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Neue Risikoeinschätzung : WHO hält Glyphosat für nicht krebserregend

  • -Aktualisiert am

Gefährliches Gift? Glyphosat ist ein hoch umstrittenes Pflanzenschutzmittel. Bild: dpa

Das ist überraschend: Die Weltgesundheitsorganisation hält das umstrittene Herbizid Glyphosat nicht für krebserregend. Ausgerechnet jetzt, wo sich die SPD gegen eine Verlängerung der Zulassung positioniert hat.

          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Montag in einer neuen Risikoeinschätzung das umstrittene Herbizid Glyphosat als nicht krebserregend eingeordnet. Das dürfte dem Streit in der Bundesregierung über eine Neuzulassung eine neue Wendung geben. Erst vor wenigen Tagen hatten die Bundesminister der SPD sich überraschend gegen eine Verlängerung der Zulassung positioniert. „Solange wir nicht zweifelsfrei wissen, ob Glyphosat für die Gesundheit unbedenklich ist, sollten wir diese Chemikalie auch nicht zulassen“, hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Freitag gesagt.

          Die EU-Kommission will bis Ende des Monats darüber entscheiden. Während die Union eine Neuzulassung unter Auflagen und Einschränkungen befürwortet, hatte die SPD eine überraschende Kehrtwende hingelegt und diese mit nicht hinreichend geklärten Gesundheitsrisiken für den Menschen begründet. Die Bundesregierung solle sich der Stimme enthalten, meinen die Parlamentarier. In dieser Woche will sich die Bundeskanzlerin in den Koalitionsstreit einschalten.

          Seit Montag gibt es eine wissenschaftliche Meinung mehr. Das Fachgremium „Joint Meeting of Pesticide Residues", das zur WHO und der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehört, sieht bei gebräuchlichen Mengen kein Krebsrisiko für Menschen durch Glyphosat-Rückstände. Es gebe „kein Krebsrisiko aus Glyphosatrückständen“, fasst eine beteiligte Wissenschaflerin die Studie zusammen, die am Nachmittag vorgestellt wurde.

          Eines der am weitesten verbreiteten Pflanzengifte

          Zum gleichen Ergebnis waren vor Monaten auch die deutsche und europäische Behörde zur Risikoeinschätzung gekommen, das BfR und die Efsa. Vor etwa einem Jahr hatte eine andere Teilbehörde der WHO die Krebswarnung ausgegeben. Die unterschiedliche Einschätzung beruht auf einer unterschiedlichen Fragestellung. In Risikoeinschätzungen geht es um mögliche Krankheitsfolgen infolge des Kontakts mit üblichen Rückstandsmengen. Die Gefahreneinschätzung hingegen, in der Glyphosat durch die WHO-Behörde ,,IARC" als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft worden war, basiert auf der Frage, ob ein Stoff grundsätzlich Krebs auslösen könne, auch in sehr hohen Mengen.

          Glyphosat ist eines der am weitesten verbreiteten Pflanzengifte. Rückstände sind fast überall zu finden, aber in sehr geringen Mengen: im Leitungswasser und Urin, in Getreide und vielen Lebensmitteln. Gegner des Wirkstoffes argumentieren auch, dass Krebsrisiken daraus hergestellter Mittel wie ,,Roundup" von Monsanto nicht hinreichend untersucht sein, wie auch die Wirkung von ,,Cocktails" verschiedener Pestizide auf die Gesundheit.

          Während die SPD sich auf in ihren Augen nicht hinreichend geklärte Gesundheitsrisiken beruft, lehnen die Grünen und sehr viele Nichtregierungsorganisationen Glyphosat grundsätzlich ab. Die Grünen fordern, dass Äcker wieder gepflügt werden. Glyphosat ermöglicht Landwirten die Aussaat ohne vorher zu pflügen. Wird es einmal gespritzt, stirbt jede Pflanze auf dem Acker. Der Grüne EU-Parlamentarier Sven Giegold veröffentlichte den Glyphosatwert in seinem Urin auf Twitter: „Ich schwöre, am Bier liegt es nicht! #Glyphosat-Wert in meinem Urin: 1,9 µg/l. EU-Kommission muss das Gift verbieten.“

          Der Grüne gentechnikpolitische Sprecher Harald Ebner nannte Glyphosat ebenda ein ,,Merkelgift". Ein Argument für die Grünen ist, dass Glyphosat mit gentechnisch veränderten, dagegen resistenten Pflanzen kombiniert werde. Beide kommen vom Konzern Monsanto. Aber in Deutschland und Großteilen der EU sind sie ohnehin verboten. Der Umweltverein BUND schreibt „Glyphosat“ in seiner neuesten Kampagne mit einem Totenkopf anstelle des „o“.

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