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Ölplattform in der Barentsee : Russlands riskante Arktis-Wette

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Ziel des Protests: Die Erdölplattform Priraslomnaja in der russischen Barentssee Bild: AP

Eigentlich wollte Greenpeace auf Risiken des Rohstoffabbaus in der Arktis aufmerksam machen, nun sind die Aktivisten wegen Piraterie in arktischen Gewässern angeklagt. Das Ganze wirft ein Schlaglicht auf die riskanten russischen Pläne im Polarmeer.

          Ausgerechnet wegen Piraterie werden nun alle 30 Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace angeklagt, die im September die Erdölplattform Priraslomnaja in der russischen Barentssee belagerten. Sie wollten auf die Risiken durch den Rohstoffabbau in der Arktis aufmerksam machen. Aber vielleicht wird es sich einmal weisen, dass die Aktivisten wirklich hätten versuchen sollen, die Plattform zu entführen – und die Küstenwache sie besser hätte gewähren lassen: Die Erschließung von Erdöl und Erdgas in arktischen Gewässern ist extrem kostspielig und langwierig, der wirtschaftliche Erfolg unsicher und das Risiko für die Umwelt tatsächlich groß. Das riskante Vorhaben könnte auf Russland zurückfallen.

          Die Sowjetunion hat 1962 als erste Nation mit der Erschließung arktischer Vorkommen begonnen, allerdings an Land (onshore), wo auch genug zu finden war. Der Ausstoß der etablierten Erdölquellen sinkt inzwischen, gleichzeitig fehlt es den russischen Konzernen an Erfahrung und Technologie, um Projekte vor der Küste (offshore) unter den widrigen Bedingungen der Arktis voranzutreiben. Nicht zufällig ist die Plattform Priraslomnaja, die Ende 2013 nach einigen Verzögerungen die Erdölförderung aufnehmen soll, die einzige ihrer Art. Erdgasvorkommen sind noch gar nicht erschlossen, allerdings stellt sich hier das Problem der fallenden Produktion nicht im selben Maße.

          An Land wendet sich Russland verstärkt den schwerer zugänglichen Vorkommen in Zentralsibirien und dem Fernen Osten zu. Doch die arktische See lockt ebenfalls, zumindest auf dem Papier: Nach einer weithin als Referenz betrachteten amerikanischen Studie von 2008 verbergen sich in der Arktis insgesamt 13 Prozent der unerschlossenen globalen Reserven an Erdöl und 30 Prozent an Erdgas, zusammengenommen 412 Milliarden Fass Erdöläquivalente. Mehr als vier Fünftel davon liegen offshore, davon der allergrößte Teil auf den Festlandsockeln (Schelf) der acht angrenzenden Länder, weshalb es bei der Diskussion um nationale Hoheiten in der Arktis nicht primär um Verteilungskämpfe geht. Rund 52Prozent der geschätzten Vorkommen entfallen auf Russland, wo sie wiederum fast ausschließlich in den westlichen arktischen Gewässern der Barentssee und der Karasee erwartet werden. Der größte Teil davon ist Erdgas (das meiste Erdöl dürfte vor Alaska zu finden sein).

          Auf Konfrontationskurs: Die Umweltschützer fahren los.

          Im Februar hat Präsident Putin eine Entwicklungsstrategie für die russische Arktis bis zum Jahr 2020 erlassen. Dann soll die Erdölplattform Priraslomnaja ihre höchste Fördermenge erreicht haben und der Betreiberin Gasprom Neft, einer Tochter des staatlich kontrollierten Erdgasriesen Gasprom, nach Investitionen von 6 Milliarden Dollar rund 120000 Fass Erdöl pro Tag einbringen. Viele andere Arktis-Projekte werden 2020 bestenfalls erst die Förderung aufnehmen, zu groß sind die Hürden bei Erforschung und Erschließung. Gasprom und der ebenfalls vom Kreml kontrollierte Erdölkonzern Rosneft besitzen das Exklusivrecht für Offshore-Aktivitäten in der russischen Arktis. Nur sie dürfen dort fördern; die Lizenzen für einzelne Felder teilt ihnen die Regierung zu, statt sie zu versteigern. Ausländische Multis können als Juniorpartner mitmachen und den Technologierückstand überwinden helfen.

          Hier ist Rosneft weiter als Gasprom. Der Erdölriese kooperiert mit Exxon Mobil, Eni und Statoil, um die Erschließung eines Teils seiner 44 Lizenzfelder voranzutreiben. Die erste Bohrung in der Karasee soll 2014 stattfinden. Die See ist bis zu 350 Meter tief, die Eisdecke bis zu 300 Tage im Jahr geschlossen und bis zu 1,6 Meter dick. Die Temperatur fällt im Winter unter -40 Grad. Rosneft veranschlagt den Materialbedarf für sein Arktis-Vorhaben auf insgesamt mindestens 400 Hilfsschiffe, 1600 Bohrlöcher und 106 Bohrplattformen. Wie von dem Konzern jüngst verlautete, müssten für jeden Transport zwei Eisbrecher bereitgestellt sowie ein weiterer Eisbrecher und ein Reparaturschiff in Reserve gehalten werden.

          Es sind die hohen Hürden zur Rentabilität, welche die Konzerne am ehesten vor einem Arktis-Abenteuer zögern lassen. Ende August 2012 stoppte Gasprom nach vielen Verzögerungen die wohl 30 Milliarden Dollar teure Erschließung des Offshore-Erdgasfeldes Schtokman in der Barentssee, da sich der Export in die Vereinigten Staaten aufgrund der dortigen Schiefergasrevolution so schnell nicht mehr rechnen dürfte und mit Statoil einer der beiden internationalen Partner (neben Total) abgesprungen war.

          Unter solch einem Kostendruck ist es für die Unternehmen zwar betriebswirtschaftlich sinnvoll, einen hohen Umweltschutz zu garantieren und nichts von den gewonnenen Rohstoffen entweichen zu lassen. Doch die Sorge der Umweltschützer gilt vor allem Unfällen, die sich nie ausschließen lassen – und die in dem sensiblen Ökosystem der arktischen Gewässer verheerend wären. Ein Vorgeschmack lässt sich auf dem nordsibirischen Festland gewinnen, wo marode Pipelines und Misswirtschaft etliche Gegenden verwüstet haben.

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