https://www.faz.net/-gqe-z1fd

Nachfolge von Strauss-Kahn : Europa will IWF-Chefposten

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde scheint gute Karten zu haben Bild: AFP

Dominique Strauss-Kahn ist längst nicht verurteilt. Doch die Debatte über seinen möglichen Nachfolger beim IWF ist voll entbrannt: Gute Chancen werden der französischen Finanzministerin Lagarde eingeräumt. Und auch der Name Steinbrück wird genannt.

          2 Min.

          Noch bevor der Geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) in New York einem Richter vorgeführt worden ist, ist die Diskussion um seine Nachfolge entbrannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel meldete in Berlin Ansprüche der Europäer an, sollte ein Führungswechsel notwendig werden.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die französische Finanzministerin Christine Lagarde gelte als Spitzenkandidatin, hieß es in Regierungskreisen in Berlin. „Wir wissen, dass auf mittlere Zeiträume sicherlich die Schwellenländer auch Anspruch haben sowohl auf den Posten des IWF-Chefs als auch auf den Posten des Weltbank-Chefs“, sagte Merkel in Berlin zur Nachfolgedebatte. „Ich glaube allerdings, dass es in der jetzigen Phase (...) gute Gründe gibt, dass Europa auch gute Kandidaten zur Verfügung hat.“

          Dominique Strauss-Kahn, der amtierende IWF-Chef, sollte am Nachmittag in New York vor einem Gericht erscheinen. Ihm wird versuchte Vergewaltigung vorgeworfen. Der Franzose bestreitet nach Angaben seiner Anwälte die Tat. Im Fonds hat der Erste Stellvertretende Geschäftsführende Direktor, der Amerikaner John Lipsky, wie in der Satzung vorgesehen, in Vertretung für Strauss-Kahn die Geschäfte übernommen. Eine Sondersitzung des Exekutivdirektoriums kam am Sonntag nicht mehr zustande. Das Gremium will erst dann über den Fall Strauss-Kahn beraten, wenn mehr Klarheit über die rechtlichen Vorwürfe gegen ihn besteht.

          Peer Steinbrück (SPD) ist der deutsche Kandidat - allerdings bekundet er Ansprüche auf die Kanzlerkandidatur

          „Wir haben mehrere geeignete Kandidaten“

          Vertreter mehrerer Euro-Staaten zeigten sich am Rande des Treffens der Euro-Finanzminister in Brüssel optimistisch, dass das Amt wieder an einen Europäer geht. „Wir haben mehrere hervorragend geeignete Kandidaten“, hieß es.

          Genannt wurden neben Lagarde auch der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und das italienische EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi. Eine sofortige Entscheidung über einen möglichen EU-Kandidaten galt als ausgeschlossen.

          Gegen Bini Smaghi könnte sprechen, dass nach der Berufung von Mario Draghi an die Spitze der Europäischen Zentralbank dann kurz nacheinander zwei Europäer zum Zuge kämen. Steinbrück hatte zuletzt Ambitionen auf eine Kanzlerkandidatur bekundet.

          Europas Ansprüche auf den Chefposten im Währungsfonds werden von Entwicklungs- und Schwellenländern in Frage gestellt. Nach einem informellen Arrangement stellen die Europäer den Chef des IWF und die Amerikaner den ersten Stellvertreter. Die Amerikaner zeigen bislang kein Interesse, davon abzuweichen. Sie hätten schon einen Kandidaten für die Nachfolge von Lipsky ausgeschaut, heißt es in Washington. Lipsky hatte in der vergangenen Woche erklärt, mit Ablauf seiner Amtszeit im August nur noch übergangsweise als Berater zur Verfügung zu stehen.

          Die Kandidaten der Schwellenländer

          Als mögliche Kandidaten aus Schwellenländern werden in Washington besonders häufig Agustín Carstens, der Gouverneur der mexikanischen Zentralbank, und der Türke Kemal Dervis genannt. Dervis, ein früherer türkischer Finanzminister, leitet derzeit eine weltwirtschaftliche Abteilung der Denkfabrik Brookings Institution in Washington, zuvor war er Chef des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen.

          Der Mexikaner Carstens könnte in manchen größeren Schwellenländern auf Widerstand stoßen, weil er als zu amerikafreundlich gilt. Er arbeitete schon früher im IWF als Stellvertretender Geschäftsführender Direktor.

          In Brüssel hoben mehrere Diplomaten hervor, dass ein europäischer Kandidat derzeit besonders wegen der schwierigen Entscheidungen über die Hilfskredite und Hilfsprogramme notleidender Euro-Staaten gebraucht werde.

          „Strauss-Kahn hat die Bedürfnisse der Euro-Staaten von Beginn an sehr ernst genommen und sehr geholfen“, hieß es in Kreisen der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft. Sein Nachfolger müsse jemand sein, der die bisweilen schwierigen Entscheidungsprozesse in der EU kenne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.