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Ökonom Seyfettin Gürsel : Wie schlecht geht es der Türkei wirklich?

Ich sehe keine Schuldenkrise am Horizont. Schließlich zählen die türkischen Kennziffern für die öffentliche Verschuldung und das Etatdefizit mit etwas mehr als 30 Prozent am BIP und 1 Prozent am BIP zu den geringsten in Europa. Andererseits haben die privaten Unternehmen – die Banken eingeschlossen – ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten in harten Währungen in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet. Im Fall geostrategischer Schwierigkeiten könnte es schwierig werden, für diese ausländischen Kredite Anschlussfinanzierungen zu finden.

Reicht es, was die Regierung und die Zentralbank tun, um die negativen Effekte zu neutralisieren?

Die Zentralbank hat klug sichergestellt, dass das Bankensystem mit Liquidität versorgt war. Die Minister der für die Wirtschaft relevanten Ressorts betonen unablässig, dass keine Interventionen in das Funktionieren der freien Märkte geplant und dass die Fundamentaldaten der Wirtschaft solide sind. Ich will es wiederholen: Die Zukunft der türkischen Wirtschaft hängt von der Zukunft der demokratischen Ordnung in der Türkei ab. Das ist der Schlüsselfaktor für das Vertrauen in der westlichen Welt.

Und wenn es zum „Brain drain“ kommt, also dazu, dass viele Hochqualifizierte das Land verlassen? Schließlich wurden Zehntausende Wissenschaftler, Staatsbedienstete und Journalisten entlassen oder gar festgenommen.

Die Beratungsunternehmen für Staatsangehörigkeitsfragen in anderen Ländern können sich seit dem 18. Juli vor Anfragen nicht mehr retten und können sie alle gar nicht bearbeiten.

Sehen wir das Ende des türkischen Wirtschaftswunders?

Es hat kein „türkisches Wirtschaftswunder“ gegeben. Die sehr gute Leistung von 2003 bis 2012 kann auf zwei Faktoren zurückgeführt werden: Erstens auf die grundlegenden Reformen, die nach der Wirtschaftskrise von 2001 der damalige Wirtschaftsminister Kemal Dervis erarbeitet hatte – wie die Unabhängigkeit der Zentralbank, die Restrukturierung der Banken, die Transparenz in den öffentlichen Finanzen – und die im Rahmen der Stabilisierungsprogramms des Internationalen Währungsfonds umgesetzt wurden. Zweitens hat die AKP-Regierung diesen neuen institutionellen Rahmen und die Regeln des IWF übernommen; dann haben die Beitrittsverhandlungen mit der EU begonnen. Treibender Faktor des Wachstums war die inländische Nachfrage, die zu einem steigenden Leistungsbilanzdefizit geführt hat, was dieses System im Jahr 2011 gefährdete.

Und darauf hat die Regierung ja reagiert.

Als Folge entwickelten die AKP-Regierung und Wirtschaftsminister Ali Babacan eine Politik des „ausgeglichenen Wachstums“. Ziel war ein durchschnittliches Wachstum von 5 Prozent, es verharrte jedoch bei 3,3 Prozent. Das Ergebnis war jedoch mittelmäßig. Zwar wurde die inländische Nachfrage nun kontrolliert, die privaten Investitionen schwächten jedoch ab, und das Exportwachstum konnte nicht gesichert werden.

Die Achillesfersen bleiben also erhalten?

Ja, denn der Rückgang des Leistungsbilanzdefizits von 10 Prozent am BIP auf 4,5 Prozent ist eine Folge des Rückgangs des Ölpreises, nicht aber eines Anstiegs des weiter niedrigen Sparens. Das Management der türkischen Wirtschaft ist zwar besser als in den neunziger Jahren. Minuspunkte bleiben aber: Eine niedrige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, niedriges Sparen und ein hohes externes Defizit.

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