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Regierungskrise in Österreich : Drei Manager könnten Kanzler werden in Wien

Die drei aus der Wirtschaft: Brigitte Ederer, Gerhard Zeiler (l.) und Christian Kern Bild: dpa

Der nächste österreichische Bundeskanzler könnte aus der Wirtschaft kommen. Das dürfte erst recht dem Koalitionspartner gefallen.

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          Christian Kern rockt. Vorerst noch in der Wiener Stadthalle, demnächst vielleicht schon als Bundeskanzler am Ballhausplatz. Am Abend nach dem Rücktritt von Amtsinhaber Werner Faymann stellte Kern Fotos auf Facebook, die ihn auf einem Konzert der Musikgruppe „Muse“ zeigen.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Kern ist der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB, er ist Mitglied der sozialdemokratischen Regierungspartei SPÖ und er gilt als aussichtsreicher Nachfolger für Faymann sowohl im Amt des Kanzlers als auch des Parteichefs.

          Natürlich sagt er dazu nichts, weder auf Facebook noch anderswo. Denn wer sich selbst ins Gespräch bringt, an dem gehen wichtige Führungsposten oft vorbei. Das ist in der Politik nicht anders als in der Wirtschaft. Auffällig ist jedoch, dass derzeit gleich mehrere österreichische Manager im Gespräch sind, die Faymann beerben könnten. Neben Kern sind das Gerhard Zeiler, der frühere Vorstandsvorsitzende der RTL Gruppe, sowie die ehemalige Vorstandsvorsitzende von Siemens-Österreich, Brigitte Ederer.

          Die Königsmörderin

          Die Sechzigjährige hat zwar mehrfach versichert, den Posten nicht anzustreben. Aber auch das könnte Kalkül sein. Klar ist jedenfalls, dass Ederer großen Einfluss besitzt und alles andere als zurückhaltend ist.

          Sie kann, was Faymann betrifft, sogar als Königsmörderin bezeichnet werden. Als am 24. April die erste Runde der Bundespräsidentenwahlen für die Regierungsparteien krachend verloren ging, war sie die erste, die eine Ablösung des Bundeskanzlers und SPÖ-Obmanns forderte. Für Ederer spricht ihre lange Erfahrung in der Wirtschaft und in der Politik. Bis heute sitzt sie in wichtigen Aufsichtsräten, etwa dem der ÖBB, wo sie den zehn Jahre jüngeren Christian Kern kontrolliert. In Deutschland kennt man sie aus den Aufsichtsräten von Infineon und Boehringer Ingelheim sowie als ehemaliges Mitglied im Vorstand der Siemens AG.

          Österreich : ÖVP will große Koalition nach Faymann-Rücktritt fortsetzen

          Die Volkswirtin kann mit den Vertretern von Kapital und Arbeit gleichermaßen umgehen, was eine gute Voraussetzung für die Doppelspitze von Regierungs- und Parteiführung ist. Sie war bei den „Roten Falken“ aktiv, arbeitete für die mächtige Arbeiterkammer und ist bis heute Obfrau beim ebenso mächtigen Gegenstück der Unternehmerseite, der Wirtschaftskammer. An der für Österreich so wichtigen Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft wirkte sie als Aufsichtsrätin in der staatlichen Industrieholding ÖIAG/ÖBIB, zu der unter anderem der Rohstoffriese ÖMV und die Österreichische Post gehören.

          In der Politik machte sie sich als Bundesgeschäftsführerin der SPÖ einen Namen. Zuvor hatte sie als Staatssekretärin im Bundeskanzleramt den Beitritt ihres Landes zur EU vorbereitet. Seitdem unterhält sie wertvolle Kontakte nach Brüssel.

          Mehr Ambitionen als Ederer auf die Faymann-Nachfolge werden Kern und Zeiler nachgesagt. Als Bahnvorstand führt Kern eines der größten Staatsunternehmen des Landes und eines, das sehr eng an den Bürgern operieren muss. Eigentlich Wirtschaftsjournalist mit Abschluss in Kommunikationswissenschaften und einer Postgraduiertenausbildung in St. Gallen, arbeitete der gebürtige Wiener zunächst als Pressesprecher und Büroleiter in der SPÖ-Parlamentsfraktion. Von dort wechselte er zu Österreichs größtem Stromerzeuger Verbund, wo er sich bis in den Vorstand hocharbeitete. Seit 2010 steht er der ÖBB vor und hat sie in dieser Zeit zu einer der dynamischsten Bahngesellschaften Europas gemacht.

          Gerhard Zeiler, der Dritte und mit fast 61 Jahren der älteste unter den Anwärtern, ging ebenfalls den Weg von der Politik in die Wirtschaft – und könnte ihn jetzt wieder in anderer Richtung beschreiten. Wie Ederer und Kern in Wien geboren, studierte er Psychologie, Soziologie und Pädagogik und war Assistent in einem Forschungsinstitut zur Berufsbildung. Auch er arbeitete zwischenzeitlich als Journalist und wurde dann Pressesprecher des Unterrichtsministers und späteren Kanzlers Fred Sinowatz von der SPÖ. Unter dessen Nachfolger Franz Vranitzky diente Zeiler, bevor er 1986 Generalsekretär des Rundfunkkonzerns ORF wurde.

          Nach einem Zwischenspiel bei den privaten Fernsehsendern Tele5 und RTL II in München und Köln kehrte er als Generalintendant zum ORF zurück. Doch 1998 wechselte Zeiler abermals die Seiten und übernahm die Geschäftsführung von RTL TV. Als 2003 Thomas Middelhoff die Leitung bei Bertelsmann niederlegte, übernahm Zeiler als Vorstandsvorsitzender die RTL Group mit Dutzenden von Fernseh- und Radiokanälen in aller Welt. Der nächste Wechsel stand 2012 an. Damals übernahm der Bruder eines Zwillings das Ruder in dem Unternehmen Turner Broadcasting System International, der Tochtergesellschaft des amerikanischen Unterhaltungskonzerns Time Warner. Zu Zeilers Imperium gehören seitdem 130 Sender in 200 Ländern mit 3800 Mitarbeitern und 2 Milliarden Dollar Umsatz. Die bekanntesten Kanäle der sind CNN, TNT sowie Cartoon Network.

          Und der linke Flügel?

          Sollte einer der drei Manager tatsächlich zu Faymanns Nachfolger erkoren werden, könnte die Zusammenarbeit mit dem konservativen Koalitionspartner ÖVP leichter fallen. Denn dieser vertritt traditionell die Interessen der Wirtschaft. Deren Vertreter wie etwa der Chef der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, wünschen sich explizit eine „Persönlichkeit mit wirtschaftlicher Kompetenz“ an der Spitze.

          Fraglich ist allerdings, wie der mächtige linke Flügel der SPÖ reagieren würde, namentlich die Gewerkschaften und die Arbeiterkammer. Möglicherweise fällt es ihnen leichter, den Lenker eines fürsorglichen Staatsunternehmens zu unterstützen, also ÖBB-Chef Kern, als Gerhard Zeiler, den Vertreter der Privatwirtschaft und des amerikanischen Geldes.

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