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Nobel-Gedenkpreisträger Fama : „Es gibt keine Blasen an den Märkten“

  • Aktualisiert am

Eugene Fama: Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Chicago Bild: Polaris/laif

Der neue Wirtschafts-Nobelgedenkpreisträger Eugene Fama erklärt im Interview, warum Amerikas Zahlungsunfähigkeit nicht unbedingt ein großes Ereignis gewesen wäre.

          3 Min.

          Herr Fama, können Sie in einfachen Worten beschreiben, wofür Ihnen der Nobel-Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften zugesprochen wurde?

          Für die These, dass Preise die verfügbaren Informationen widerspiegeln.

          Führt diese Erkenntnis dazu, dass Sie freie Märkte für effizient halten?

          Ich denke nicht. Ich bin ein Anhänger freier Märkte, aber darum geht es in meiner Arbeit nicht. Meine Arbeit dreht sich darum, wie Preise auf Märkten funktionieren.

          Die Märkte verhalten sich trotz der Aufregung um das Erreichen der Schuldengrenze am 17. Oktober und der Möglichkeit des Zahlungsverzugs (Default) recht ruhig. Warum?

          Entweder denken sie, dass es nicht passieren wird oder, dass es kein großes Ereignis ist. Eines von beiden, oder beides. Es ist nur ein vorübergehendes Ereignis. Ich vermute, dass die Politiker die Schulden bezahlen werden, so wie sie es in der Vergangenheit immer getan haben. (Das Gespräch wurde am Dienstag vor der Einigung in der Vereinigten Staaten geführt.)

          Kann man aus den Marktreaktionen erkennen, warum die Marktteilnehmer nicht besorgt waren?

          Nein. Wir können nur lernen, dass sie nicht besorgt waren.

          Wäre eine Zahlungseinstellung, ein Default, dramatisch gewesen?

          Es wäre wahrscheinlich kein großes Ereignis gewesen, wenn es einen Tag oder so dauert hätte. Hätte es einen Monat gedauert, könnte es ein großes Ereignis sein. Die Staatsanleihen der Vereinigten Staaten würden dann nicht mehr als risikolos angesehen werden.

          Es gibt viel Unruhe wegen der sehr expansiven Geldpolitik in den Vereinigten Staaten.

          Die Menschen denken darüber nicht richtig. Alles, was die Fed macht, ist, kurzfristige Schuldtitel auszugeben und langfristige Schuldtitel zu kaufen. Es ist nicht, als ob sie Geld schaffen würde. Sie gibt Reserven heraus, aber diese Reserven sind – im Gegensatz zu früher – voll zum Marktzins verzinst. Im Kern sind das kurzfristige Schuldtitel des Staates, mit denen sie langfristige Schuldtitel des Staates kauft. Sie versucht so, die Zinsstrukturkurve zu verändern. Das ist nicht besonders gefährlich. Es wird einige Zeit dauern, bis das wieder abgewickelt ist, aber die Tätigkeit als solche ist nicht sonderlich gefährlich.

          Sehen Sie positive Wirkungen dieser expansiven Geldpolitik?

          Offen gesagt: nein. Die Fed versucht, die langfristigen Zinssätze zu verringern. Aber tatsächlich liegt die Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinssätzen ziemlich genau auf dem oder höher als der historische Durchschnitt. Falls die expansive Geldpolitik einen großen Effekt hat, sieht man ihn in den Daten jedenfalls nicht.

          Gerade in Europa wird befürchtet, dass die expansive Geldpolitik der Fed zu neuen Instabilitäten an den Finanzmärkten führe.

          Finanzmärkte sind nicht inhärent instabil. Sie sind nicht stabil wegen der Art und Weise, wie die Finanzunternehmen finanziert sind. Die großen Finanzunternehmen sind sehr kurzfristig finanziert und leihen sehr langfristig Geld aus. In der Vergangenheit, gerade während der Finanzkrise, hielten sie nicht genügend Eigenkapital, um den Preisverfall der langfristigen Anleihen in ihren Anlagen abzudecken. Hätten sie mehr Eigenkapital gehalten, hätten die Aktionäre viel verloren, die Welt als Ganzes aber nicht viel.

          War es richtig, die Banken und Finanzhäuser herauszupauken?

          Ich weiß nicht, ob es richtig war. Wir wissen nicht, was geschehen wäre, wenn man sie nicht herausgepaukt hätte. Ich vermute, dass die Dinge sich recht schnell allein gerichtet hätten. Im Weiteren hätten die Finanzinstitute dann erkannt, dass sie sich nicht mehr auf dem herkömmlichen Weg hätten finanzieren sollen. Die Art der Finanzierung, die die Probleme verursacht hatte, wäre verschwunden. Vielleicht ist meine Vermutung falsch, und es wäre nicht so gelaufen. Aber auf jeden Fall werden wir es nie wissen, denn dieses Experiment wird es nie geben. Keine Regierung wird das zulassen.

          Was folgt aus dem Bailout?

          Die Reaktion der Regierungen hat die Erwartung verankert, dass die meisten der großen Finanzinstitute zu groß sind, um unterzugehen, und dass sie auch künftig herausgepaukt werden. Wir haben das Problem, das während der Krise evident wurde, nicht abgeschüttelt.

          Sie glauben nicht an die Versprechungen der Regierungen, dass sie nie wieder große Finanzhäuser retten werden?

          Keine Minute glaube ich daran.

          Auf der anderen Seite schrauben die Aufseher die Kapitalanforderungen der Banken herauf. Können Aufseher wissen, was eine gute Eigenkapitalquote für eine Bank ist?

          Das ist sehr schwierig. Wir wissen aus der Geschichte, dass Banken viel mehr Eigenkapital hielten, als es keine Einlagenversicherungen gab. Als die Einlagenversicherungen aufkamen, sanken die Eigenkapitalquoten. Ich weiß nicht, wie viel Kapital es bedarf. Ich schätze, dass eine Eigenkapitalquote von 25 Prozent ganz gut wäre. Aber über solch hohe Zahlen spricht niemand.

          Sollen Notenbanken sich Blasen an den Finanzmärkten durch eine straffere Geldpolitik entgegenstemmen?

          Ich glaube nicht, dass Aufseher oder Notenbanker gut darin sind, Blasen zu erkennen, weil es keine Blasen an den Finanzmärkten gibt. Blasen sind etwas, was Menschen den Märkten verbal anheften, um im Nachhinein einen Krach zu erklären. Aber Blasen sind nicht prognostizierbar. Auch wenn die Preise schon lange gestiegen sind, weiß man nicht, ob sie noch weiter steigen oder zusammenbrechen werden.

          Wenn Aufseher Blasen nicht sehen können, sind Märkte dann kontrollierbar?

          Man kann sie nicht kontrollieren.

          Kontrollieren die Märkte sich selbst?

          Die Stabilität der Märkte hängt davon ab, wie gut die Spieler finanziert sind. Und sie hängt davon ab, wie groß die echte Unsicherheit in der Welt ist. Gibt es sehr viel Unsicherheit, kann man die Schwankungen der Märkte nicht beruhigen, egal was man tut. In den Vereinigten Staaten hat die Unsicherheit seit der Finanzkrise als Folge der Politik zugenommen. Es gibt erheblich mehr Regulierungen, aber niemand weiß, wie diese letztlich angewandt werden. Und der Anstieg der Staatsverschuldung ist irrsinnig.

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