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Neue Geburtenpolitik in China : Herr Zhang soll jetzt für Kinder sorgen

Gruppenbild mit Staat: Familienplaner Zhang Haining (rechts) mit Kollegen kontrolliert die Aufzucht der zweijährigen Shang Yaoyao. Ihre MutterShang Hongdan (2. v. l.) soll noch ein Kind gebären. Bild: Hendrik Ankenbrand

Chinas gefürchtete Familienplaner überwachen mit brutalen Methoden die staatliche Ein-Kind-Politik. Bislang. Weil die Volksrepublik altert, verlangt der Staat plötzlich mehr Geburten. Jetzt ziehen die alten Funktionäre los und werben für neues Kinderglück. Doch niemand glaubt ihnen.

          9 Min.

          Der Familienplaner Zhang Haining, 41 Jahre, brauner Janker, schwarze Kaderhose, Brille, trifft hier und heute, im größten und kahlsten Raum der Bauernkate Sieben am Rande der Bergstadt Qing Youhe, auf die Mutter Shang Hongdan, 29 Jahre, rote Jacke, schiefe Zähne.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Es geht um Chinas Zukunft. Die Mutter hat dem Land ein Kind geschenkt, es entwickelt sich gut. Nun soll sie ein zweites gebären. Vielleicht, flüstert sie. Vielleicht.

          Ach was. Ein zweites Kind? Die Staatsmacht hat nichts einzuwenden. Nicht das Geringste. Hiermit bewilligt! „Ein zweites Kind, wunderbar, Genossin!“ Staatsvertreter Zhang blickt zum Reporter: „Die Sozialprognose lässt eine zweite Geburtserlaubnis zu.“ Die erste scheint sich bereits auszuzahlen. Ein Mädchen, zwei Jahre alt und aufgeweckt.

          Aus Chinas Provinz schaffen es nur acht Prozent der Kinder auf die Universität. Das ist ein Problem. Doch Zhang Haining, Direktor des Büros für Bevölkerung und Familienplanung, hofft auf Steigerung der Quote. Vorlesen fördert die Intelligenz. Hier und jetzt: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat.“ Ein Kinderbuch, es stammt aus Deutschland. Herr Zhang blättert die Seiten um. Eine ganze Tasche voller Kinderbücher führt er bei sich. Seifenblasen und Stapelbecher dazu. Zeit für eine kleine Rede. Von oben herab, wie es sich für Vertreter der Staatsgewalt gehört, die sich bewusst sind, von Bauern und Arbeitern als gottgleiche Wesen angesehen zu werden. „Wir dienen allen Kindern“, sagt er.

          Einfach und brutal

          Der Beamte strahlt. Die Mutter weiß nicht, wohin mit den Händen. Wer hat schon gern den Staat im Haus. Eingeladen hat er sich zudem selbst. Die Mutter Shang Hongdan, im immer noch gebärfähigen Alter, soll eine Probandin sein für ein neues Ziel im Menschenlabor: Reproduktion steigern! Humankapital erhöhen!

          In der Hütte gibt es Tee. Es ist beruhigend, wenn man sich in diesen Zeiten an etwas festhalten kann. Alles geht durcheinander: Die Anti-Korruptionskampagne erschüttert das Land. Umweltschutz soll auf einmal wichtiger als Wachstum sein. Was gestern richtig war, ist heute falsch. Selbst Familienplaner Zhang kommt kaum noch mit. Nun bebt die Welt seiner Behörde. In der war einst die Familienplanerin Gugu im Patrouillenboot den Fluss entlanggejagt – so schildert es der aktuelle Roman „Frösche“ des Literaturnobelpreisträgers Mo Yan. Darin heißt es: „Die Geburtenplanung ist der Schlüssel für die Zukunft unseres Staates! Ob ihr euch in dunklen Löchern versteckt oder im tiefen Wald. Ihr werdet uns nicht entkommen!“

          Intelligenztest bestanden: Deswegen darf ein Geschwisterchen her.
          Intelligenztest bestanden: Deswegen darf ein Geschwisterchen her. : Bild: Hendrik Ankenbrand

          In jedem Ort sitzen die Familienplaner. Eine halbe Million, geschätzt. Ohne ihre Menschenjagd wäre die Bevölkerung heute um 30 Prozent größer, brüstet sich die Regierung und zeigt die Erfolgsbilanz: 330 Millionen Abtreibungen seit 1971. 200 Millionen Sterilisationen. 400 Millionen in Gebärmuttern eingesetzte Spiralen. Ein Erfolg der Planer, deren Arbeitsweise Herr Zhang so beschreibt: „Einfach und brutal.“

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