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OECD-Rentenbericht : Deutschlands Rentner haben nur selten ein Eigenheim

Rentner-Ehepaar im Tiergarten in Berlin Bild: dpa

Wie sichern die Industrieländer ihr Rentensystem im demografischen Wandel? Ein neuer OECD-Rentenbericht zeigt: Viele Staaten senken das Rentenniveau, verlängern die Lebensarbeitszeit und beenden Anreize zur Frühverrentung.

          Ein Ende aller Anreize zur Frühverrentung, ein späterer Rentenbeginn und ein niedrigeres Rentenniveau für künftige Generationen: Das sind die Rezepte, mit denen die Industrieländer die negativen Folgen des demografischen Wandels  für die Rentenkassen dämpfen wollen. Dies zeigt der neue Bericht „Renten auf einen Blick“ der  Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die OECD stellt darin fest, die Wirtschafts- und Finanzkrise habe dazu beigetragen, dass die Mehrzahl der OECD-Mitgliedstaaten ihre Rentensysteme reformiert oder geplante Reformen beschleunigt habe.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In Deutschland allerdings könnten die Uhren bald wieder zurückgedreht werden: In der letzten Runde der Koalitionsverhandlungen wird über die Rente mit 63 diskutiert. Dabei wird erwogen, ob besonders langjährig Beschäftigte schon mit 63 Jahren in Ruhestand gehen können, ohne Rentenabschläge  hinnehmen zu müssen. Das wäre eine drastische Ausnahme von der „Rente mit 67“. Deren schrittweise Einführung hatte die schwarz-rote Bundesregierung 2007 beschlossen.

          In einem Großteil der Länder liegt die Last der Reformen nach Einschätzung der OECD vor allem auf den Schultern von Durchschnitts- und Besserverdienern. Dennoch werde es – besonders in Deutschland – eine der wesentlichen Herausforderungen sein, dauerhaft für ein angemessenes Rentenniveau zu sorgen. „Die Reformen waren wichtig und die Regierungen haben gut daran getan, Geringverdiener nicht noch stärker zu belasten“, sagte die Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser, bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Berlin. „Wir müssen aber aufpassen, dass die langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt und Altersarmut nicht aus dem Blick geraten. In Deutschland zum Beispiel werden die Rentenbezüge für Menschen mit verhältnismäßig kleinem Gehalt gegen Mitte dieses Jahrhunderts so niedrig sein wie in kaum einem anderen OECD-Land.“

          Wie sich der Lebensstandard ändert, wenn Menschen von der Arbeit in die Rente wechseln, bewertet  die OECD anhand der errechneten „Ersatzraten“. Diese Raten geben an, welchen Teil der individuellen Einkünfte Rentner aus der Rentenkasse erhalten. In Deutschland liegen die Ersatzraten für Personen, die im Jahr 2012 zu arbeiten begonnen haben und die bis zum gesetzlichen Rentenalter Beiträge einzahlen, brutto bei 42 Prozent ihres durchschnittlichen monatlichen Einkommens. Bezieht man Steuern und Abgaben in die Kalkulation ein, kommen zukünftige Rentner je nach Verdienstklasse auf 55 bis 57 Prozent ihres Einkommens. Geringverdiener, die die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens beziehen, werden nach der OECD-Rechnung in Deutschland netto noch rund 55 Prozent dieser Bezüge erhalten – und damit weniger als in allen anderen OECD-Ländern. Die designierte schwarz-rote Koalition plant gerade eine Aufstockung der Renten von Geringverdiener, die jahrzehntelang gearbeitet und privat vorgesorgt haben, auf rund 850 Euro.

          Insgesamt sieht die OECD wesentliche Fortschritte bei der Bekämpfung von Altersarmut. 2010 habe das durchschnittliche  Haushaltseinkommen der Menschen über 65 Jahre in der OECD bei 86 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung gelegen, in Deutschland bei 85,4 Prozent. Der Anteil derer, die weniger als die Hälfte des Medianeinkommens erhielten und somit als einkommensarm galten, ist seit 2007 von 15,1  auf 12,8 Prozent gesunken. Deutschland liegt hier mit 10,5 Prozent unter dem OECD-Schnitt.

          In Deutschland besitzt nur etwa die Hälfte der Rentner eine Immobilie

          Die Leistungen aus der Rentenkasse sind derweil nur ein Indiz dafür, in welchem Maße der Lebensstandard der Rentner gesichert ist. Denn der wird auch dadurch beeinflusst, ob die Rentner über Immobilieneigentum, Finanzvermögen oder weitere staatliche Leistungen verfügen können. In Deutschland besitzt nur etwa die Hälfte der Rentner ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung, im OECD-Schnitt sind es 76 Prozent. Das Kapitalvermögen lässt sich aufgrund mangelnder Daten weit weniger gut analysieren, wie es im OECD-Bericht heißt. Nach den Berechnungen werden in Deutschland etwa 17 Prozent des Einkommens der Personen über 65 Jahre aus Kapiteleinkünften (etwa privaten Renten und Lebensversicherungen) gespeist. Damit liegt Deutschland im OECD-Schnitt.

          In sehr vielen OECD-Ländern profitiert die ältere Generation überdies von besonderen Vergünstigungen für Rentner. Im Bericht wird dabei vor allem auf  Gesundheits- und Pflegedienste verwiesen, aber auch auf Ermäßigungen  in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei kulturellen Angeboten.

          Pflegekosten können dramatische Auswirkungen auf Ruhestandsgehälter haben. Schon ein  geringer Pflegeaufwand von etwa zehn Stunden in der Woche könne das verfügbare Einkommen der Rentner der unteren Einkommensklasse um bis zu zwei Drittel mindern, schreibt die OECD.  In Deutschland profitierten die 20 Prozent der Rentner mit dem geringsten Einkommen von 25 Prozent der Pflegeleistungen, die reichsten 20 Prozent von etwa 12 Prozent.

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