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Ökonom Seyfettin Gürsel : Wie schlecht geht es der Türkei wirklich?

Dichtes Gedrängel Tag für Tag - auf dem Großen Basar in Istanbul gibt es (fast) alles. Bild: AP

Einer der führenden türkischen Ökonomen sagt im FAZ.NET-Interview, wie es um die Wirtschaft das Landes steht. Er erklärt, wieso die Türkei von ausländischem Geld abhängt. Und warum eine Finanzkrise unwahrscheinlich ist.

          Herr Professor Gürsel, im ersten Jahrzehnt der Herrschaft der AKP hat sich in der Türkei das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht. Seither stagniert es. Steht nun ein Rückgang bevor?

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Von 2003 bis 2011 hat sich das Einkommen in der Tat von 3500 Dollar je Einwohner auf 10.500 Dollar fast verdreifacht. Den größten Beitrag lieferte das durchschnittliche BIP-Wachstum von mehr als 6 Prozent; eine wichtige Rolle spielte auch die Aufwertung der Türkischen Lira. Seit dem Jahr 2012 wächst das BIP nur noch um 3,3 Prozent pro Jahr, das Einkommen pro Kopf nur um 2 Prozent. Wegen einer starken Abwertung als Folge des hohen Leistungsbilanzdefizits stagniert das Einkommen je Einwohner bei 10.000 Dollar.

          Und wird dieser Wert zurückgehen, sollten die Turbulenzen anhalten?

          Bis zum 15. Juli, dem Tag des Putsches, hatten die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die OECD für 2016 ein Wachstum zwischen 3,5 Prozent und 3,9 Prozent prognostiziert. Zudem war der Wechselkurs nach der starken Abwertung im vergangenem Jahr relativ stabil. Der 15. Juli erzeugt nun Sorgen und Unsicherheiten zur Beziehung der Türkei mit der EU, was wiederum die finanzielle Stabilität bedroht. Die Türkische Lira hat bereits 5 Prozent an Wert verloren, die Börse Istanbul sogar 15 Prozent. Sollte es der AKP-Regierung nicht gelingen, wieder Vertrauen herzustellen, kann sich das Wachstum abschwächen und kann sich die Abwertung der Lira fortsetzen. Das hätte einen Rückgang des Einkommens je Einwohner zur Folge.

          Welche Folgen hat die Herabstufung der Kreditwürdigkeit durch Standard & Poor´s?

          Ich war von der Herabstufung überrascht. Die Begründung war so verworren und inkonsistent, dass ich nicht glaube, dass diese unberechtigte Entscheidung eine Rolle bei der Instabilität der türkischen Finanzmärkte in der vergangenen Woche gespielt hat. Die beiden anderen Kreditbewertungsagenturen, Moody‘s und Fitch, haben sich wohl richtig verhalten, erst die Entwicklungen in der Türkei genau zu beobachten, bevor sie über die Kreditbewertung entscheiden.

          Was hat die Turbulenzen an den Märkten dann ausgelöst – den Druck auf die Lira, den Anstieg der Zinssätze und die Verluste im Aktienmarkt?

          Es sind die Folgen der Kapitalabflüsse, die wiederum die ernsten Sorgen der ausländischen Investoren zur Unsicherheit über die Zukunft der politischen Ordnung in der Türkei spiegeln. Die Risiken eines Abdriftens in eine autoritäre Ordnung können die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU tiefgreifend beschädigen, was wiederum die Investoren sehr verängstigt.

          Wie groß sind die Gefahren, dass „hot money“ und ausländische Direktinvestitionen ausbleiben, die die Türkei braucht, um ihren Kapitalbedarf zu decken?

          „Hot money“ wurde in der vergangenen Woche abgezogen, in dieser Woche scheint sich der Markt zu beruhigen. Ausländische Direktinvestitionen können ja nicht rasch abgezogen werden. Sollten die engen Beziehungen zur EU – vor allem die Beitrittsverhandlungen – gefährdet sein, würden neue Projekte annulliert. Die meisten ausländischen Direktinvestitionen kommen aus EU-Staaten. Als die Türkei im Jahr 2005 den Status eines Beitrittskandidaten erhalten hatte, nahmen die ausländischen Direktinvestitionen massiv zu.

