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Ökonomie : Karriereklippen an den Wirtschaftsfakultäten

Auch in Deutschland gibt es eine ganze Reihe erstklassiger junger Ökonomen. Viele aber zieht es ins Ausland, weil hierzulande die Gefahr groß ist, trotz bester Leistungen auf dem Weg zur Professur steckenzubleiben.

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          Eigentlich müssten Ökonomen es besser wissen. In ungezählten Studien machen sich Volkswirte dafür stark, „Humankapital zu maximieren“. Es sei wichtig, begabte junge Menschen zu fördern, damit sie ihre Fähigkeiten voll entfalten könnten, wollen sie damit sagen. Doch ausgerechnet in der eigenen Disziplin wird dieses Ziel vernachlässigt. Viel zu viele Nachwuchsforscher bleiben auf der Strecke, weil sie in der akademischen Welt keine verlässlichen Karrierechancen sehen. Die Gefahr, trotz bester Leistungen in prekären Beschäftigungsverhältnissen steckenzubleiben, schreckt ab. Wer sich mit jungen Ökonomen unterhält, die gerade die Karriereleiter erklimmen, hört Sätze wie diesen: „Ich kann mir eigentlich nicht viele Szenarien vorstellen, mit denen man es uns schwerer machen könnte.“

          Was die jungen Forscher kritisieren, sind noch immer fehlende vordefinierte Karrierepfade, wie es sie an Hochschulen in den Vereinigten Staaten gibt. In sogenannten Tenure-Track-Verfahren haben Nachwuchsforscher dort die Chance, nach ihrer Promotion einen Posten zu ergattern, der vergleichbar mit der deutschen Juniorprofessur ist. Bei entsprechender Leistung steht einer akademischen Laufbahn, die in einer vollen Professorenstelle mündet, nichts mehr im Weg. In Deutschland können dagegen selbst diejenigen, die es auf eine der wenigen Juniorprofessoren-Stellen schaffen, nicht langfristig planen. Ihre Verträge laufen in der Regel über zweimal drei Jahre, danach beginnt die Suche häufig aufs Neue.

          Gehalt von Juniorprofessuren wenig attraktiv

          Nicht sonderlich attraktiv ist das Gehalt für Juniorprofessoren. Von etwa 4000 Euro monatlichem Bruttogehalt lässt sich zwar gut leben. Doch wenn man sich vor Augen hält, dass amerikanische Hochschulen vergleichbare Posten oft doppelt so gut vergüten und die talentierten Akademiker von zahlungskräftigen Großunternehmen umworben werden, ist verständlich, dass es junge Forscher ins Ausland zieht oder sie der Uni den Rücken kehren. Vor allem für junge Frauen ist der Ausstieg in dieser Lebensphase oft attraktiver: Viele wollen mit Anfang 30 Kinder bekommen - zugleich wissen sie jedoch, dass die akademische Karriere noch viel schwieriger wird, wenn sie sich nicht voll auf die Forschung konzentrieren können. Wer es mit seinen Studien nicht früh in die angesehensten Fachzeitschriften schafft, der hat kaum Chancen aufzusteigen. Zudem beklagen Spitzenforscherinnen in Deutschland eine fehlende Offenheit dafür, dass Frauen schon nach kurzer Babypause an die Universität zurückkehren. In Amerika sei das überhaupt kein Thema, in Deutschland werde man komisch angesehen.

          Die Lage ist zum Glück nicht nur düster. Zum einen wurde in den vergangenen Jahren die erste Stufe der Karriereleiter an vielen Fakultäten umgekrempelt, indem Graduiertenschulen gegründet wurden. Doktoranden lernen dort gemeinsam bestimmte methodische Standards und debattieren mit mehreren Professoren ihre Forschungsideen. Das vielkritisierte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Doktoranden und ihrem Betreuer nimmt ab, die Qualität der Arbeiten dürfte steigen. Zum anderen bemühen sich führende deutsche Wirtschaftsfakultäten, Tenure-Track-Verfahren nach amerikanischem Vorbild zu etablieren. Doch das ist nicht so einfach. Im Idealfall wird für einen Juniorprofessor schon bei dessen Berufung ein entsprechender Professorenposten vorgehalten. Bislang ist dies in Deutschland jedoch die Ausnahme. Diejenigen, die feste Karrierepfade institutionalisieren wollen, klagen über verwaltungsrechtliche Hürden. Der notwendige politische Wille muss erst noch entstehen.

          Trotz dieser Karriereklippen hat Deutschland eine ganze Reihe erstklassiger jüngerer Ökonomen, sei es in Mannheim, Bonn, Köln, München, Frankfurt oder Düsseldorf. Sie bearbeiten verschiedenste relevante Fragen: Wie kann das Finanzsystem sicherer gemacht werden? Wie treffen Menschen wirtschaftliche Entscheidungen? Und wo drohen gefährliche Monopole? Wie können Frauenrechte den Aufstieg von Entwicklungsländern beschleunigen? Trotz dieses breiten Spektrums ist vielen Nachwuchsökonomen und Wirtschaftsstudenten die Volkswirtschaftslehre heute zu einseitig. In einem vielbeachteten Aufruf haben sich deutsche und internationale Studierende kürzlich Luft gemacht: Die Lehre sei zu sehr dem neoklassischen Standardmodell verhaftet. In den Vorlesungen fehlten wirtschaftshistorische und wirtschaftsethische Inhalte, beklagen sie. Vieles, was die Ökonomen von morgen fordern, könnte die Lehre und Forschung tatsächlich besser und vielseitiger machen. Doch gerade für junge Forscher, die sich für Themen abseits des Mainstreams interessieren, ist der Karriereweg noch steiniger. In den renommierten Fachzeitschriften sind ihre Arbeiten weniger gefragt. Zudem sind deutsche Wirtschaftsfakultäten vergleichsweise klein - im Zweifelsfall entscheidet sich die Universität für Bewerber, die ihren Schwerpunkt in einem der abzudeckenden Standardbereiche haben.

          Die besten deutschen Wirtschaftsfakultäten können sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen. Doch frischer Wind würde der Disziplin auch hierzulande guttun. Es wird ihn nur geben, wenn es jungen Talenten nicht unnötig schwergemacht wird, akademisch Karriere zu machen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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