https://www.faz.net/-gqe-11oul

Ohne Entwicklungshilfe : Jetzt sollen die Kapitalisten Afrika retten

Bild: F.A.Z.

Jahrzehnte der Entwicklungshilfe haben Afrika noch ärmer gemacht. Jetzt entdecken private Investoren den schwarzen Kontinent. Sie kaufen Firmen, investieren an den Börsen und beliefern die kleine, konsumhungrige Mittelschicht. Daraus könnte eine große Wachstumsgeschichte werden.

          4 Min.

          Der erste Anblick macht wenig Mut. Er bestätigt genau das Bild, das sich Europäer vom armen Afrika machen: Menschen in Lehmhütten, holprige Straßen, ein primitiver Holzpflug auf dem Acker - das erwartet den Reisenden, der im zentralafrikanischen Ruanda aufs Land fährt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch die Hauptstadt Kigali bietet ein anderes Bild: gut ausgebaute Straßen, neue Wohnviertel, in die auch Deutsche ziehen würden, das erste Bürohochhaus und die Baustelle eines Kongresszentrums. Glasfaserkabel wird in der Stadt verlegt. Von vielen Slums bleiben nur noch Reste. Sie wurden abgerissen, um Platz für neue Häuser mit Wasser- und Stromanschluss zu schaffen.

          Kigali steht für den Aufbruch, den Ruanda und andere zentralafrikanische Staaten anstreben. Das Land, 1994 Schauplatz eines Völkermordes mit einer Million Toten und einer der ärmsten Staaten Afrikas, will die blutige Vergangenheit abstreifen und der Armut entfliehen. Da Ruanda vergleichsweise wenig Rohstoffe besitzt, muss es auf andere Weise Geld verdienen.

          Inflation halbiert

          "Wir wollen zu einem Dienstleistungszentrum für die Region werden", sagt Staatspräsident Paul Kagame und träumt von einem Singapur Afrikas. Neue Büros, eine moderne IT-Infrastruktur, eine Bahnlinie und ein größerer Flughafen sollen dafür entstehen. Das Land wirbt mit Steueranreizen, investorenfreundlichen Gesetzen sowie weniger Korruption und mehr Sicherheit als in den Nachbarstaaten.

          Ähnlich kühne Pläne schmieden viele in der Region südlich der Sahara und nördlich von Südafrika. Hier ist der Kontinent besonders arm. Wieder einmal hoffen die Länder, aus der Krise zu kommen. Es gelang noch nie. Aber diesmal sind die Chancen größer - mit privaten Investoren, ganz ohne die Geschenke von Entwicklungshelfern.

          Die Bedingungen sind gut, denn die Auslandsverschuldung der Region ist stark zurückgegangen. Die Inflation hat sich seit den neunziger Jahren halbiert, und die Länder haben ihre Gesetze marktwirtschaftlicher gestaltet. So wird Zentralafrika auch für private Investoren aus Industrieländern interessant.

          Die Region könnte eine Erfolgsgeschichte werden, wie sie China und Indien, die asiatischen Tigerstaaten Südkorea oder Taiwan, aber auch die Schwellenländer Lateinamerikas seit vielen Jahren schreiben. Wer dort früh investiert hatte, kann sich heute über astronomische Gewinne von mehreren tausend Prozent freuen.

          Darauf hoffen Anleger, wenn sie jetzt vermehrt in Afrika einsteigen. Auf diesem Kontinent könnte sich die Wachstumsgeschichte der Schwellenländer wiederholen. Und so werden immer neue Fonds und Zertifikate mit Anlageschwerpunkt im Afrika südlich der Sahara aufgelegt. Und immer mehr Unternehmen kaufen sich dort ein. Noch nie stand der Erdteil stärker im Fokus privater Investoren.

          „Diesmal glaube ich wirklich daran“

          Sie könnten den Fortschritt bringen, den die Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten sucht, aber nicht findet. Trotz Hilfen von mehr als einer Billion Dollar in den vergangenen 50 Jahren ist der Wohlstand Afrikas gegenüber dem Rest der Welt weiter zurückgefallen. In seiner Entwicklung hinkt der Kontinent sogar dem eigenen Stand zum Ende der Kolonialzeit in den 60er Jahren hinterher, als afrikanische Länder noch reicher waren als die heute so erfolgreichen asiatischen Staaten. Heute macht der Anteil Afrikas am Welthandel gerade noch etwa ein Prozent aus.

