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Neue Studie : Mogelt China mit dem Wirtschaftswachstum?

Beschränkte Zahlen: Viele Unternehmen in China werden zur Berechnung des BIP nicht berücksichtigt. Bild: AP

Die chinesische Wirtschaft wächst und wächst. Aber wie verlässlich sind eigentlich die amtlichen Zahlen? Ein deutscher Forscher hat sich mit dieser Frage beschäftigt - und rät zu grundsätzlichem Zweifel.

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          Kaum eine andere Frage treibt die Weltwirtschaft so um wie die nach der Stärke der chinesischen Wirtschaft. Glaubt man den offiziellen Zahlen, dann lief zumindest im ersten Halbjahr 2015 alles nach Plan: Mit exakt 7 Prozent Wirtschaftswachstum liegt die Volksrepublik haargenau auf dem von der Regierung angestrebten Wachstumskurs. Aber wie verlässlich sind diese von der nationalen Statistikbehörde NBS veröffentlichten Daten? Und wie werden sie überhaupt erhoben?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Carsten Holz, deutscher Sozialwissenschaftler an der Hongkong University of Science and Technology, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Methode und Qualität der chinesischen Wirtschaftsstatistiken. „Sonderlich verlässlich sind die Zahlen nicht“, sagt er. So seien die Daten, die die NBS erhalte, relativ beschränkt. „Für die jährlichen BIP-Zahlen werden im Industriebereich lediglich Betriebe erfasst, die im Jahr mindestens 20 Millionen Renminbi, also etwa 2,8 Millionen Dollar, Umsatz erwirtschaften“, erklärt der Forscher. Im Jahr 2013 hätten diese Schwelle rund 350.000 Betriebe im ganzen Land übertroffen.

          30 bis 40 Prozent der Industriebeschäftigten in China würden jedoch in Unternehmen arbeiten, die kleiner sind und ihre Daten deshalb nicht regelmäßig melden müssen. Umfassende Umfragen, mit denen auch Kleinstbetriebe (Straßenverkäufer, Reparaturbetriebe) erfasst werden, gebe es nur alle fünf Jahre. „Es werden zwar in der Zwischenzeit auch Stichproben unter kleineren Betrieben durchgeführt. Die sind aber nicht sehr transparent und auch nicht sehr häufig“, sagt Holz.

          Beste verfügbare Daten

          Erst kürzlich hat China Reformen für seine Wirtschaftsstatistiken angekündigt. Dabei geht es aber in erster Linie nicht um die Art und Weise, wie die Zahlen ermittelt werden, sondern um die Veröffentlichungspraxis. Künftig soll zum Beispiel am Ende des dritten Quartals nicht nur kumuliert bekannt gegeben werden, wie stark die Wirtschaftsleistung von Jahresbeginn an zugelegt hat, sondern auch einzelne Zahlen für das zurückliegende Quartal. So will China kurzfristige Schwankungen besser sichtbar machen und sich internationalen Statistikstandards weiter annähern.

          Strukturelle Schwierigkeiten würden davon unabhängig aber weiterbestehen, sagt Forscher Holz. So sei die für die Industrieunternehmen zuständige Abteilung in der nationalen Statistikbehörde vergleichsweise klein, der Anreiz für Unternehmen, nicht die korrekten Zahlen zu nennen, aber vergleichsweise groß. Denn in der Vergangenheit seien die monatlich von den Betrieben per Internet gemeldeten Daten öffentlich geworden, im Netz könne man eigentlich vertrauliche Dateien kaufen. „Da kann man dann nachlesen, wie viel Gewinne einzelne Unternehmen gemacht haben. Das hätte nie nach außen dringen dürfen“, sagt Holz. Je nach ihrer strategischen Wettbewerbssituation könnten Manager einen Anreiz haben, zu hohe oder zu niedrige Daten zu nennen.

          Trotz all dieser Einschränkungen hält der Forscher die offiziellen Daten für die besten verfügbaren Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung Chinas. Von dem nach dem chinesischen Ministerpräsidenten benannten „Li-Keqiang-Index“, in dem zum Beispiel der Stromverbrauch und die Bahnfracht zu einem Indikator zusammengefasst werden, hält Holz wenig. „Dieser Indikator hat auch seine Schwächen. Man kann da vielleicht mal einen Trend herauslesen, aber insgesamt halte ich die offiziellen Zahlen für besser.“ Auf die Nachkommastelle würde Holz allerdings nicht vertrauen. Die Daten, die von den Behörden erhoben werden, ließen einen gewissen Spielraum – und da auch in den Statistikbehörden bekannt sei, welches Ziel politisch angestrebt wird, könne man an dieser Stelle nachjustieren. Grundsätzliche Zweifel seien jedoch nicht angebracht.

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