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Niedergang der FDP : Grabrede auf den Liberalismus

Vergleichbare Chancen für ein liberales Profil hätte die Krise des Euro geboten. Wenn plötzlich von der herrschenden Mehrheit eine währungstechnische Frage zur Schicksalsstunde Europas hypostasiert wird („Fällt der Euro, fällt Europa“), wäre es nicht ohne Witz gewesen, die FDP hätte deutlich gemacht, dass der Liberalismus mit einem derartigen Ökonomismus nichts gemein hat und dass man auch als Euroskeptiker ein guter Europäer (vielleicht ein besserer?) sein kann.

Aber der FDP ist noch nicht einmal eingefallen, das in allen Feiertagsreden notorisch auftretende Bekenntnis zu den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas („und auch der Islam gehört zweifelsfrei dazu“) behutsam durch den Hinweis zu ergänzen, welchen Freiheits- und Wohlstandsgewinn Europa durch die Aufklärung erfahren hat und dass es der Pfiff dieser Aufklärung war, sich gegen Dogmatismus und Intoleranz der abendländischen Religionen zu behaupten.

Kleingläubiger Opportunismus

Dass die FDP zu all diesen Themen so stumm blieb (und trotzdem so tief stürzte), könnte mit der irreführenden Meinung zusammenhängen, es gebe, weil sie für den kleineren Partner als Vehikel zur Regierungsmacht unverzichtbar ist, auch eine besondere inhaltliche Nähe zwischen Liberalen und Konservativen. Dabei sind sich im paternalistischen Wohlfahrtsstaat Konservative und Sozialdemokraten weitaus näher. Kein Wunder, dass gerade in der Merkel-Union bis heute so viele der großen Koalition nachtrauern.

Friedrich August von Hayek, ein liberaler Sozialphilosoph, sah in den Konservativen halbherzige Gesellen, die sich damit zufriedengeben, „Bremser am Fahrzeug des Fortschritts“ zu spielen. Es geht ihnen alles zu schnell, aber sie haben keine wirkliche Alternative zum wohlfahrtsstaatlichen Sozialismus, weswegen es ihr Schicksal bleibt, auf einem nicht selbst gewählten Weg mitgeschleppt zu werden. Sie sind Opportunisten ohne eigene Prinzipien. Es bleibt ihr trauriges Schicksal, gelegentlich ihr „Nicht so schnell“ rufen zu dürfen.

Die FDP hat sich, einem müde gewordenen Chamäleon gleich, an den kleingläubigen Opportunismus der konservativen Bremser gekuschelt. Dafür braucht man sie wirklich nicht. Liberale müssten ihnen energisch entgegentreten. Damit blieben sie zwar auch Minderheit, dem Pathos der „negativen“ Freiheit verpflichtet. Aber womöglich macht die Differenz zwischen machtbesessenem Opportunismus und phrasenlosem Liberalismus genau jene fünf Prozentpunkte aus, die das derzeitige Umfragetief von drei bis vier Prozent wieder auf das historische Normalmaß von acht bis neun Prozent liften könnte.

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