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Nähe zu Russlanddeutschen : Herr Lejbo und die AfD

Fast dreißig Jahre blieb er politisch unauffällig, das hat sich nun gründlich geändert. Seit Ende 2014 ist Lejbo AfD-Mitglied, vor einigen Monaten hat er in der Partei ein Netzwerk der Russlanddeutschen gegründet. Denn er ist überzeugt: „Wir Russlanddeutsche stimmen hundertprozentig mit der AfD überein.“ Nicht einmal werben müsse man um die Aussiedler, sagt er, lediglich informieren. „Das reicht. Die Prinzipien sind ein und dieselben.“

Die CDU muss die russlanddeutsche Wählerwanderung stören

Gleich eine ganze Reihe von Themen kann er herunterrasseln, bei denen er absolute Seelenverwandtschaft ausfindig gemacht zu haben glaubt. Es sind nicht die Themen, auf die man sofort kommt, die auffällige Nähe der AfD-Spitze zum russischen Präsidenten Wladimir Putin ist für ihn jedenfalls kein überragendes Argument. Gegen die Russland-Sanktionen jedoch ist auch er, sie seien unangemessen und schadeten der deutschen Wirtschaft.

Sein großes Thema: „Wir wollen die Werte bewahren.“ Dann nennt er eine restriktive Drogen-, eine traditionelle Familienpolitik und die gemeinsame Ablehnung von allem, was er das neue „Genderprogramm“ nennt, auch die allzu zeitige Sexualerziehung von Grundschulkindern. „Was wir gerade erleben, ist die Fortsetzung von Karl Marx und Friedrich Engels, die auch dafür eintraten, dass die Erziehung getrennt von den Eltern stattzufinden hat“, sagt er.

Der Zustrom der Russlanddeutschen zur AfD muss die etablierten Parteien schmerzen, insbesondere die Union, schließlich geht es um sehr viele Wähler. Lange Zeit waren CDU und CSU das natürliche Auffangbecken für die neuen Bürger aus dem früheren Ostblock, schließlich hatte Helmut Kohl, der Vater der deutschen Wiedervereinigung, viel dafür getan, sie zurück nach Deutschland zu holen. So etwas vergessen treue, werteorientierte Leute nicht.

Flüchtlingskrise wurde zum Wendepunkt

Es sei denn, es gibt ein so einschneidendes Ereignis, dass die Loyalität über Bord geht. Ein Ereignis wie die Flüchtlingskrise. Seitdem die Migranten mit Transparenten und lautem Applaus am Münchner Hauptbahnhof empfangen wurden, verstehen viele Russlanddeutsche die Welt nicht mehr. „Man kann nicht das ganze Elend nach Deutschland bringen“, sagt Lejbo. Und nicht nur das: „Wir glauben nicht an Multikulti“, sagt er über sich und seine Landsleute. „Wir kommen aus einem Vielvölkerstaat. Wir spüren die Besonderheiten ganz genau.“

Und noch eine Erfahrung kommt hinzu, die der Historiker Eisfeld beschreibt: Besonders nach dem Zerfall der Sowjetunion habe ein Verdrängungsprozess eingesetzt, in dem die Ausweitung einer Ethnie zu Lasten einer anderen ging. „Deutsche haben keine Erfahrungen mit anderen Volksgruppen“, sagt Eisfeld, der derzeit am Lüneburger Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa forscht.

Wie weitreichend die Unterstützung der Russlanddeutschen für die AfD ist, lässt sich nicht beziffern. Die Partei betont natürlich gerne, wie groß diese sei. Und es gibt viele Russlanddeutsche, die sich offen und ohne Argwohn zur AfD bekennen. Doch wirklich erforscht ist das Phänomen nicht. Auch das Meinungsforschungsinstitut Forsa, das die AfD-Wählerschaft schon weidlich analysiert hat, kann bei der Frage nach genauen Zahlen nur abwinken. Es sei schlicht nicht möglich, in die Tiefe zu fragen, weil Russlanddeutsche anders als Türken in vielen Fällen noch nicht einmal wegen ihrer Namen auffallen, geschweige denn durch die Nationalität – sie sind formal einfach nur Deutsche.

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