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Ökostromausbau : Deutsche und Polen begraben Stromstreit

In Polen wird Strom mit Kohlekraft produziert. Bild: Lüdecke, Matthias

Seit Jahren beschweren sich Polen und Tschechen über den deutschen Ökostrom, der ihre Netze durcheinanderbringt. Damit ist jetzt Schluss. Der Stromfluss soll künftig kontrolliert werden.

          Deutschland und Polen eint vieles, die Energiepolitik aber entzweit die Nachbarn. Die Polen setzen auf Kohlestrom und Atomkraft und wollen sich mit Flüssiggas von russischen Lieferungen unabhängig machen. Deutschland schaltet Atom- und Kohlekraftwerke ab, baut Windräder und Solaranlagen, deutsche Firmen sind am Ausbau des russischen Pipelinenetzes beteiligt. In Brüssel ficht die Bundesregierung vehement für höhere Klimaschutzziele, Polen steht auf der Bremse.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ministerpräsident Donald Tusk hatte die Warschauer Perspektive noch mal mit seiner Warnung deutlich gemacht, Russlands Präsident Putin könne ganz Europa in Geiselhaft nehmen, weil Deutschland an Gasproms Gas hänge. Am Mittwoch war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Warschau, um mit Tusk über die Krim-Krise zu beraten. Da ließ es sich gut an, dass in der Nacht zuvor zumindest ein Thema abgehakt werden konnte, das die Polen den Deutschen seit Jahren krummnehmen: die Folgen ausgerechnet des deutschen Ökostromausbaus auf das polnische Netz.

          Denn Strom fließt den physikalischen Gesetzen folgend immer dorthin, wo der Widerstand am geringsten ist. Sind die deutschen Leitungen voll, drängt er aus dem mit Windstrom überlaufenden nordostdeutschen Netz zum Nachbarn, von dort nach Tschechien und so weiter. Die Netzbetreiber dort finden das nicht gut. Der ungeplante Stromfluss aus Deutschland zwingt sie zu Notabschaltungen und bringt ihre Netzfahrpläne durcheinander. Sie haben sich darüber oft beschwert, in Berlin und auch in Brüssel.

          Die Anlagen kosten 300 Millionen Euro

          Das soll Vergangenheit sein. Bis 2017 werden dies- und jenseits der Grenzen zu Polen und Tschechien mächtige Geräte installiert, die den Stromfluss kanalisieren sollen. Solche Phasenschieber, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung des deutschen Netzbetreibers 50Hertz, Boris Schucht, wirkten wie Ventile. Wollen Polen oder Tschechen Strom einführen, werden sie geöffnet, falls nicht, werden sie geschlossen. Natürlich geht das Ganze auch andersherum. Künftig kann damit über die Grenze mit Strom gehandelt werden. Heute ist das nicht möglich, weil die Leitungen nach Osten wie ein Notfallüberlauf nicht blockiert werden dürfen, erläutert Schucht.

          Nutzen haben damit die Deutschen und ihre Nachbarn. Letztere brauchen Elektrizität und wollen gerne Strom importieren, die Deutschen können ihn verkaufen und müssen im Ernstfall nicht, wie heute, Anlagen zu hohen Kosten abschalten, um ihr Netz vor einer Überlastung zu schützen.

          Ebenso wichtig ist, dass auf diese Weise auch sichergestellt werden kann, dass die neuen Nord-Süd-Stromleitungen, die derzeit in Deutschland gebaut werden, ausgelastet werden. Sollten sich die Elektronen ungebeten auf den Weg Richtung Polen oder Tschechien machen, wird der Regler an der Grenze zugemacht.

          Die Investitionskosten für die vier Phasenschieber werden auf 300 Millionen Euro veranschlagt, die Hälfte davon bringt 50Hertz auf – und legt den Betrag auf den Strompreis um. Die Bundesnetzagentur hat ihre Zustimmung gegeben. Ähnliche Anklagen für einen konfliktfreien und kontrollierten Stromfluss gibt es auch an anderen Außengrenzen.

          50Hertz hat mit dem nun unterschriebenen Vertrag eine Baustelle geschlossen. Viele andere rund um den Netzausbau bleiben offen. Schucht zeigte sich aber zuversichtlich, jedes Jahr 100 Kilometer neue Trassen ziehen zu können. Nicht überall seien die so umstritten wie im Thüringer Wald. Gerade die Verbindung nach Bayern mit einer Kapazität von 3600 Megawatt sei wichtig, um den Strombedarf dort decken zu können, wenn das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt wie geplant Ende 2015 abgeschaltet wird. Schucht zeigte sich zuversichtlich, dass die ausstehenden Genehmigungen für den letzten Bauabschnitt dieses Jahr erteilt würden.

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