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Paris : Junge Stadt der Liebe und der Leiden

Die stellvertretende Bürgermeisterin versucht dabei auf Delanoës Bilanz aufzubauen, die sich durchaus sehen lassen kann: Die Steuerbelastung und die städtische Mitarbeiterzahl sind zwar gestiegen, doch auch die Investitionen in Sozialwohnungen, Sportanlagen, Bibliotheken und Kulturstätten. Die Verschuldung blieb unter dem nationalen Durchschnitt. Nach langem Bevölkerungsschwund sind unter Delanoë wieder mehr Menschen und Unternehmen nach Paris zurückgekehrt. Die Luftqualität ist dank des gesunkenen Autoverkehrs insgesamt besser geworden, auch wenn sie noch lange nicht gut ist und in Spitzenzeiten immer noch neue Tiefstände erreicht so wie in den vergangenen Wochen. Die Kandidatinnen werfen sich gegenseitig vor, Dieselfahrzeuge gefördert, statt gebremst zu haben. Daneben sind aber auch Industrie-, Heizungs- und landwirtschaftliche Abgase verantwortlich, die aus dem näheren und weiteren Umland kommen.

Dies wirft ein Schlaglicht auf die Sonderlage von Paris. Die Metropole ist ein dichtbesiedelter, aber kleiner Fleck mit 2,3 Millionen Einwohnern inmitten des Molloch „Île de France“, der fast 12 Millionen Menschen beherbergt. Paris ist eine der kleinsten Weltstädte, selbst Toulouse verfügt über mehr Fläche, Rom hat elfmal so viel. Wie in einem lebenden Museum sind die Bürgerhäuser, Kirchen und Plätze im Herzen der Stadt herausgeputzt, doch das ist nur möglich, weil die Problemzonen außerhalb liegen. Die Aufstände der Immigrantenkinder brachen 2005 nicht umsonst in den nördlichen Banlieues jenseits der Stadtgrenze des Périphérique aus. Viele Pariser kennen die ärmlichen Vorstädte nur von der Fahrt zum Stade de France in Saint-Denis oder vom Weg zum Flughafen Roissy-Charles de Gaulle. Die Unruhen verfolgten sie am Fernseher.

Im Ballungsraum ist der Pariser Bürgermeister einer von vielen

Doch heute kann sich Paris in seiner halbheilen Welt nicht mehr abschotten von seinem Gürtel, der immer mehr Speck enthält. Ob bei Luftqualität, öffentlichem Verkehr, Müll oder Straßenplanung – die Kommunen müssen zusammenarbeiten. Aber im Gegensatz zu allen anderen französischen Großstädten gibt es keinen Kommunalverband für Paris und sein Umland. Dieser soll durch die Einführung der „Métropole du Grand Paris“ erst 2016 kommen. „Darüber wurde im Wahlkampf überhaupt nicht gesprochen. Doch ich erwarte dadurch einen Transfer von Kompetenzen und von Budgetmitteln. Die reichen Departements werden etwa unter Druck kommen, mehr Sozialwohnungen zu bauen“, sagt Philippe Subra, Geographie-Professor an der Universität in Saint-Denis. Wenn es um die Macht im Ballungsraum geht, ist die Stimme des Pariser Bürgermeisters somit nur eine von vielen.

Die Regierung auf nationaler Ebene redet ebenso mit wie die Region Île de France, sieben umliegende Departements, 400 Kommunen sowie zahlreiche Kommunalverbände. Die anstehende Gebietsreform soll einfachere Strukturen, mehr Effizienz und dadurch Einsparungen bringen. In der Vergangenheit lebten die alten Verwaltungsebenen mit ihren vielen Beamten indes immer weiter, wenn eine neue Behörde geschaffen worden war. Seitdem sprechen die Franzosen von dem „mille-feuille“ ihres Verwaltungsapparates – tausend Papiere, tausend Türen, wie bei Kafka.

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