          Daher kommt die neue Hoffnung für Zentralafrika auch weniger aus der Entwicklungshilfe der Industriestaaten, die demnächst noch massiv aufgestockt werden soll. Hoffnung macht das private Geld, das zunehmend auf den Kontinent strömt: durch Beteiligungsgesellschaften wie die deutsche Altira-Gruppe, die sich in lokale Unternehmen einkaufen. Durch große und kleine Anleger, die sich über Fonds und Zertifikate an lokalen Börsen engagieren. Durch Überweisungen der steigenden Zahl afrikanischer Gastarbeiter im Ausland. Und immer mehr auch durch westliche Unternehmen, die in Afrika Tochtergesellschaften gründen.

          Sie alle investieren in Afrika südlich der Sahara, weil sich in den vergangenen Jahren vieles positiv verändert hat. „Diesmal glaube ich wirklich daran, dass Afrika es schaffen kann“, sagt Alistair Newton, ehemaliger außenpolitischer Berater des früheren britischen Premiers Tony Blair. Das Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika liegt seit mehreren Jahren über fünf Prozent. Im Krisenjahr 2009 wird es zwar leiden, vor allem in den Ländern, die stark von Rohstoffen abhängen. Denn deren Preise sind stark gefallen. Aber schon im nächsten Jahr wird die Region wieder um mehr als vier Prozent wachsen, schätzen Ökonomen. Mehr schafft nur Asien (siehe Grafik).

          Die Region ist auch sicherer geworden, weil sie weniger militärische Konflikte erleidet und die politischen Systeme in einigen Staaten demokratischer und weniger korrupt geworden sind. Ein friedlicher Machtwechsel nach knappem Wahlausgang wie in Ghana in diesem Januar war früher undenkbar. Und Ghana schafft ihn zum zweiten Mal. Auch diese Stabilität brauchen westliche private Investoren.

          Sie konkurrieren zunehmend mit staatlichen Gesellschaften aus China, Indien und Russland, die sich in Afrika einkaufen, um sich die vielen Bodenschätze des Kontinents für den eigenen Aufschwung zu sichern. Der Erdteil ist reich an Rohöl, Gold, Diamanten und Kupfer sowie Agrargütern wie Kakao, Kaffee und Tee (siehe Karte).

          Zwei Milliarden Menschen leben in Afrika

          Kein Wunder, dass sich der afrikanische Export nach Asien zwischen 2006 und 2008 schon verdoppelt hat. Auch das hat - verbunden mit steigenden Rohstoffpreisen - das afrikanische Wirtschaftswachstum befeuert. Deshalb profitieren die rohstoffreichen Länder am stärksten vom zunehmenden außerafrikanischen Interesse.

          Das hat einen großen Nachteil: Gerade die Petrodollars halten viele diktatorische Regime an der Macht. Diese schaffen die Einnahmen lieber auf die eigenen Privatkonten, als sie im eigenen Land zu investieren. Ein Beispiel ist Äquatorial-Guinea. Seit dort in den 90er Jahren Öl gefunden wurde, ist das Land statistisch zum reichsten Staat Afrikas aufgestiegen. Aber das Volk ist arm, die Infrastruktur schlecht ausgebaut. Das Gegenbeispiel ist Botswana, das trotz riesiger Diamanten- und Nickel-Förderung eine stabile, wenig korrupte Demokratie etabliert hat.

          Aber erste Investoren denken auch über Rohstoffe hinaus. Das starke Bevölkerungswachstum in Afrika lässt einen riesigen Markt entstehen. 2050 werden auf dem ganzen Kontinent zwei Milliarden Menschen leben und damit wahrscheinlich mehr als in China. Zudem entsteht eine kleine, aber wachsende Mittelschicht, die konsumieren will. Das zeigt die Erfolgsgeschichte des Unternehmers Mo Ibrahim, der 25 Millionen Afrikaner mit einem Handy versorgte und daran gut verdiente.

          Ausländer konzentrieren sich nun verstärkt auf Finanzdienstleister. Die sitzen im Zentrum der Entwicklung und profitieren über die Kreditvergabe von der wachsenden Konsumfreude sowie dem Ausbau der Infrastruktur. So haben auch Länder ohne üppige Rohstoffvorräte die Chance, von Afrikas Aufschwung zu profitieren. Sie werden es zwar schwerer haben als die Staaten, die im Öl baden. Aber immerhin haben sie eine Chance. Wie Ruanda. SAP will dort eine Niederlassung aufbauen. Gut, dass es jetzt Glasfaserkabel in Kigali gibt.

          Private Investitionen in Afrika: Fünf Wege

          Spenden. Das ist der klassische Weg des privaten Engagements, das zu Weihnachten Hochkonjunktur hat. Spenden haben den Hunger reduziert und kleine lokale Projekte wie eine Schule oder eine Krankenstation unterstützt. Sie haben aber Afrika nicht von seiner Armut befreit.

