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OECD-Bildungsbericht : Schlechte Noten für Bildungssystem

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Seit 1995 stieg die Anzahl der Studenten in Deutschland um 5 Prozent, im OECD-Durchschnitt dagegen um 41 Prozent. Bild: ddp

Zu wenig Akademiker, drohender Fachkräftemangel und zu geringe Investitionen: Schon wieder hat die OECD dem deutschen Bildungssystem ein miserables Zeugnis ausgestellt. Auch wollen „besorgniserregend“ wenige Schüler studieren.

          Trotz leichter Verbesserungen fällt das deutsche Bildungssystem im weltweiten Vergleich immer weiter zurück. Nach dem neuen OECD-Bildungsbericht 2007 ist Deutschland nicht mehr in der Lage, alle in den nächsten Jahren aus Altersgründen frei werdenden Arbeitsplätze für Ingenieure oder Lehrer mit eigenem akademischen Nachwuchs zu besetzen - geschweige denn auf den weiteren Trend zur Höherqualifizierung auf dem Arbeitsmarkt zu reagieren. Der Bericht kritisiert abermals die geringe Anzahl von Abiturienten und Studenten in Deutschland sowie die hohe Quote von Ungelernten und Abbrechern.

          Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und Kultusminister- Präsident Jürgen Zöllner (SPD/Berlin) kündigten bei der Vorlage des Berichts einen „Bildungs-Herbst“ an. Bund und Länder müssten umgehend Strategien gegen den drohenden Fachkräftemangel entwickeln und die Schwierigkeiten gemeinsam angehen.

          Wenige Jugendliche wollen studieren

          Der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Angel Gurría, nannte es „verblüffend“ und „besorgniserregend“, dass in Deutschland nur 21 Prozent der 15-jährigen Mädchen für sich ein Studium in Betracht zögen. Bei den Jungen sind es sogar nur 18 Prozent. In Korea liege dieser Anteil bei 80 Prozent, der Durchschnitt der 30 OECD-Industrieländer immerhin noch über 50 Prozent.

          Während in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Studenten um 5 Prozent stieg, legten die anderen wichtigsten Industrienationen im Schnitt um 41 Prozent zu. Damit sackt Deutschland im weltweiten Bildungsvergleich vom 10. auf den 22. Rang. Schavan sprach von Fortschritten in Schlüsselbereichen, wie etwa der Einführung der kürzeren Bachelor- und Masterstudiengänge. Sie räumte aber ein, dass die Reformdynamik weltweit deutlich ausgeprägter sei.

          Zu wenig Nachwuchs-Ingenieure

          Auf 100 pensionierte Ingenieure kommen in Deutschland derzeit 90 Nachwuchskräfte aus den Hochschulen. International stehen als Ersatz für 100 Ingenieur-Pensionäre 190 Absolventen zur Verfügung. Dabei ist das Ingenieur-Studium bei jungen Deutschen gefragter als anderswo. Als Grund für den Mangel nennt der Bericht, in Deutschland gebe es insgesamt zu wenige Studienanfänger und auch zu viele Abbrecher.

          Schavan bekräftigte das Ziel, 40 Prozent eines Jahrgangs für ein Studium zu gewinnen. Derzeit liegt die Quote bei rund 35 Prozent. Die Bundesbildungsministerin sprach sich abermals dafür aus, die Hochschulen stärker für Bewerber mit beruflicher Ausbildung zu öffnen. Zudem müsse die Zahl der Studienabbrecher reduziert werden. Der OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher sagte allerdings, Deutschland werde seinen wachsenden Bedarf an Höherqualifizierten nicht allein aus der Berufsbildung decken können. Mehr junge Menschen müssten auch das Abitur erreichen.

          „Unerfreulicher roter Faden“

          Der amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), sagte, bei den Studienanfängern sei die Lücke zu anderen Ländern größer geworden. Durch den gesamten Bildungsbereich ziehe sich zudem wie ein „unerfreulicher roter Faden“ die Benachteiligung aufgrund sozialer Herkunft.

          Auch eine Finanzierungslücke machte die OECD bei den deutschen Hochschulen aus. Der Generalsekretär erklärte, lasse man die Forschung außer Acht, gebe die Bundesrepublik pro Studierendem weniger aus als der Durchschnitt der Industrieländer und nicht einmal die Hälfte des Betrags, den die USA dafür aufwendeten. Ein ausschließlich öffentlich finanziertes Bildungssystem sei keine Garantie für Chancengleichheit, sagte Gurria. Dies gelte besonders für Deutschland.

          Fehlende Chancengleichheit

          Gurría kritisierte die in Deutschland übliche Aufteilung von zehnjährigen Kindern auf unterschiedliche Schulformen. Dies sei mitverantwortlich für die fehlende Chancengleichheit von Kindern aus armen Familien und von Migranten. Oberschichtkinder hätten eine mehr als doppelt so große Studienchance. „So haben nur 16 Prozent der Studierenden in Deutschland einen Vater, der Arbeiter ist.“

          In Deutschland vergrößert sich auch zunehmend die Schere zwischen den Einkommen von Akademikern und den übrigen Berufstätigen. Von den Deutschen mit einer Berufsausbildung hätten nur elf Prozent Einkommensvorteile. Bei Personen mit Hochschul- oder Universitätsabschluss liege dieser Prozentsatz bei 64 Prozent. Auch werde dieser Abstand seit Jahren immer größer. Geringqualifizierte ohne Berufsabschluss sind zudem immer stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. So habe sich zwischen 1991 und 2005 für diese Gruppe die Arbeitslosenquote von 7,4 auf 20,2 Prozent fast verdreifacht.

          Grüne: „schallenden Ohrfeige“

          SPD-Generalsekretär Hubertus Heil forderte, Deutschland müsse mehr für Bildung tun. Er bekräftigte, dass sich die SPD strikt gegen Studiengebühren für das Erststudium wende. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Katherina Reiche (CDU), forderte, das Interesse junger Menschen für natur- und ingenieurwissenschaftliche Fächer zu wecken.

          Der Linken-Vorsitzende Oskar Lafontaine kritisierte, der OECD-Bericht stelle Deutschland ein „verheerendes Zeugnis für eine verfehlte Bildungspolitik“ aus. Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Priska Hinz, sprach von einer „schallenden Ohrfeige“ für die Bildungspolitik der großen Koalition und der Länder. In Deutschland herrsche organisierte Verantwortungslosigkeit.

          Deutschland „Weltmeister in sozialer Auslese“

          Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte, die „erschreckende Botschaft“ des Berichts laute erneut, dass Deutschland „Weltmeister in sozialer Auslese“ bleibe. Akademikerkinder blieben an Hochschulen weitgehend unter sich. Der Deutsche Philologenverband wies dagegen den Vorwurf einer zu niedrigen Akademikerquote zurück. In Deutschland existiere ein sehr gut ausgebautes berufliches Schulwesen, das es in anderen Ländern nicht gebe, erklärte der Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger.

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