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Neue Kombinationskurse : Flüchtlinge sollen mehr als Deutsch lernen

  • Aktualisiert am

Probearbeiten in der Metallwerkstatt: Zwei Flüchtlinge in Dresden. Bild: dpa

Wie werden Flüchtlinge fit für den deutschen Arbeitsmarkt? Die Bundesagentur für Arbeit probiert bald eine neue Kombination aus Sprach- und Integrationskurs und Berufsausbildung. Neue Zahlen zeigen: Das ist bitter nötig.

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          Mit neuartigen Kombikursen will die Bundesagentur für Arbeit (BA) künftig anerkannte Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt fit machen. Dabei sollen reguläre Deutsch- und Integrationskurse anders als bisher mit einer gezielten beruflichen Förderung der Asylberechtigten verzahnt werden, kündigte BA-Vorstandsmitglied Detlef Scheele im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa  in Nürnberg an.

          Das Angebot könnte dringend nötig werden, das jedenfalls suggeriert der Berufsbildungsbericht 2016 aus dem das Portal „Spiegel Online“ an diesem Donnerstag vorab zitiert. Demnach fanden im vergangenen Jahr rund 18.000 Jugendliche mehr als noch 2014 keinen Ausbildungsplatz und mussten daher erst einmal Kurse im sogenannten Übergangsbereich absolvieren. Das bedeutet die Umkehr eines Trends: Seit 2005 war die Zahl der Jugendlichen in solchen Maßnahmen kontinuierlich gesunken. Dies habe vor allem mit den Flüchtlingen zu tun, so zitiert „Spiegel Online“ die Autoren des Berichts. In dem Papier heißt es demnach weiter, das Berufsbildungssystem müsse sich „frühzeitig auf eine steigende Nachfrage nach Berufsorientierung, Berufsvorbereitung, Berufsausbildung und Nachqualifizierung vorbereiten“.

          Die neuartigen Kurse der BA klingen nach einer ersten derartigen Maßnahme: Allein dieses Jahr sollen nach derzeitiger Planung rund 150.000 Flüchtlinge die bis zu einem Jahr dauernden Kombikurse absolvieren. Das neue Kursangebot soll nach Scheeles Angaben voraussichtlich in diesem Sommer starten. „Wir beginnen die Maßnahmen mit einem hohen Sprachkursanteil und ergänzenden beruflichen Elementen. Die beruflichen Anteile nehmen von Monat für Monat zu, während Sprachkursanteile nach und nach abnehmen“, erläuterte Scheele.

          Integration : Flucht und dann? Jobsuche in Deutschland

          Bis zu fünf Jahre dauert der Weg zur Fachkraft

          Dabei soll sich die Fortbildung möglichst an der beruflichen Erfahrung des jeweiligen Flüchtlings orientieren. „Ein Flüchtling, der als Maurer gearbeitet hat, sollte für eine gewisse Zeit eine Fördermaßnahme absolvieren, bei der die Kompetenzen als Maurer erfasst und erprobt werden“, sagte Scheele. Jüngere Flüchtlinge sollten zudem - aufbauend auf den Integrationskurs - später noch in speziellen 6- bis 18-monatigen Kursen auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Bis ein Flüchtling eine Fachkraft sei, könne es daher schon mal bis zu fünf Jahre dauern, schätzt die Bundesagentur.

          Neu ist nach Scheeles Worten aber nicht nur die Kombination aus Integrationskurs und beruflicher Fortbildung, sondern auch die Art der Kursbelegung. Hätten sich Flüchtlinge bisher selbst um einen Platz bei einem vom Flüchtlingsbundesamt (Bamf) zugelassenen Integrationskurs bemühen müssen, würden Asylberechtigte künftig von den Jobcentern direkt den Kursen zugewiesen. Die Bundesagentur wisse damit künftig genau, wo Kurse beginnen, wie viele Flüchtlinge daran teilnehmen und wie hoch die Abbrecherquote ist. Diese Transparenz habe bisher bei den Integrationskursen des Bamf gefehlt.

          Bei der Auswahl der für die Kombikurse in Frage kommenden Flüchtlinge setzt die Bundesagentur auf die 24 geplanten Ankunftszentren, in denen Flüchtlinge künftig registriert werden sollen. Zwar bestünden bislang erst zwei davon - bis zum Sommer sollten sie aber alle eingerichtet sein. Dann sollen BA-Mitarbeiter in einem ersten Schritt prüfen, welches berufliche Rüstzeug die einzelnen Flüchtlinge mitbringen und welche Förderung sie benötigen. Diese Daten würden an die Jobcenter weitergeleitet, wo später genauer über den Förderbedarf der Betroffenen entschieden werde.

          Druck von den Kultusministern

          Druck auf den Bund für mehr Engagement bei Bildungsangeboten macht auch die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK). Deren Präsidentin Claudia Bogedan (SPD) sagte der „Rheinischen Post“ (Donnerstag): „Noch immer stehen nicht alle arbeitsmarktpolitischen Förderangebote der Bundesagentur für Arbeit allen Asylsuchenden offen.“

          Ungeklärt seien auch die Unterstützungsangebote für junge Erwachsene, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen. Bogedan: „Vom Bund erwarten die Länder daher gerade an der Schnittstelle der beruflichen Bildung für die älteren Jugendlichen ein stärkeres Engagement. Diese Integrationskosten können nicht auch noch bei den Ländern abgeladen werden.“

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