          Steht eine Schuldenkrise bevor?

          Ich sehe keine Schuldenkrise am Horizont. Schließlich zählen die türkischen Kennziffern für die öffentliche Verschuldung und das Etatdefizit mit etwas mehr als 30 Prozent am BIP und 1 Prozent am BIP zu den geringsten in Europa. Andererseits haben die privaten Unternehmen – die Banken eingeschlossen – ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten in harten Währungen in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet. Im Fall geostrategischer Schwierigkeiten könnte es schwierig werden, für diese ausländischen Kredite Anschlussfinanzierungen zu finden.

          Reicht es, was die Regierung und die Zentralbank tun, um die negativen Effekte zu neutralisieren?

          Die Zentralbank hat klug sichergestellt, dass das Bankensystem mit Liquidität versorgt war. Die Minister der für die Wirtschaft relevanten Ressorts betonen unablässig, dass keine Interventionen in das Funktionieren der freien Märkte geplant und dass die Fundamentaldaten der Wirtschaft solide sind. Ich will es wiederholen: Die Zukunft der türkischen Wirtschaft hängt von der Zukunft der demokratischen Ordnung in der Türkei ab. Das ist der Schlüsselfaktor für das Vertrauen in der westlichen Welt.

          Und wenn es zum „Brain drain“ kommt, also dazu, dass viele Hochqualifizierte das Land verlassen? Schließlich wurden Zehntausende Wissenschaftler, Staatsbedienstete und Journalisten entlassen oder gar festgenommen.

          Die Beratungsunternehmen für Staatsangehörigkeitsfragen in anderen Ländern können sich seit dem 18. Juli vor Anfragen nicht mehr retten und können sie alle gar nicht bearbeiten.

          Sehen wir das Ende des türkischen Wirtschaftswunders?

          Es hat kein „türkisches Wirtschaftswunder“ gegeben. Die sehr gute Leistung von 2003 bis 2012 kann auf zwei Faktoren zurückgeführt werden: Erstens auf die grundlegenden Reformen, die nach der Wirtschaftskrise von 2001 der damalige Wirtschaftsminister Kemal Dervis erarbeitet hatte – wie die Unabhängigkeit der Zentralbank, die Restrukturierung der Banken, die Transparenz in den öffentlichen Finanzen – und die im Rahmen der Stabilisierungsprogramms des Internationalen Währungsfonds umgesetzt wurden. Zweitens hat die AKP-Regierung diesen neuen institutionellen Rahmen und die Regeln des IWF übernommen; dann haben die Beitrittsverhandlungen mit der EU begonnen. Treibender Faktor des Wachstums war die inländische Nachfrage, die zu einem steigenden Leistungsbilanzdefizit geführt hat, was dieses System im Jahr 2011 gefährdete.

          Und darauf hat die Regierung ja reagiert.

          Als Folge entwickelten die AKP-Regierung und Wirtschaftsminister Ali Babacan eine Politik des „ausgeglichenen Wachstums“. Ziel war ein durchschnittliches Wachstum von 5 Prozent, es verharrte jedoch bei 3,3 Prozent. Das Ergebnis war jedoch mittelmäßig. Zwar wurde die inländische Nachfrage nun kontrolliert, die privaten Investitionen schwächten jedoch ab, und das Exportwachstum konnte nicht gesichert werden.

          Die Achillesfersen bleiben also erhalten?

          Ja, denn der Rückgang des Leistungsbilanzdefizits von 10 Prozent am BIP auf 4,5 Prozent ist eine Folge des Rückgangs des Ölpreises, nicht aber eines Anstiegs des weiter niedrigen Sparens. Das Management der türkischen Wirtschaft ist zwar besser als in den neunziger Jahren. Minuspunkte bleiben aber: Eine niedrige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, niedriges Sparen und ein hohes externes Defizit.

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