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Parlamentswahl in Frankreich : Präsident der Bosse

Warum nur? Bruno Bonnell bezeichnete sich lange Zeit als einen „Patron de gauche“, einen Arbeitgeber mit einem Herzen, das links schlägt. Er erzählt, dass ein früherer Widerstandskämpfer, der viel für das Soziale übrig hatte, ihn in seinen jungen Jahren prägte. Das ideologische Wechselspiel von links nach rechts und zurück habe Frankreich aber in die Krise geführt. Macron dagegen erkenne die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und habe die Intelligenz, das Charisma und den Tatendrang, um Frankreich zu modernisieren. Neben seinen wirtschaftsliberalen Forderungen, „die aber nicht zu brutal sind und damit wie bei François Fillon zum Scheitern verurteilt wären“, schätzt Bonnell vor allem die proeuropäische Ausrichtung des Präsidenten. „In meinen jungen Jahren haben mich die Schüleraustausche mit Deutschland tief geprägt“, erzählt er, „meine Jugenderfahrungen – die erste Freundin, Biertrinken aus einem Glas in Stiefelform, das Finale der Fußball-WM 1974 zwischen Deutschland und Holland – all das verbinde ich mit Deutschland, in meinem Fall mit unserer Partnerstadt Nürtingen.“ Ohne dass er sich das lange Zeit bewusst gemacht habe, sei seine Nähe zu Deutschland und der damit verbundene Abbau von Vorurteilen „der Ausgangspunkt“ seines politischen Engagements.

Bruno Bonnell (links) im Wahlkampf

Bruno Bonnell hat gute Chancen, seinen Wahlkreis zu gewinnen. Laut Umfragen stellt er die sozialistische Gegenkandidatin und frühere Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem weit in den Schatten. Wie dem Präsidenten scheint den Kandidaten von „En Marche“ derzeit alles zuzufliegen. Auch wenn fast die Hälfte von ihnen nach den Vorgaben Macrons Politik-Neulinge sind, scheinen die französischen Wähler ihnen eine Chance geben zu wollen. Ihre Gegenkandidaten haben mit dem Malus zu kämpfen, dass sie aus den Altparteien stammen. Von ihnen wollen die Franzosen fast nichts mehr wissen. Voller Experimentierlust sind die Bürger bereit, auf die Quereinsteiger zu setzen.

„Weil die Dinge nicht immer so weitergehen können“

Szenenwechsel: Corinne Versini in Marseille ist auch so eine Novizin der Politik. In einem Restaurant namens „Mundart“, das eine Deutsche gepachtet hat, kämpft sie mit dem Mikrofon. In dem Saal mit seinen 70 Anwesenden gibt es nur ein einziges, und es funktioniert nur ab und zu. Ausgerechnet bei der Auftaktveranstaltung ihres Wahlkampfes hat offenbar niemand an die Akustik gedacht. Also zirkuliert das einzige Mikro zwischen den Gästen und der Rednerin. Doch die Frau, von der sie hier alle Antworten erwarten, ist ungeduldig. Während die Fragesteller noch gar nicht fertig sind, streckt Versini ihnen bereits den Arm entgegen, als wolle sie sagen: „Her mit dem Mikro, ich hab verstanden.“

Corinne Versini macht viele Gesten, die hauptberuflichen Politikern längst abtrainiert wurden. Sie sagt auch viele Worte, die sich Politiker abgewöhnt haben, etwa: „Darauf habe ich keine Antwort.“ Oder: „Ich kann nicht alle Lösungen bieten.“ Oder: „Ihren Arbeitsplatz kann ich nicht schützen.“ Am Ende erntet die Kandidatin im 4. Wahlkreis des Departements Bouches-du-Rhône dennoch Beifall. „Wir wissen, dass sie keine professionelle Politikerin ist, deshalb finden wir sie ja gut“, sagt ein junger Bankangestellter, der sich politischen Wandel in Marseille herbeisehnt, „weil die Dinge hier ja nicht immer so weitergehen können“.

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