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Ostseepipeline : Mit hunderttausend Röhren nach Russland

  • -Aktualisiert am

47.000 Rohre lagern auf der Insel Rügen. Jedes einzelne ist so teuer wie ein Kleinwagen Bild: Anja Franzke / F.A.Z.

In wenigen Tagen geht es los: Vorbei an den Heringgründen und an Minen aus dem Zweiten Weltkrieg wird die Pipeline durch die Ostsee gelegt. 100.000 Röhren werden allein für die erste Trasse benötigt; jede einzelne so teuer wie ein Kleinwagen. Die hohen Kosten könnten die Kunden treffen.

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          Selbst der Ostsee-Hering wird das deutsch-russische Milliardenprojekt jetzt nicht mehr bremsen. Er laicht noch bis Mai. Bis dahin werden deshalb vor der Küste bei Greifswald noch keine Gasrohre verlegt werden. Doch auf hoher See, etwa 60 Kilometer vor der schwedischen Insel Gotland, beginnt in diesen Tagen der Bau der Pipeline. Es wird Zeit. Man ist schon ein Jahr im Verzug.

          Das 1224 Kilometer lange und 1,1 Meter breite Rohr auf dem Grund der Ostsee verbindet die sibirischen Gasvorkommen mit der europäischen Kundschaft. Der Staatskonzern Gasprom kann zudem die Ukraine und andere osteuropäische Transitländer umgehen, die für Pipelines durch ihr Land nicht nur Gebühren kassieren, sondern gelegentlich auch Gas abzapfen. Aus Ärger darüber hatte Russland im Vorjahr eine Land-Pipeline zeitweise stillgelegt.

          Schröders Pipeline wird das 7,4 Milliarden Euro teure Projekt genannt, weil der ehemalige deutsche Kanzler es 2005 mit dem damaligen Präsidenten Wladimir Putin vereinbart hat. Nicht nur baltische Politiker reagierten damals gereizt, auch in Polen empörte man sich über dieses deutsch-russische Umgehungsgeschäft und bezeichnete es in Erinnerung an frühere Verträge aus der Hitler-Stalin-Ära boshaft als „Schröder-Putin-Pakt“.

          1224 Kilometer, so lang wie der Rhein, wird die Pipeline von Wyborg nach Greifswald

          Der Altkanzler ist jetzt Chef des Aktionärsausschusses der russisch-deutschen Nord Stream AG, die die Pipeline baut und betreiben wird. Gasprom hat 51 Prozent an dieser Gesellschaft, den Rest teilen sich Eon Ruhrgas, BASF/Wintershall und der holländische Versorger Gasunie.

          100.000 Rohre - allein für die erste Trasse

          Welche gigantischen Dimensionen die Pipeline hat, das erahnt man zurzeit am besten im Hafen Mukran auf der Insel Rügen. Da stapeln sich auf einer Länge von mehreren Kilometern schon 47.000 Rohre. Und noch immer kommen täglich bis zu drei Güterzüge aus dem Ruhrgebiet, die weitere Ware der Firma Europipe aus Mülheim herankarren. In Mukran werden die 12 Meter langen und etwa zehn Tonnen schweren Stahlrohre mit Beton ummantelt und dann auf Zwischenlager in Schweden und Finnland verteilt, um die Wege zu den Verlegeschiffen zu verkürzen, die - sofern keine Stürme toben - täglich drei Kilometer Pipeline auf den Meeresboden absenken können.

          Für die erste Trasse der Ostsee Pipeline, die bis 2011 verlegt werden soll, braucht man etwa 100.000 Rohre. Mit der Fertigstellung der zweiten Trasse bis 2012 verdoppelt sich dann die jährliche Gasmenge, die nach Europa geblasen wird, auf 55 Milliarden Kubikmeter. Das entspricht einem Zehntel dessen, was die EU verbraucht: 26 Millionen Haushalte können damit ein Jahr kochen und heizen. Das Gas braucht etwa drei Tage zwischen Wyborg und Lubmin bei Greifswald, wo es dann in zwei Überlandleitungen verteilt wird.

          Jede Röhre ist so teuer wie ein Kleinwagen

          Wenn der Logistik-Manager von Nord Stream, Klaus Schmidt, sein Röhrenlager inspiziert, streicht er fast ehrfürchtig über die Betonhülle. „Jede Röhre kostet 15.000 Euro und ist damit so teuer wie ein Kleinwagen.“ Nicht nur der Präzisionsstahl geht ins Geld, sondern auch die teure und aufwendige Ummantelung mit Beton. Sie soll nicht nur den Stahl schützen vor mechanischen Schäden und Korrosion, sondern auch das Gewicht auf ungefähr 20 Tonnen verdoppeln, damit die Röhre stabil liegt und im Wasser nicht aufschwimmt. Daher mischt man in den Zement viel Eisenerz, was schwerer, aber auch teurer ist als Kies.

          Jedes der Rohre, das demnächst auf dem Boden der Ostsee verschwindet und zu drei Vierteln in Deutschland gefertigt wurde, hat nicht nur eine Nummer, sondern auch - wie ein Produkt im Supermarkt - einen elektronischen Barcode. Denn die Röhren sind zwar gleich lang, aber nicht identisch. Die Wandstärke reicht von 26 bis 41 Millimetern. Entsprechend werden sie verlegt: Die dünnen nahe der deutschen Küste, denn dort ist der Betriebsdruck „nur“ noch 100 Bar, während in Russland das Gas mit 220 Bar in die Pipeline gepresst wird. Das braucht dickere Rohre.

          Um auch die leichten, weil dünneren Stahlrohre auf dem Untergrund der eher flachen Ostsee (die mittlere Wassertiefe beträgt nur 55 Meter) sicher zu lagern, ist der Betonmantel schwerer. „Die Stabilisierung der Pipeline erreichen wir vor allem durch das Gewicht“, versichert Schmidt. „Nur an den Stellen, wo es Unterwasserströmungen gibt oder ein Schiff das Rohr beschädigen könnte, wird die Pipeline eingegraben.“

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