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Neuer Weltbank-Chef : Er heilte arme Peruaner

Wie es Tradition ist: Der neue Chef der Weltbank kommt aus den Vereinigten Staaten - und heißt Jim Yong Kim Bild: dpa

Jim Yong Kim heißt der neue Präsident der Weltbank - der oberste Armutsbekämpfer der Welt. Über Wirtschaft weiß er wenig. Aber er hat praktische Erfahrung mit Medizin.

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          Als Jim Yong Kim in frühen Studienjahren den Wunsch äußerte, Philosophie und politische Wissenschaft zu studieren, hielt sein Vater, der einst aus Nordkorea floh, den Wagen an und nahm ihn sich zur Brust. „Du bist ein Koreaner, der in der amerikanischen Gesellschaft lebt. Ich möchte, dass du praktische Fähigkeiten hast, damit du in die Welt gehst und weißt, wie man etwas macht und nicht nur, wie man denkt.“ Der tadelnde Rat des Vaters hat gefruchtet. Kim studierte Medizin und später Anthropologie an der Universität Harvard. Am Montag wurde er zum neuen Präsidenten der Weltbank berufen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Nominierung Kims durch die Vereinigten Staaten und seine Berufung sind für viele in der Weltbank immer noch eine große Überraschung. Der Koreaner, der mit fünf Jahren in die Vereinigten Staaten kam und in Iowa aufwuchs, genießt einen ausgezeichneten Ruf in der internationalen Gesundheitspolitik. Ein Fachmann der Entwicklungspolitik aber ist er nicht.

          (Kim tritt im Video mit seinen Studenten ab Minute 2:05 auf.)

          Der 52 Jahre alte Kim wird als zielorientierter Aktivist beschrieben, dem das Schicksal der Armen ein persönliches Anliegen ist und der dabei hartnäckig und ungeduldig sein kann. Diese Eigenschaften bewies er, als er Mitte der neunziger Jahre in einen Armenviertel von Perus Hauptstadt Lima einen Ausbruch einer Art der Tuberkulose entdeckte, die gegen herkömmliche Medikamente resistent war.

          Kim überzeugte die Arzneimittelindustrie, die Medikamente billiger herzustellen und abzugeben. Mit Antibiotika der so genannten zweiten Verteidigungslinie gelang es ihm, die Krankheit zu bekämpfen. Diese Medikamente haben schwere Nebenwirkungen und bedürfen einer kontrollierten, exakten Dosierung. Das Geheimnis des Erfolgs der von ihm mitgegründeten privaten Hilfsorganisation „Partners in Health“ nicht nur in Peru liegt darin, dass Kim und seine Mitstreiter Helfer ausbildeten, die darauf achteten, dass die Patienten ihre Medikamente regelmäßig einnahmen. Die Heilungsrate erreichte so 80 Prozent.

          Seine Erfahrungen aus Peru nutzten Aids-Patienten auf der ganzen Welt

          Der Erfolg überzeugte die WHO, die besonderen Antibiotika als essentielle Medikamente einzustufen und die Gesundheitsvorsorge in Gemeinschaften zu fokussieren. Kim hatte bewiesen, dass Tuberkulose-Fälle unter den Ärmsten nicht hoffnungslos sind. Ähnliche Methoden nutzte er später als Direktor des Aids-Programms der Weltgesundheitsbehörde WHO mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren drei Millionen neu infizierte Aids-Patienten zu behandeln.

          Es dauerte zwar zwei Jahre länger, bis die Zielmarke erreicht wurde. Aber Kim zeigte, dass auch in den ärmsten Ländern die Behandlung von HIV-Infizierten mit komplizierten Medikamentencocktails Erfolg haben kann.

          Irritierend ist an Kim eine etwas unklare Position zur Marktwirtschaft. In dem von ihm vor zehn Jahren mit herausgegebenen Buch „Dying for Growth - Sterben für Wachstum“ schildert er als Ko-Autor die Privatisierung des Gesundheitswesens in Peru unter Präsident Alberto Fujimori 1997 und anderswo als krasse Fehlentwicklung.

