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Wahlen : Die Burmesen wollen endlich der Armut entrinnen

Viele Hindernisse bleiben

Die Herausforderungen sind mindestens ebenso groß. Das ganze Land befinde sich in einer „dramatischen Lage“, sagte Suu Kyi gerade. Groß ist die Distanz zwischen Volksgruppen und Milizen, radikalen Buddhisten und rechtlosen Muslimen im Rakhine-Staat sowie Eliten, die sich gnadenlos bereichern, und der Mehrheit der Armen. In den nächsten 15 Jahren brauche Burma Investitionen von sagenhaften 650 Milliarden Dollar, davon allein 320 Milliarden Dollar in den Bau von Straßen, Häfen und Stromleitungen, schätzen die Berater. Dafür könne das Armenhaus Südostasiens dann 2030 seine Wirtschaftsleistung auf 200 Milliarden Dollar jährlich mehr als vervierfachen und mehr als 10 Millionen Arbeitsplätze schaffen. Heute liegt Burmas Wirtschaftsleistung noch fast 70 Prozent unter dem asiatischen Durchschnitt. Und immer noch trägt die Landwirtschaft fast die Hälfte zur Wirtschaftsleistung bei; im übrigen Asien sind es nur noch 12 Prozent. „Es gibt jede denkbare Chance - aber auch ein riesiges Risiko der Enttäuschung“, heißt es von McKinsey.

Viele der Reformen klemmen. Und doch: Adidas will im nächsten Jahr erstmals eine Million Turnschuhe aus Burma beziehen, 2020 könnten es schon 20 Millionen sein, sagt Chefeinkäufer John McNamara. „Dies ist genau die Sorte Investition, die das Land jetzt braucht: arbeitsintensive Industrien, die internationalen Einkäufern zuarbeiten, ganz klar Sozial- und Arbeitsstandards ins Auge fassen und kommen, um zu bleiben“, sagt Monika Stärk, die die deutsche Außenhandelskammer in Rangun leitet. „Doch bleiben viele Hindernisse, auch aufgrund der Politik.“ So gut das Vordringen des Konzerns mit den drei Streifen auch klingt - die Erwartungen lagen einmal viel höher.

Die Weltbank hat ihre Wachstumsvorhersage für Burma in diesem Jahr auf 6,5 Prozent zurückgenommen. In den vier Jahren der Regentschaft von Ex-General Thein Sein stammten fast zwei Drittel der Investitionen aus China und dessen Sonderverwaltungsregion Hongkong - und galten damit vielen als schmutziges Geld. Heute ist der Anteil der festlandchinesischen Investitionen auf 15 Prozent gesunken. Dafür ist der reiche Stadtstaat Singapur der größte Investor und steht für mehr als die Hälfte der Zuflüsse. Alle aber leiden unter Rechtsunsicherheit und Korruption, dem Mangel an Infrastruktur und Stromversorgung.

Ein Blick in die Zukunft ist das neue Industriegelände Thilawa bei Rangun, das von Chinas großem Konkurrenten Japan aufgebaut wurde. Thilawa wurde von Thein Sein genutzt, um dem Volk zu zeigen, dass seine Präsidentschaft Lohn und Brot bringe. Bis 2017 sollen hier 12 000 Menschen arbeiten. 10 Prozent des Geländes gehören der japanischen Regierung, 39 Prozent den japanischen Unternehmen Mitsubishi, Marubeni und Sumitomo. Nicht nur ein Zukunftsmarkt lockt die Ausländer, sondern zunächst vor allem ein Mindestlohn von 3600 Kyat (2,54 Euro) für acht Stunden Arbeit.

Die Mehrheit der gut 51 Millionen Burmesen spürt bislang freilich wenig von den vielen Versprechen. So grassiert die Kinderarbeit weiter. Das wirkliche Burma zeigt sich nicht an den schweren Geländewagen und weißen Rolls-Royce, die bei der Eröffnung Thilawas vor einem weißen Zelt parken. Es zeigt sich auf dem Jademarkt von Mandalay. Dort bringen Kinder die Steine zu den Schleifern. Das Geschäft mit dem grünen Gold soll im vergangenen Jahr rund 31 Milliarden Dollar wert gewesen sein - fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung des Landes. Das Heben und Handeln von Jade liegt immer noch in Händen eines verschworenen Kreises hoher Militärs, von denen manche Minister sind. Es ist bestimmt von Vetternwirtschaft und Bestechung. In ihm spiegeln sich die ethnischen Konflikte, denn die Jade wird vor allem in den Gebieten der Kachin im entlegenen Norden gefunden, die wenig von den riesigen Geldmengen haben und am Rande ihrer Existenz leben.

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