          Mikrokredite. Die Idee stammt von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Durch sie erlangen viele Arme in Afrika einen Kredit, den sie von einer normalen Bank wegen fehlender Sicherheiten nicht bekämen. Die Zinsen sind mit bis zu 40 Prozent sehr hoch, das Geld wird oft per Kurier durchs Land gefahren. Trotzdem wird es zu 98 Prozent zurückgezahlt. Das Kapital stammt immer öfter aus westlichen Industrieländern, die es über Mikrokreditfonds eingesammelt haben.

          Unternehmensbeteiligung. Einige Finanzinvestoren kaufen mit dem Kapital ihrer westlichen Kunden Anteile von erfolgversprechenden afrikanischen Unternehmen wie Banken, Bauunternehmen oder Energieversorgern. Die Renditen sind üppig, die deutsche Altira-Gruppe strebt zum Beispiel im Durchschnitt mindestens 40 Prozent im Jahr an bei Haltezeiten von fünf Jahren und mehr. Die Risiken sind aber nicht zu unterschätzen. Die Ausbildung der Mitarbeiter ist oft schlecht und eine langwierige Schulung nötig. Die IT-, Energie- und Verkehrsinfrastruktur ist unzureichend. Häufige Stromausfälle und hohe Transportkosten zehren dann an der Profitabilität. Auch politische Risiken wie Enteignung bestehen. Altira hat sich vor Letzterem durch eine Versicherung der Weltbank geschützt.

          Auslandsinvestitionen. Zunehmend entdecken Unternehmen aus den Industrieländern die Marktchancen in Afrika. Sie gründen Tochtergesellschaften oder beteiligen sich an lokalen Unternehmen. Strabag und Bilfinger-Berger sind zum Beispiel in Ruanda aktiv, dort will auch der Softwarekonzern SAP eine Niederlassung aufbauen.

          Aktienfonds und Zertifikate. Privatanleger können sich nur schwer direkt an afrikanischen Aktien beteiligen. Es ist auch nicht ratsam, denn die Liquidität an Afrikas Börsen ist sehr gering, vor allem außerhalb der Börse von Südafrika. Und ein Kauf von Aktien würde hohe Gebühren kosten. Dafür steigt die Zahl der Afrika-Fonds, in die auch mit wenig Geld angelegt werden kann. Sie legen breitgestreut an. So breit, dass es kaum möglich ist, nur in den zentralafrikanischen Ländern zu investieren. Denn fast alle Fonds haben auch Südafrika mit im Portfolio, andere auch die afrikanischen Mittelmeerländer oder sogar die Golfstaaten. Zertifikate fokussieren manchmal etwas stärker.

          Das ist aber auch riskanter, besser ist eine breite Streuung auf viele Länder. Eine Geldanlage in Afrika sollte wegen des Risikos ohnehin nur eine Beimischung im Depot sein. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie schnell die Ausländer in unsicheren Zeiten das Geld wieder abziehen (siehe Grafik). 2009 kamen sie allerdings auch schon wieder. Denn die Gewinnchancen sind hoch. (dys.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bürgerschaftswahl kompakt : Bangen, Zittern und Hoffen in Hamburg

          Die SPD darf bei der Bürgerschaftswahl mit einem klaren Sieg rechnen. Die Grünen werden stark sein – und womöglich trotzdem enttäuscht. Die CDU schwächelt, FDP und AfD kämpfen um ihren Verbleib im Parlament.

          Problemimmobilien : Kaputte Verhältnisse

          Hochhausruinen, überbelegte Altbauwohnungen, verwahrloste Siedlungen: In Deutschland gibt es zigtausend Problemimmobilien, besonders viele in Nordrhein-Westfalen. Dort nennt man viele Ursachen und immer wieder den Namen eines Unternehmens.

          Paris St. Germain : Tuchel und der ewige Ärger mit seinen Stars

          Nicht nur die Niederlage in Dortmund setzt Paris St. Germain zu. Auch die Eskapaden der besten Spieler um Neymar sorgen für Ärger. Nun taucht ein Video auf, das Trainer Thomas Tuchel ganz und gar nicht erfreut.
           Ausgerechnet die Partei der Marktwirtschaft wollte den Wettbewerb um den Vorsitz ausschalten.

          CDU-Nachfolge : Konkurrenz oder Konsens?

          Im Ringen um die Nachfolge von Angela Merkel setzt die CDU-Spitze auf eine einvernehmliche Lösung. Norbert Röttgen hingegen will Wettbewerb. Welches Auswahlverfahren verspricht mehr Erfolg?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.