https://www.faz.net/-gqe-14g9p

Neue Familienformen : Homoeltern, Patchwork, wilde Ehe und mehr

  • -Aktualisiert am

Wer gehört zu wem? Karin Jehle und Stephan Neuß mit (von links) Ferdinand, Jesaja, Thaddäus, Aaron und Luzie Bild: Julia Zimmermann / F.A.Z.

Wenn Kinder zwei Mütter haben oder drei Stiefgeschwister, wenn die WG-Mitbewohnerin zur Ersatzoma wird oder Eltern keinen Trauschein wollen - dann sind wir angekommen in Deutschlands Wirklichkeit. Das alles ist heute Familie. Doch die traditionelle Ehe wird immer noch bevorzugt, vor allem finanziell.

          4 Min.

          Verliebt, verlobt, verheiratet - und dann kommen die Kinder. Das ist das Bild, das viele Deutsche vor Augen haben, wenn sie an Familie denken. Michaela Kreyenfeld, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für demographische Forschung, braucht nur eine einfache Zahl, um diese Vorstellung zu zerstören: 61 Prozent. 61 Prozent der ostdeutschen Kinder, die im vergangenen Jahr geboren wurden, hatten unverheiratete Eltern. Es ist also die Mehrheit der Kinder im Osten, die nicht mehr in der klassischen Familie zur Welt kommt.

          Und das ist gar nicht so neu. Schon seit den späten neunziger Jahren wird der größte Teil der ostdeutschen Kinder außerhalb von Ehen geboren. Westdeutschland ist traditioneller, doch auch dort ist die Ehe auf dem Rückzug. Heute hat schon jedes vierte neugeborene Kind im Westen eine unverheiratete Mutter.

          Von wegen verliebt, verlobt, verheiratet. Der neue Dreiklang heißt eher kennenlernen, Kisten schleppen, Kinder kriegen. Dazwischen bleibt wenig Zeit für den Trauschein. Und wenig Lust. Zum Beispiel bei Johannes Krätschell und Gundula Trebs (siehe auch: „Ein Trauschein ist nicht nötig“). Das Berliner Paar hat zwar eine kleine Tochter, denkt aber gar nicht daran, bald vor den Traualtar zu treten. "Der Trauschein sagt nichts darüber aus, ob es auf Dauer wirklich gutgeht", sagen sie.

          In Deutschland tut sich etwas

          Das ist nur ein Beispiel dafür, dass sich in Deutschland etwas tut. Das Zusammenleben der Generationen verändert sich grundsätzlich. Das Standardmodell hart arbeitender Vater, treusorgende Gattin und eine Schar von Kindern gibt es zwar immer noch. Doch heute ist viel mehr möglich und üblich. Die Familie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark gewandelt wie kaum eine andere gesellschaftliche Institution.

          Es sind vor allem die besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten für Frauen, die den Wandel herbeiführen. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt. Zum einen nimmt der dringende Wunsch zu heiraten ab. "Weil Frauen immer häufiger selbst erwerbstätig sind, ist die Ehe nicht mehr so relevant wie einst", sagt Forscherin Kreyenfeld. "Ihre Schutzfunktion ist für viele nicht mehr notwendig." Zum anderen sind es auch die Ehen selbst, die sich verändern - sie halten immer kürzer. Da der Mensch aber trotz allem gerne in der Gruppe lebt, probiert er andere Formen des Zusammenlebens: Mehrgenerationenhäuser, Patchwork-Familien. Das alles ist längst normal.

          Dazu kommt, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften zunehmend akzeptiert sind. Sie werden heute viel offener gelebt als noch vor wenigen Jahren - durchaus auch einmal mit Kind.

          Das macht das Leben vielfältiger, aber auch komplizierter. Etwa bei Karin Jehle. Die Sonderpädagogin aus Berlin hat fünf Kinder, zwei mit ihrem jetzigen Mann, mit dem sie auch zusammenlebt, drei aus früheren Beziehungen. Auch ihr Mann hat noch eine Tochter mit einer anderen Frau (siehe auch: Die Patchwork-Familie: „Fünf Kinder von drei Männern“). Wenn es in dieser Familie darum geht, wer wem wie viel Unterhalt zahlt und welches Kind wann mit welchem Elternteil Zeit verbringen darf, kann leicht Verwirrung aufkommen.

          Steuerrecht ist auf die traditionelle Familie ausgerichtet

          Kein Wunder. Schließlich ist das deutsche Familien- und Steuerrecht immer noch auf die traditionelle Familie ausgerichtet: ein Hauptverdiener, eine Hausfrau, verheiratet, Kinder. Auf die neuen Familien reagiert die Politik eher behäbig. Zwar wird ständig irgendetwas reformiert. „Im Familienrecht gab es in den vergangenen Jahren mehr Reformen als in allen anderen Bereichen des bürgerlichen Rechts“, sagt die Bonner Familienrechtlerin Nina Dethloff. Doch vieles kommt reichlich spät.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Altersvorsorge : Rentenpolitik ohne Kompass

          Die Koalition lobt die Grundrente als einen „sozialpolitischen Meilenstein“. Die Wahrheit ist: Die Grundrente wird weder das Vertrauen in den Generationenvertrag stärken, noch taugt sie als Konzept gegen Altersarmut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.