https://www.faz.net/-gqe-7pjhv

Online-Portale der Krankenkassen : Krankenhäuser wollen sich nicht vergleichen lassen

Mundschützer. Kliniken sind gegen die Bewertung ihrer Leistungen im Internet Bild: Lisowski, Philip

Auf Bewertungsportalen können Patienten gute Krankenhäuser suchen. Die Kliniken mögen das gar nicht. Sie kämpfen dagegen - ausgerechnet mit einem Gesetz, das die Gesundheitsversorgung verbessern soll.

          3 Min.

          Sie heißen Krankenhausnavi, Klinikfinder oder Klinikführer. Die Internetseiten der Krankenkassen, auf denen Patienten Bewertungen und Daten von Kliniken vergleichen können, stoßen beim Publikum auf großes Interesse. Nur bei den Krankenhäusern sind sie nicht beliebt. Deren Vertretung Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sind sie ein Dorn im Auge. Sie wittert jetzt eine Chance, die ungeliebten Vergleichsportale abzuschalten. Mittel zum Zweck ist ausgerechnet das neue Gesetz für mehr Versorgungsqualität.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Die Regierung will eigens ein neues „Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen“ gründen. Es soll Daten über die Behandlungen erheben und so aufarbeiten, dass Patienten sich auch ohne Medizinstudium ein Bild über Kliniken machen können.

          Die Krankenhäuser hielten sehr viel von dem neuen Institut, sagt DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum dieser Zeitung, um hinzuzufügen: „Mit dem staatlichen Qualitätsinstitut wird den selbstgestrickten und absolut intransparent erstellten Vergleichen ein Ende gemacht.“ In der Stellungnahme zur Anhörung des Bundestages an diesem Mittwoch zum neuen Gesetz wird die DKG deutlicher. Dort heißt es, durch das Institut „werden die interessengeleiteten Krankenhausportale der Krankenkassen überflüssig, die Kassen sollten daher von der Verpflichtung zur Veröffentlichung der Qualitätsdaten entbunden werden“. Zu Deutsch: Ein Vergleich reicht, der Gesetzgeber soll die Portale der Kassen abschaffen.

          Hunderttausende nutzen die Dienste

          Kassenvertreter lehnen das ab. „Wir werden das weiterverfolgen, das ist eine Serviceleistung“, heißt es bei der Techniker Krankenkasse (TK). 300.000 Besuche hat die größte Kasse voriges Jahr beim ihrem „Klinikführer“ registriert. Fast zwei Drittel der nach einem Klinikaufenthalt angeschriebenen 398.000 Versicherten hätten die 44 Fragen beantwortet. Auch Barmer/GEK und AOK berichten nur Positives. Der Vorstandsvorsitzende der Barmer/GEK, Christoph Straub, erinnert daran, dass erst die Kassen die Qualitätsberichte der Krankenhäuser aufbereitet und in eine laienverständliche Form gebracht hätten. Die Versicherten bäten immer häufiger um Hilfe, auf der Suche nach dem richtigen Krankenhaus. „Alleine unser Krankenhausnavi verzeichnet rund 300.000 Besucher im Jahr.“

          „Jeden Tag nutzen zigtausend Menschen die Krankenhausnavigatoren im Internet, Tendenz steigend“, sagte Jürgen Graalmann, Vorsitzender des AOK-Bundesverbands. Man wolle das Angebot ausbauen. „Diese etablierten unabhängigen Informationsquellen dürfen jetzt nicht den Lobbyinteressen einiger Krankenhäuser geopfert werden.“ Tatsächlich hatten einige Kliniken damit gedroht, gegen die Veröffentlichung ihrer Daten zu klagen.

          Was die Krankenhausträger an den Internetseiten der Kassen stört, ist die Vermischung von „weichen“ Informationen aus den Patientenbefragungen der Kassen und „harten“ aus den bundeseinheitlich erhobenen Daten über den Verlauf von Operationen und Behandlungen. Auf einen Blick zeigen die Internetseiten, wie viele Kliniken im Umkreis die Behandlung anbieten, wie oft sie vorgenommen wurde, wie zufrieden die Patienten waren. Die Werte schwanken von unter 70 Prozent bis über 90 Prozent. Die Kassen heben hervor, sie erstellten keine Rangfolge. Das muss der Patient selbst erledigen. Per Mausklick sind Vergleiche zwischen Kliniken möglich: Fallzahlen, Abteilungen, Andachtsraum, Nasszelle im Zimmer, Internet am Bett.

          Die Daten stammen aus obligatorischen Qualitätsberichten

          Wer tiefer einsteigen will, kann erkunden, ob und wie Qualitätsindikatoren für Operationen erreicht wurden. Ein grüner Punkt sagt „Alles in Ordnung“. Doch kommen auch gelbe, graue oder rote Punkte vor, sie signalisieren weitere Prüfungen, Auffälligkeiten. Nicht selten heißt es: „Zu diesem Indikator liegen keine Angaben vor.“ Auch das kann eine Hilfe sein.

          Die Daten stammen aus den Qualitätsberichten, welche die Kliniken seit 2003 schreiben müssen. Die werden aufgearbeitet und als „Weiße Liste“ von Bertelsmann Stiftung, Patienten- und Verbraucherverbänden veröffentlicht. Viele Kassen nutzen sie, angereichert mit Umfrageergebnissen, für ihre Seiten.

          Wenn die Qualitätsdaten künftig anders erhoben und verglichen werden, betrifft das Kliniken, Institut und Portalbetreiber. „Die Regierung sollte nicht den Fehler machen, die Frage der Schnittstelle zwischen Institut und Portalen ungeklärt zu lassen“, warnt der Verbraucherzentrale Bundesverband. Portale hätten „eine große Bedeutung für die Qualität der Qualitätsdarstellung“.

          Das findet auch Ulrike Elsner, die Chefin des Ersatzkassenverbands. Dennoch kann sie sich vorstellen, diese Aufgabe dem neuen Institut zu überantworten. „Wenn das neue Qualitätsinstitut damit beauftragt wird, diese wichtigen Informationen in Zukunft aufzubereiten und bereitzustellen, kann es dies aus unserer Sicht tun, wir sehen darin kein explizites Wettbewerbsfeld.“ Doch dürften die Kassen nicht abgehängt werden: „Die rigide Forderung der DKG, den Kassen die Veröffentlichung zu verbieten, können wir nicht nachvollziehen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der Kritik: Der neue Awo-Vorstand Steffen Krollmann liegt über Kreuz mit seinem alten Arbeitgeber.

          F.A.Z. exklusiv : Awo-Dienstwagen für den Ehepartner

          Die Staatsanwaltschaft weitet die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt aus. Der neue Awo-Chef muss sich derweil gegen Vorwürfe seines ehemaligen Arbeitgebers zur Wehr setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.