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Neuer EZB-Chefvolkswirt Jörg Asmussen : Hält dieser Mann den Euro stabil?

„Jedes Theoriegebäude kann noch so schön sein, wenn die Realität anders ist“: Für Pragmatismus spricht auch Asmussens bisherige Karriere Bild: Jens Gyarmaty

Jörg Asmussen wird Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Er sagt von sich, er sei ein Pragmatiker. Doch womöglich werden gerade die Pragmatiker die Regeln der Geldpolitik missachten.

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          Wenn es brennt, holt man die Feuerwehr. Jörg Asmussen hat das seit Kindertagen erlebt. Sein Vater war Chef der Feuerwehr von Flensburg. Asmussen bewundert seinen Vater: Als Brandlöscher, der selbst in der allerhöchsten Not einen ruhigen Kopf bewahrt. Und als Beamten, der weiß, dass Loyalität, Sachkompetenz und Verschwiegenheit die Kardinaltugenden des Staatsdieners sind.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jörg Asmussen eifert seinem Vater nach. Als Beamteter Staatssekretär im Finanzministerium ist er spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 selbst eine Art permanenter Feuerwehrmann geworden. Banken werden kapitalisiert, Staaten werden gerettet, und allen Rettungsaktionen zum Trotz brechen überall ständig neue Feuersbrünste aus. Besonders brenzlig war es in jener Nacht des 4. Oktober 2008 im Berliner Kanzleramt, als Asmussen, damals Staatssekretär von Peer Steinbrück, mit der Kanzlerin im kleinen Kreis zusammenhockte. Tags darauf treten Angela Merkel und Peer Steinbrück vor die Kameras und sagen beschwörend: „Die Spareinlagen der Deutschen sind sicher.“ Heute, sagt, Asmussen, sei die Lage nicht minder ernst als damals.

          Ehrentitel „Dogmatiker“

          Als Feuerwehrmann wird Asmussen jetzt auch zur Europäischen Zentralbank (EZB) geschickt. Dort haben die Deutschen seit den Anfängen eine Art inoffiziellen Anspruch auf die Besetzung des wichtigen Postens im Zentralbankrat: den des Chefvolkswirts. Amtsinhaber Jürgen Stark hat im September ziemlich überraschend das Handtuch geworfen, offiziell „aus persönlichen Gründen“, in Wahrheit (und von Stark nie dementiert), weil er den Kauf von Staatsanleihen durch die EZB (also die Staatsfinanzierung durch die Notenbank) nicht länger mittragen wollte. Der Euro fiel damals nach der ersten Meldung über den Postenverzicht Starks auf ein neues Sechsmonatstief; der Dax rauschte auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Ein guter EZB-Chefvolkswirt ist den Finanzmärkten einiges wert.

          Der Chefvolkswirt ist der Garant dafür, dass die Notenbank ihren Regeln und Statuten treu bleibt: Strikt und ausschließlich soll sie dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet sein. Das haben nicht zuletzt die Deutschen, traumatisiert von den verheerenden Folgen einer Inflation, als Bundesbank-Erbe der Europäischen Währungsunion vermacht. Denn die Deutschen wissen aus kollektiver historischer Erfahrung, dass Inflation Vermögen vernichtet. Und die beiden Deutschen Otmar Issing und Jürgen Stark - der eine ein Professor, der andere ein Beamter, der daherkommt wie ein Professor - haben in den vergangenen zehn Jahren dafür gebürgt. „Dogmatiker“ hat man sie darob im europäischen Ausland gescholten; Issing und Stark haben das stets als einen Ehrentitel betrachtet.

          Geschätzt von der Kanzlerin

          Jörg Asmussen, der Stark am 1. Januar 2012 nachfolgt, nennt sich selbst einen „Pragmatiker“. „Jedes Theoriegebäude kann noch so schön sein, wenn die Realität anders ist.“

          Für Pragmatismus spricht Asmussens bisherige Karriere. Fix und mit sicherem Blick des Netzwerkers, der weiß, wo die wichtigen Leute sind, hat er wie noch keiner vor ihm eine Blitzkarriere im Finanzministerium hingelegt. Nach Ökonomiestudium in Bonn (mit Schwerpunkt Geldtheorie) und einer kurzen Phase als Berater kam er 1996 mit dreißig Jahren ins Ministerium und ließ alsbald die Kollegen wissen, aus ihm werde einmal ein Staatssekretär.

          So ist es dann auch gekommen. Gedient hat er unter den Ministern Waigel (CSU), Lafontaine (SPD), Eichel (SPD), Steinbrück (SPD) und Schäuble (CDU). Und fachlich geschätzt wird er spätestens seit 2005 nicht zuletzt von der Kanzlerin, die in ihm - neben dem heutigen Bundesbankchef Jens Weidmann - ihren wichtigsten finanzpolitischen Berater fand. Merkel ist selbst bekennende Pragmatikerin.

          Ein Techniker, kein Technokrat

          All das spricht für eine hohe Professionalität Asmussens, mit der er sich unentbehrlich gemacht hat (und auf dem Weg dorthin, wie kann es anders sein, Mitbewerbern ein paar Schrammen und Wunden zugefügt hat). Aber es spricht auch für ein gerüttelt Maß an Anpassungsfähigkeit; denn die genannten Herren Finanzminister haben alle ein sehr unterschiedliches politisches und persönliches Naturell.

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