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Nachhaltigkeit : Wie grün ist Deutschland wirklich?

Für den Ausbau der erneuerbaren Energien bekommt die Bundesregierung Bestnoten. Bild: dpa

Genügend Arbeitsplätze, weniger Treibhausgase und eine bessere Ganztagsbetreuung: Bei ihrer Nachhaltigkeitsstrategie liegt die Bundesregierung in vielen Bereichen im Soll. Andere Ziele sind immer weiter außer Reichweite geraten.

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          Deutschland will nicht von der Substanz leben, sondern nachhaltig. Auch die nächste Generation soll noch eine heile Natur, volle Rentenkassen und genügend Arbeitsplätze vorfinden. 2002 hat die Bundesregierung deshalb eine „nationale Nachhaltigkeitsstrategie“ beschlossen. In einem ausführlichen Bericht hat das Statistische Bundesamt nun überprüft, wie es um die Umsetzung steht: Bei 16 von 38 Indikatoren ist Deutschland voll im Soll, berichten die Statistiker. Vor zwei Jahren, in der letzten Überprüfung, waren es nur 14 Kategorien. Die Indikatoren „zeigen eine leichte Verbesserung an“, fassen die Statistiker zusammen. In sechs Bereichen sind die selbstgesteckten Ziele allerdings immer weiter außer Reichweite geraten. Unter anderem die Staatsschulden und die Artenvielfalt bereiten Sorgen.     

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Überprüft haben die Fachleute die Nachhaltigkeit in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Um ihre Erkenntnisse plakativ darzustellen, sie für jede Kategorie wertende Symbole verteilt: Eine Sonne signalisiert, dass das Ziel erreicht wurde oder man auf direktem Weg ist, es bald zu erreichen. Dunkle Gewitterwolken signalisieren das Gegenteil.

          Anders als der vorangegangenen Überprüfung hat es für die Beschäftigungslage in Deutschland eine Sonne gegeben. Im Jahr 2012 war die Quote der Erwerbstätigen in Deutschland auf 72,6 Prozent gestiegen. „Bei einer Fortsetzung der durchschnittlichen jährlichen Entwicklung der letzten fünf Jahre kann damit das Ziel von 75 Prozent im Jahr 2020 erreicht werden“, loben die Statistiker.

          Ein großes Problem: die Staatsverschuldung

          Neu in die Sonnen-Kategorie hat es zudem die Haushaltspolitik („Strukturelles Defizit“) geschafft. Ab 2010 habe das Staatsdefizit gemessen an der Wirtschaftsleistung abgenommen. „2012 und 2013 konnten gesamtstaatlich sogar leichte Finanzierungsüberschüsse erzielt werden“, schreiben die Autoren aus Wiesbaden. 

          Bestnoten gibt es zudem unter anderem für den bis 2012 gesunkenen Treibhausgasaussstoß in Deutschland, den Ausbau der erneuerbaren Energien, die hohe Zahl der Abiturienten und Studenten, die verbesserte Ganztagsbetreuung für Kinder  und die wirtschaftliche Entwicklung. 

          Heiter bis wolkig ist es demnach dagegen zum Beispiel um die Gleichstellung von Frau und Mann, die Schadstoffbelastung der Luft sowie unseren Rohstoff- und Energieverbrauch bestellt.

          Und wo bleibt Deutschland weit hinter den eigenen Zielen zurück? Abgerutscht in die Kategorie „Gewitter“ ist der Indikator, der anzeigen soll, wo es um die „wirtschaftliche Zukunftsvorsorge“ der Deutschen bestellt ist. Damit meinen die Statistiker nicht das Rentensystem, sondern die ihrer Meinung nach zu geringen Investitionen von Unternehmen und vom Staat, die künftigen Wohlstand sichern sollen: Wenn Unternehmen heute keine modernen Maschinen anschaffen, können sie morgen nicht mehr um Aufträge konkurrieren. „Der Blick auf die zeitreihe offenbart ein in Wellen verlaufendes Absinken der Investitionsquote“, bemängeln die Autoren. Preisbereinigt sind die sogenannten Ausrüstungsinvestitionen um 4 beziehungsweise 2,4 Prozent zum Vorjahr.

          Während die geringe Neuverschuldung gute Noten bekommt, wird die noch immer hohe Gesamtverschuldung des Staates, die weit über dem Zielwert von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt,  weiter als großes Problem angesehen. In die falsche Richtung geht die Entwicklung demnach zudem beim Thema Artenvielfalt und beim Transport von Gütern: Viel zu viele Waren werden demnach über die Autobahnen transportiert. Besser für die Umwelt wäre es, sie per Schiff oder Bahn zu transportieren. Zudem hat der Güterverkehr durch LKW aus dem Ausland stark zugenommen.

          Belastend für jeden Betroffenen und für die gesamte Volkswirtschaft ist nach Ansicht der Gutachter nach wie vor das Problem der Fettleibigkeit: „Übergewicht ist maßgeblich beteiligt an der Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Gelenkschäden.“ Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass der Anteil der krankhaft Übergewichtigen bis zum Jahr 2020 zurückgeht. Doch seit 1999 nimmt der Anteil zu: Die letzten Daten aus dem Jahr 2009 lassen den Schluss zu, dass fast 15 Prozent der erwachsenen Deutschen als adipös eingestuft werden müssen, Ende des Jahrtausends waren es noch 11,5 Prozent. Besonders betroffen sind Männer.

          Wer übrigens glaubt, dass die Deutschen und Europäer besonders bereit sind, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen, liegt falsch. Das Unternehmen Nielsen hat 60.000 Menschen gefragt, ob sie einen Aufpreis in Kauf nehmen würden: Mit einer Zustimmung von nur 40 Prozent sind die Europäer weltweit das Schlusslicht, wie die Grafik von Statista zeigt. Die Nordamerikaner liegen knapp vor Europa, allerdings weiter hinter den übrigen Weltregionen.

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