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Nach Urteil zu Zinswetten : Glücksspiel mit der Deutschen Bank

  • -Aktualisiert am

Bild: Thilo Rothacker

Ein Heer von selbsternannten Beschützern hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Anleger vor den niederträchtigen Bankern zu bewahren. Der BGH springt ihnen nun zur Seite: Banken dürfen ihre Kunden nicht übertölpeln. Das geht zu weit.

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          Was ist der Unterschied zwischen einer Bank und einer Spielbank? „Im Casino geht’s fairer zu“, witzeln Anlegerschützer gerne. Tiraden gegen den Banker, das böse Wesen, begründen ihr Geschäftsmodell: hier der kleine Sparer, das arme Hascherl, chancenlos gegen die große Bank, die auf nichts anderes aus ist als auf den eigenen Profit. Ein Heer von selbsternannten Beschützern hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Anleger vor der eigenen Gier und den niederträchtigen Bankern zu bewahren.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein höchstrichterliches Urteil verhilft der Bewegung nun zu einem neuen Triumph. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Deutsche Bank vorige Woche verurteilt, weil die „ihre Pflichten bei der Beratung verletzt“ habe. Ein hessischer Unternehmer erhält deshalb mehr als 500.000 Euro Schadenersatz. „Ein bahnbrechendes Urteil“, jubelt Jochen Weck, der Anwalt des Klägers. Der Markt für die beanstandeten hochspekulativen Zinswetten sei damit tot, sagt Weck, der gegenwärtig in 14 Fällen gegen die Deutsche Bank streitet sowie gegen diverse Banken mehr. Die Finanzaufsicht müsse jetzt prüfen, „ob die Deutsche Bank sich der systematischen Fehlberatung schuldig gemacht hat“, fordert der Grünen-Politiker Gerhard Schick.

          Unaufhaltsam rollt eine Klagewelle auf die Banken zu. Wie heftig die ausfallen wird, hängt an der demnächst erwarteten Urteilsbegründung: Wehe, der Deutschen Bank wird darin nicht Fahrlässigkeit, sondern Vorsatz bescheinigt. Das würde die Verjährungsfristen verlängern, der Ansturm der Geschädigten wäre noch größer: „Alle, die Geld verloren haben, werden dann versuchen, es sich auf dem Rechtsweg zurückzuholen“, sagt Matthias Lehmann, Jura-Professor an der Universität Halle – und findet das durchaus richtig angesichts des zweifelhaften Zinsderivats namens „CMS Spread Ladder Swap“, einem „von der Bank konstruierten Glücksspiel“, wie es ein Gericht ausdrückte.

          Angepriesen als Mittel zur „Zinsoptimierung“, handelt es sich dabei um nichts anderes als um eine Wette, welche die Deutsche Bank nicht an Privatleute, wohl aber reihenweise an Mittelständler und Kämmerer vertickt hat. Ungeachtet der juristischen Feinheiten ist eines offensichtlich: Der Klügere in dem Deal ist die Bank, was erst mal nicht gegen sie spricht und erst recht keine kriminelle Energie nachweist. Denn das Papier mag für den Anleger unvorteilhaft sein, so heimtückisch ist es nicht, wie die Blamierten jetzt glauben machen.

          Wer will, kann schnell erkennen: Das Risiko der Bank in dem Spiel ist eng begrenzt, der maximal mögliche Gewinn für den Anleger auch. Dafür kann der unendlich viel verlieren, das Verlustrisiko sei „theoretisch unbegrenzt“, warnte schon der Prospekt der Bank. Es braucht nicht mal einen Taschenrechner, um diese Gefahr nachzuvollziehen.

          Welches Interesse sollte die Bank haben?

          Nur wollten das die Kunden offenbar nicht wahrhaben, vielleicht weil der für den Anfang versprochene Gewinn zu schön war, vielleicht auch weil sie verführt wurden von Bankberatern, in denen manche Anleger immer noch ihren Freund und Helfer sehen, obwohl sie es besser wissen könnten: Eine Bank will Gewinne machen – nicht anders als jede x-beliebige Drückerkolonne. Die Margen in der Branche sind überschaubar, der Vertriebsdruck ist immens.

          Jedenfalls ist mit den Swaps passiert, was laut der Prognosen hätte nicht geschehen dürfen: Die Zinsen am langen Ende sanken unter die Zwei-Jahres-Zinsen. „Inverse Zinsstruktur“ nennt das der Experte, das Unheil nahm seinen Lauf. Und die Banken müssen sich nun gegen den Vorwurf wehren, sie hätten diese Wette von vornherein nur gewinnen können, wenn der Kunde einen Verlust erleidet. Irrtum, entgegnen die Zyniker unter den Bankern: Wir gewinnen immer – wie die Spielbank. Ihr Profit ist garantiert, das Risiko lagern sie an den Markt aus. Strittig bleibt, ob ihnen das umso besser gelingt, je aussichtsloser das Zinsderivat für den Kunden konstruiert wird. So sehen das, grob gesprochen, die Richter, die Deutsche Bank weist das aber weit von sich: Welches Interesse sollte sie auch haben, die Kundschaft absichtlich zu prellen?