          Seine Haltung zur Marktwirtschaft ist unklar

          Dem Kernargument lässt sich leicht folgen. Kim und seine Ko-Autoren betonen, dass eine Kostenbeteiligung der Patienten dann versagt, wenn Arme gar kein Geld haben, um Gesundheitskosten zu tragen. Dann gelingt die angestrebte Kostensenkung dadurch, dass lebensnotwendige Gesundheitsleistungen einfach unterbleiben. Irritierend aber ist die scharfe Sprache, mit der die Autoren gegen Gesundheitsmärkte und auch internationale Unternehmen argumentieren. Es bleibt unklar, ob sich dahinter ein generelles Misstrauen gegenüber dem Markt verbirgt.

          In der Weltbank würde das schlecht aufstoßen. Im Gegensatz zu den neunziger Jahren legt die Weltbank heute zwar großen Wert auf die direkten sozialen Folgen ihrer entwicklungspolitischen Empfehlungen. Im Kern aber sehen die Weltbankökonomen Märkte selbstverständlich als Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung an. Kim betont auf jeden Fall in den wenigen Interviews, die er bislang gegeben hat, wie sehr ihm das inklusive Wachstum am Herzen liegt. „Wirtschaftswachstum für alle“ bezeichnet er als sein Mantra. Seine früher scharfen Töne belegen womöglich nur eine Lust an der Provokation. Akademikern, die ihn hochmütig fragten, warum er seine Patienten ständig als „Arme“ bezeichne, soll er geantwortet haben: „OK, wie ist es denn mit den Bald-Toten?“

          Am Tag seiner Wahl zum Weltbank-Chef traf Jim Yong Kim den Präsidenten Perus, wo er einst einen Ausbruch der Tuberkulose geheilt hatte.
          Am Tag seiner Wahl zum Weltbank-Chef traf Jim Yong Kim den Präsidenten Perus, wo er einst einen Ausbruch der Tuberkulose geheilt hatte. : Bild: REUTERS

          In seiner Bewerbung für den Chefposten bei der Weltbank und in den ersten Äußerungen nach seiner Berufung ließ Kim diese erfrischende Offenheit missen. Wie nach Lehrbuch plädiert er dafür, dass die Weltbank schneller agieren müsse und dass sie mit ihrem Wissen auch in Schwellenländern mittleren Einkommens noch gefragt sei. Auch mit seinem steten Plädoyer für mehr Geld für die Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern passt er in die Weltbank.

          Er wusste lange nicht, was ein Hedgefonds ist

          Als Präsident des Dartmouth College, einer der Eliteuniversitäten der Ivy-League, bewies er nach dem Einbruch des Stiftungskapitals im Zuge der Finanzkrise dagegen, dass er auch als Sparkommissar agieren kann. Das Wissen über Finanzmärkte und -anlagen wurde ihm damals in einem „Crash-Kurs“ beigebracht. Er habe als frischgebackener Hochschulpräsident keine Idee gehabt, was ein Hedgefonds sei, gestand Kim später ein.

          Ein ähnlicher Crash-Kurs wird ihm in der Weltbank bevorstehen. Kritiker bemängeln, dass dem Gesundheitsaktivisten ökonomische Erfahrung fehle und dass er keine Erfahrung mit der Entwicklungsarbeit der Bank habe. Aus Europa wurde den Vereinigten Staaten deutlich gemacht, dass man seiner Berufung nur mit Bedenken zustimme.

          Andere werten als Chance, dass Kim mit einem unbefangenen Blick auf die Arbeit der riesigen und bürokratischen Hilfsorganisation mit ihren mehr als 10.000 Mitarbeitern herangehen könne. Kim nimmt dabei für sich in Anspruch, dass er als Mediziner datengestützt sehr darauf achte, was wirklich wirkt.

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