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Paris : Junge Stadt der Liebe und der Leiden

Die Metro verstopft, die RER gestrichen, der Vorstadtzug verspätet - Alltag der „Franciliens“. Bild: AP

Am Sonntag wählen die Pariser eine Bürgermeisterin. Wie geht es dann mit Frankreichs Hauptstadt weiter? Klar ist: Von seinem Speckgürtel kann sich Paris in seiner halbheilen Welt nicht mehr abschotten.

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          Mit einem hellen Klicken öffnet sich das Schloss des grauen Drahtesels. Man legt seine Bahnkarte einfach auf das Elektronikfeld eines Stahlpfostens neben dem Zweirad, und schon geht die Verriegelung auf. Die Tour mit dem städtischen Mietfahrrad an der Seine kann beginnen. Ein Lastkahn mit verschwitzten Arbeitern macht gerade am Ufer hinter einem Touristenboot fest; Rollschuhfahrer gleiten vorbei, Kinder recken sich an Klettergerüsten; zwischen großen Töpfen voll Gras und Bäumen öffnet sich der Blick auf das Glasdach des Grand Palais. Ein Café-Betreiber stellt Klappstühle auf. Hundebesitzer schlendern mit ihren Vierbeinern vorbei.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Vor einem Jahr wäre man hier noch von einer zweispurigen Blechwelle überrollt worden. Doch der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë verbannte im Sommer den Autoverkehr und gab das linke Seine-Ufer im Herzen von Paris auf den gut zwei Kilometern zwischen dem Pont de l’Alma und dem Musée d’Orsay an die Fußgänger und motorlosen Zweiradfahrer zurück. Der Aufschrei der Autolobby und einiger Politiker ist verklungen. Sie haben sich damit abgefunden, dass die Staus anderswo etwas dichter wurden. Doch dafür bekamen die Pariser 4,5 Hektar wassernahe Idylle mitten in Paris geschenkt. Die Ufergängerzone von Delanoë gehört zu seiner Philosophie, das Leben der nichtmotorisierten Stadtbewohner angenehmer zu machen und dabei alle Kraftfahrzeuge mit Diesel- und Benzinantrieb bewusst zu übergehen. Der Autofeind Delanoë baute Parkplätze ab, führte Busspuren ein, ließ neue Straßenbahnen errichten und startete ein öffentliches Mietsystem für Elektroautos. Auch die gut 20.000 städtischen Mietfahrräder, deren Nutzung in der ersten halben Stunde kostenlos ist, gehen auf ihn zurück. Alle paar hundert Meter sind ihre Stationen zu finden – keine andere Stadt der Welt hat ein so dichtes Netz.

          Wie aber geht es in Paris nach Delanoë weiter? Nach zwei Amtszeiten über 13 Jahre will der 63 Jahre alte Sozialist nicht mehr antreten. Seine langjährige Stellvertreterin Anne Hidalgo hat gute Chancen auf seine Nachfolge. Es fehlt ihr zwar an Charisma, und ihre bürgerliche Gegnerin Nathalie Kosciusko-Morizet, genannt NKM, hat als ehemalige Umweltministerin das schärfere politische Profil. Doch Hidalgo profitiert von der Beliebtheit Delanoës, der auf seiner letzten Stadtratssitzung Beifall von links und rechts erhielt. Paris befindet sich besonders im Osten, Norden und Süden seit geraumer Zeit in der Hand von gemäßigten Sozialisten, die man in Deutschland als Sozialdemokraten bezeichnen würde. Die Pariser Grünen, eine Art französische „Realos“, unterstützen Hidalgo.

          Die Kandidatinnen versprechen viel - ob sie es auch halten können?

          Doch wie gehabt soll es deshalb nicht weitergehen. „Keine der Kandidatinnen präsentiert revolutionäre Vorschläge, denn das Geld ist knapp, dennoch haben sie den Mund ziemlich voll genommen“, sagt Charles Nicolas, Stadtexperte beim Pariser Beratungsinstitut Montaigne. Hidalgo will viel mehr Sozialwohnungen schaffen, NKM mehr Wohnraum für Mittelklassefamilien. Hidalgo kündigt neue Fahrradwege und Straßenbahnen an, NKM längere Öffnungszeiten von Metro, Kitas, Schwimmbädern und Behörden. Hidalgo will mehr bürgernahe Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten, NKM mehr Videokameras. Hidalgo möchte die Verkehrsader Avenue Foche im Westen weitgehend in einen Park umwandeln; NKM will einen Teil der Stadtautobahn „Périphérique“ überdachen, begrünen und bebauen. In ausrangierten Metrostationen sollen nach dem Wunsch von NKM auch Schwimmbäder, Restaurants und Theater entstehen. 7 bis 8 Milliarden Euro wollen die beiden Kandidatinnen über sechs Jahre jeweils investieren, die laufenden Ausgaben sollen dabei stabil bleiben. NKM glaubt, dass sie die lokalen Steuern trotz geringerer Überweisungen aus der nationalen Kasse um 100 Millionen Euro senken kann, Hidalgo verspricht dagegen Stabilität der Steuerbelastung.

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