Prozent weniger als der Wahlsieger Emmanuel Macron.

„Die Politik braucht neue Köpfe an ihrer Spitze“

Corinne Versini ist Marcheuse und „start-uppeuse“, wie die französische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Capital“ formuliert. Unternehmensgründerin, weiblich und politisch aktiv auf einer Linie, die irgendwo zwischen links und rechts, aber oft auf einer wirtschaftsliberalen Linie liegt. Dieses Gemisch könnte kaum besser passen für die von Macron geplante politische Erneuerung. Dabei ist Versini ein Stück weit Politikerin wider Willen. Erst als sie sah, dass sich der landesweit bekannte Jean-Luc Mélenchon in ihrer Heimatstadt Marseille zur Wahl aufstellen ließ, entschloss sie sich zur Gegenkandidatur. Versini hält Mélenchon für einen gefährlichen Verführer. So sagt sie das nicht, denn Aggressivität gegen ihre Gegner ist nicht ihre Art. Sie sagt lediglich: „Die Politik braucht neue Köpfe an ihrer Spitze.“

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