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Kursverfall : Die Schlacht ums Öl

Wegen des Preissturzes werden überall in der Ölindustrie Investitionspläne gekürzt. Die Spielregeln am Ölmarkt haben sich verändert.

          Der Ölpreis ist seit dem Sommer um fast 60 Prozent gefallen – und die allermeisten Fachleute wurden von diesem jähen Preisrutsch genauso überrascht wie der Rest der Welt. Kein Wunder, denn die Entwicklung von Angebot und Nachfrage rechtfertigt kaum das Ausmaß dieses Schwächeanfalls. Anders als der Hype um Fracking und Schieferöl in Nordamerika suggerieren mag, ist die globale Ölfördermenge 2014 insgesamt lediglich um ein Prozent gewachsen – und damit etwa genauso stark wie der Verbrauch. Auch dieses Jahr wird aller Voraussicht nach der Ölbedarf der Welt weiter steigen.

          Wieso hat sich der Ölpreis trotzdem mehr als halbiert? Die überzeugendste Antwort lautet: Weil sich die Spielregeln am Markt verändert haben. Bisher hat Saudi-Arabien, das führende Mitglied des Opec-Kartells der Ölstaaten, den Preis in die gewünschte Richtung gelenkt, indem es seine Förderung forcierte oder drosselte. Doch dieses Mal weigern sich die Saudis, weniger Öl zu pumpen, um den Preis zu stützen. Der Markt soll entscheiden, auf welchem Niveau sich ein Gleichgewichtspreis einpendelt. Was in anderen Branchen eine Selbstverständlichkeit ist, gilt im Ölgeschäft als historischer Sinneswandel.

          Das Kalkül Saudi-Arabiens richtet sich gegen die aufstrebende Schieferölindustrie in den Vereinigten Staaten. Die Scheichs wollen Nordamerikas neue Ölbarone, die zur unliebsamen Konkurrenz der Opec geworden sind, aushungern. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich durch den Thronwechsel in Riad an dieser Strategie etwas ändert. Denn das Schieferöl, das erst seit einigen Jahren dank neuer Bohrmethoden abgezapft werden kann, ist zwar reichlich vorhanden. Aber die technisch aufwendige Förderung ist vergleichsweise teuer. Das macht die Branche in Zeiten niedriger Preise verwundbar.

          Schlacht ums Öl ist Glücksfall für Europa

          Diese Kraftprobe ist auch ein Kampf der Wirtschaftssysteme. Wer hat den längeren Atem: Saudi-Arabiens Staatskapitalismus oder Nordamerikas Finanzmarkt-Kapitalismus? Eine Antwort auf diese Frage gibt es bisher nicht, und das liegt auch daran, dass dies der erste wirkliche Härtetest für Amerikas junge Schieferölindustrie ist. Niemand weiß, wie flexibel sie auf den Preissturz reagieren kann. Analysten schätzen, dass viele Schieferölfelder bei Preisen von weniger als etwa 65 Dollar je Fass unrentabel sind. Derzeit notiert die amerikanische Ölsorte WTI aber bei 47 Dollar. Der staatliche saudische Ölkonzern Saudi Aramco kann dagegen dank leicht zugänglicher Ölquellen wohl noch bei einem Preis von rund 30 Dollar Geld verdienen.

          Für Europa ist die Schlacht ums Öl vorerst ein Glücksfall. Sie verbilligt die Energiekosten dramatisch und wirkt deshalb wie ein Gratiskonjunkturprogramm. Trotzdem wäre es blauäugig, die Risiken und Nebenwirkungen des Preisrutsches zu ignorieren, denn es spricht wenig dafür, dass das Öl längerfristig so billig bleiben wird. Die einfach und deshalb kostengünstig zu erschließenden Vorkommen gehen unweigerlich zur Neige. Die Ausbeutung vieler neuer Lagerstätten braucht dagegen relativ hohe Ölpreise, um rentabel zu sein. Das gilt nicht nur für das amerikanische Schieferöl, sondern beispielsweise auch für Kanadas Ölsandminen und viele Tiefsee-Ölfelder.

          Ein Blick auf die Zahlen sagt alles: Seit 2003 hat die internationale Ölindustrie ihre Investitionen in die Erschließung neuer Vorkommen annähernd vervierfacht. Doch die globale Ölförderung ist im selben Zeitraum nur um gut ein Achtel gestiegen – trotz bahnbrechender technischer Innovationen wie der Fracking-Methode.

          Ölkonzerne zücken den Rotstift

          Deshalb bringt das billige Öl auch Risiken mit sich. Wegen des Preissturzes werden in diesen Wochen überall in der Ölindustrie die Investitionspläne zusammengestrichen. Manche Branchenbeobachter sagen Kostensenkungen um mehr als ein Drittel voraus. Es besteht die Gefahr, dass die Konzerne dabei überziehen und zu wenig in die Erschließung neuer Quellen investieren. In einigen Jahren droht dadurch ein bedenklicher Jo-Jo-Effekt: Nachschubengpässe könnten einen sprunghaften Wiederanstieg des Ölpreises auslösen, der für die Weltwirtschaft zur Belastungsprobe wird.

          Der Druck der Börse auf die Ölmanager ist enorm. Analysten schätzen, dass die Profitabilität der großen börsennotierten Ölkonzerne auf den niedrigsten Stand seit 1998 gefallen ist. Dennoch wollen die Aktionäre großer Ölkonzerne wie Exxon-Mobil, Shell und BP zumindest stabile, wenn nicht steigende Dividendenzahlungen sehen. Deshalb zücken die Unternehmen den Rotstift. Schlimmstenfalls wiederholt sich die Geschichte: Ende der neunziger Jahre fiel der Ölpreis wegen der damaligen Asien-Krise zeitweise unter 10 Dollar. Die Branche reagierte mit einem panikartigen Streichkonzert. Die als „Kapitaldisziplin“ deklarierte Unterinvestition machte die Aktionäre glücklich, aber sie war auch ein Hauptgrund dafür, dass einige Jahre später die Preise durch die Decke gingen. Im Juli 2008 war Erdöl mit 146 Dollar je Fass so teuer wie nie zuvor in der Wirtschaftsgeschichte. Es folgte die Weltfinanzkrise.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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