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Nähe zu Russlanddeutschen : Herr Lejbo und die AfD

Für die Russlanddeutsche klatschte niemand am Bahnhof

Als unbestritten gilt jedoch: Die Flüchtlingskrise hat bei den Russlanddeutschen zu einem Ablösungsprozess von den etablierten Parteien geführt, den der Historiker Eisfeld auch durchaus für nachvollziehbar hält. Denn bei den Russlanddeutschen stand damals niemand am Bahnhof und klatschte. „Die Russlanddeutschen sehen eine Empathie, die sie so nicht erfahren haben.“ Sie mussten sich ihren Stand in der deutschen Gesellschaft mühsam erarbeiten.

Was Lejbo und die Seinen umgekehrt auch für die AfD interessant macht: Niemals kam ihm in den Sinn, dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche zu liegen. Integration war für ihn oberste Bürgerpflicht, wie für viele Russlanddeutsche, denen die Pflicht zur Anpassung schon in der Sowjetunion eingetrichtert wurde. Mit rigideren Methoden.

Am 17. Dezember 1986, nur drei Tage nach seiner Ankunft in Deutschland, fand Lejbo Arbeit bei einem türkischen Gemüsehändler, für den er das Grünzeug quer durch die Stadt fuhr. Drei Monate lang. Kein schlechtes Wort fällt über seinen ersten Arbeitgeber. Das hindert Lejbo allerdings nicht daran, offen daran zu zweifeln, dass ein Auskommen mit den Muslimen einfach ist.

Erkennbare Abneigung gegen Türken

Lejbo kann auf ein erfolgreiches Berufsleben als Mathematiker und Ingenieur zurückblicken. Nach einer Station an der Universität in Aachen führte ihn sein Weg bald nach Koblenz, wo er bei dem Unternehmen Beratende Ingenieure bis zu seiner Rente arbeitete. Das ist nicht untypisch für diese Klientel: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sprach 2013 in seinem Forschungsbericht über Aussiedler von einer wahren Erfolgsgeschichte. Die Erwerbstätigenquote ist ungewöhnlich hoch, die Arbeitslosenquote ist eher gering. Sie liegt bei 7,2 Prozent, während in anderen Einwanderergruppen fast jeder Zehnte keiner Arbeit nachgeht.

Zwei Besonderheiten stechen heraus: Die Russlanddeutschen haben dem Bericht zufolge eine erkennbare Neigung zur Schaffung von Wohneigentum, gerne neue Häuser Marke Eigenbau. In Windeseile und in gegenseitiger Familien- und Nachbarschaftshilfe ziehen sie ein Haus nach dem anderen hoch. Und sie haben eine erkennbare Abneigung gegen Türken, was der Forschungsbericht mit der großen Konkurrenz zwischen den Einwanderergruppen erklärt.

Auch die Integration der Russlanddeutsche war nicht reibungslos

Natürlich gab es auch bei den Russlanddeutschen Schwierigkeiten, besonders am Anfang. Die Übersiedlung geschah zwar geräuschloser als das kopflose Durcheinander rund um die Flüchtlinge im vergangenen Jahr. Der Staat war bestens auf die Russlanddeutschen vorbereitet, viele waren schon lange registriert, bevor sie überhaupt nach Deutschland kamen. Trotzdem war es auch für sie kein Kinderspiel, hier nahtlos an ihre Karriere in Russland anzuknüpfen. Ein Problem war die Anerkennung der Abschlüsse. Aus studierten Lehrerinnen wurden Putzfrauen. Viele haben das ohne Murren hingenommen; auch das eine Erklärung für die geräuschlose Integration.

Die Flüchtlingskrise jedoch war für einige nun der Grund, die Zurückhaltung abzulegen. Sie gründeten Bürgerinitiativen wie die „Sichere Heimat“, die gegen Flüchtlinge protestiert. Putin nutzte die Unzufriedenheit Anfang des Jahres, um die früheren Landsleute aufzustacheln. Tausende von ihnen gingen auf die Straße, nachdem das Gerücht aufkam, ein deutsch-russisches Mädchen sei von Flüchtlingen vergewaltigt worden. Das stellte sich als glatte Lüge heraus, die Proteste ebbten ab. Die Unzufriedenheit mit der Politik der deutschen Regierung ist geblieben. „Die CDU hat die Aussiedler komplett verloren“, behauptet Lejbo. Das ist sicherlich übertrieben. Doch für die AfD dürfte der Satz ein Ansporn sein.

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