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Ökonomen mahnen : Allein kann Deutschland das Klima nicht retten

Das zweitineffizienteste Kohlekraftwerk in Europa: Frimmersdorf Bild: dapd

Deutschland will Vorreiter sein im Klimaschutz. Ökonomen betrachten die Pläne der Bundesregierung jedoch mit Skepsis. Und mahnen, dass dafür ein Abkommen von internationaler Gültigkeit notwendig ist.

          Das deutsche Energiekonzept nimmt Gestalt an. Die Diskussion darüber könnte freilich zu der Vermutung verleiten, dass dabei die Kernkraft im Vordergrund steht. Doch geht es im Konzept vor allem darum, den Klimaschutz voranzutreiben. Allerdings garantiert die Existenz eines nationalen Konzepts noch lange nicht, dass das Klima wirksam geschützt werden wird.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Dazu müssten zum einen die Energie- und Klimaziele der Bundesregierung eine große Chance haben, verwirklicht zu werden. Zum anderen müsste die internationale Klimapolitik Aussicht auf Erfolg haben. Alleine kann Deutschland das Weltklima nämlich nicht retten. Umwelt- und Energieökonomen weisen darauf hin, dass für einen wirksamen Schutz des Klimas noch viele Hürden zu nehmen sind. Dass dies gelinge, sei keinesfalls sicher.

          Erneuerbare Energien setzen viele technische Entwicklungen voraus

          Auch die Wissenschaftler der Forschungsinstitute Ewi, Prognos und GWS, auf deren Gutachten das Energiekonzept aufbaut, stehen den Plänen der Bundesregierung distanziert gegenüber. Die in der Studie entworfenen Zukunftsszenarien basierten auf Annahmen und „erheben nicht den Anspruch, die aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Entwicklung abzubilden“, heißt es in dem Gutachten. Angenommen wird, dass die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 gegenüber 2008 um 85 Prozent sinken.

          Den erneuerbaren Energien wird ein Anteil am Primärenergieverbrauch von 50 Prozent und an der Stromerzeugung von 80 Prozent zugeschrieben. Das setzt jedoch viele technische Entwicklungen voraus, von denen man noch nicht weiß, ob sie kommen werden; auch das ist im Gutachten beschrieben. So müssten die Netze stark und länderübergreifend ausgebaut werden. Außerdem müsste die CCS-Technik (Carbon Dioxide Capture and Storage) in absehbarer Zukunft marktreif werden, bei der Kohlendioxid abgeschieden und gespeichert wird, das anfällt, wenn Strom erzeugt wird. Weil Wind- und Sonnenstrom nur unregelmäßig produziert werden können, müssten zudem die Speicherkapazitäten stark ausgebaut werden

          Schreitet einer voran, lassen die anderen möglicherweise nach

          Als wichtigste Bedingung, um die klimapolitisch ehrgeizigen Szenarien zu verwirklichen, nennen die Gutachter und viele andere Umweltökonomen ein völkerrechtlich verbindliches internationales Klimaschutzabkommen. Es müsste von allen Industriestaaten und zumindest von den wichtigsten Entwicklungs- und Schwellenländern unterzeichnet werden. „Bis etwa 2020 muss eine gesicherte Aussicht darauf bestehen, dass ein übergreifendes internationales Klimaschutzabkommen mit funktionsfähigen CO2-Märkten zustande kommt“, heißt es im Gutachten. Ansonsten sei es wenig wahrscheinlich, dass Deutschland seine anspruchsvolle Klimaschutzpolitik fortsetze.

          Viele Ökonomen warnen sogar vor nationalen Alleingängen im Klimaschutz. Der Energieökonom Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen beschreibt, dass es dann einen „Carbon Leakage“ gebe: Energieintensive Industrien wanderten ins Ausland ab, und energieintensive Güter müssten verstärkt importiert werden. „Die Emissionen würden nicht verringert werden, sondern in die übrige Welt verlagert.“ Außerdem befürchtet Frondel, dass die anderen Länder in ihren Klimabemühungen nachlassen, wenn wenige Länder voranschreiten. Das liegt daran, dass eine mit weniger Treibhausgasen belastete Luft ein öffentliches Gut ist. Wenn nur ein Teil der Länder den Ausstoß verringert, dann profitieren davon auch alle anderen Staaten, ohne dafür bezahlen zu müssen. Das verleitet dazu abzuwarten, bis andere reagieren. Im Endeffekt bewegt sich wenig. Um diese Situation aufzulösen, müssten sich zumindest die wichtigsten Emittenten vertraglich zum Klimaschutz verpflichten.

          „Ein Scheitern der Klimaverhandlungen ist vorhersehbar“

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