          Das Auto fährt, die Wurst schmeckt

          Eindeutig ist, dass der Kunde bei Vertragsabschluss nicht erkennen kann, wie viel Profit die Bank für sich einkalkuliert. Das beanstandet die Justiz. Nur was wäre damit gewonnen? Welcher Kunde kennt die Marge von Metzger und Autohändler? Entscheidend ist, dass das Auto fährt und die Wurst schmeckt. So einfach sei die Sache nicht, wenden nun die Rechtsgelehrten ein. „Eine Bank hat laut Gesetz mehr Pflichten dem Kunden gegenüber als andere“, erklärt Professor Lehmann und begründet das mit dem speziellen „unkörperlichen“ Charakter der teils gefährlichen Produkte, zudem stellt sich der Schaden erst im Nachhinein heraus: „Und man kann auch nicht probefahren“, sagt der Jurist, den die FDP als Sachverständigen nominiert hat für die Zinswetten-Anhörung im Bundestag am 6. April.

          Vorangetrieben hat das Thema in Berlin der grüne Finanzexperte Schick, aufgeschreckt durch Kommunen, die mit Zins-Swaps viele Millionen verspielt haben: „Spekulation ist Kämmerern verboten, trotzdem haben sie mit Steuergeldern gewettet.“ Ein inakzeptabler Zustand, findet Schick, verschärft noch dadurch, dass keine Aufsichtsbehörde den kommunalen Spekulanten auf die Finger geschlagen hat: „Wir wissen bis heute nicht mal, wie viel Geld der Steuerzahler durch die Zinswetten verloren hat.“

          Ein generelles Verbot riskanter Geldanlage fordert er deswegen nicht. Jeder hat schließlich das Recht, so viel zu verlieren, wie er mag – denn eines ist nun mal nicht zu ändern: Je höher der Renditewunsch, desto größer das Risiko. Und die Zukunft ist nun mal so verdammt unsicher. Da helfen keine Protokolle, keine Beipackzettel. Und erst recht keine Anlegerschützer.

          Was sind „Spread Ladder Swaps“? Es hört sich komplizierter an, als es ist

          Der hessische Unternehmer Wilhelm Blatz hat gegen die Deutsche Bank geklagt, weil er mehr als eine halbe Million Euro mit einem Anlageprodukt namens „CMS Spread Ladder Swap“ verloren hat. Dabei handelt es sich um nichts anderes als um eine Wette auf die Entwicklung der Zinsen.

          In dem konkreten Fall hat der Unternehmer darauf gesetzt, dass sich die Differenz zwischen Zehn-Jahres-Zinssatz und Zwei-Jahres-Zins deutlich ausweitet, wie es ihm die Deutsche Bank vorhergesagt hat. Für gewöhnlich liegt der längerfristige Zins über dem für kurze Laufzeiten, so war es auch zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses im Februar 2005.

          Die Deutsche Bank verpflichtete sich damals, Blatz für eine Laufzeit von fünf Jahren drei Prozent Zinsen zu zahlen; berechnet auf zwei Millionen Euro Bezugsbetrag, einer rein fiktiven Größe. Der Unternehmer zahlt zum Start des Geschäfts keinen Cent.

          Pro Jahr sollen ihm 60.000 Euro gut geschrieben werden. Die erhält er natürlich nicht umsonst. Der Anleger verpflichtet sich gegenüber der Bank zu variablen Zahlungen, die sich aus einer mathematischen Formel ergeben. Für das erste Jahr ist noch ein fester Zinssatz von 1,5 Prozent vereinbart, berechnet wiederum auf den fiktiven Betrag von 2 Millionen Euro: Blatz hat folglich 30.000 Euro zu bezahlen; ihm bleibt ein garantierter Gewinn von 30.000 Euro im ersten Jahr.

          Danach kommt nun die Formel zum Einsatz, für das zweite Jahr (Strike: 1 Prozent) errechnet sich daraus folgender Zinssatz: 4,5 Prozent minus dreimal der Zinsabstand. Je höher die Zinsdifferenz, desto weniger muss der Kunde folglich bezahlen, im besten Fall gar nichts. Ihm blieben in dem Fall also 60.000 Euro Gewinn.

          Gleichen sich aber kurzfristiger und langfristiger Zins an, wird die Sache gefährlich: Für den Abstand Null (die Zinssätze sind identisch), muss der Kunde 90.000 Euro an die Bank zahlen; ihm entstünde ein Verlust von 30.000 Euro. Verheerend wird es im Fall einer sogenannten inversen Zinsstruktur (kurzfristiger Zins höher als langfristiger): Dann steigt und steigt der Verlust für den Anleger. Genau dieser Fall ist eingetreten. Und durch die Konstruktion der Formel schaukeln sich die Verluste schnell hoch, wird der Schaden immens, „theoretisch unbegrenzt“, wie es im Verkaufsprospekt hieß. Nach zwei Jahren hat Unternehmer Blatz die Reißleine gezogen und das Geschäft aufgelöst: Das Abenteuer endete für ihn mit einem Verlust von 566.850 Euro. Dieses Geld erhält er nun zurück.

          Last des Kunden = Zinsatz (des Vorjahres) + 3 x (1% Zinsdifferenz)

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