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Nach der Wahl : Vernichten Mindestlöhne Arbeitsplätze?

Auch Taxifahrer in Berlin fordern 8,50 Mindestlohn. Bild: dpa

In den Koalitionsverhandlungen mit der Kanzlerin wird die SPD sicherlich einen flächendeckenden Mindestlohn einfordern. Ob der schadet, ist unter Forschern umstritten.

          Noch wird darum gerungen, welche Parteien die künftige Bundesregierung bilden. Doch schon jetzt scheint klar: Egal wer zum Juniorpartner in einer Regierung Merkel wird, allgemeine Mindestlöhne werden wahrscheinlicher.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Einen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde forderte die SPD während des Wahlkampfes. Dass sie davon abrückt, scheint ausgeschlossen - zumal sich die CDU in der vergangenen Legislaturperiode mit einer Reihe branchenspezifischer Mindestlöhne dieser Position angenähert hat. Und auch die Grünen pochen auf einen Mindestlohn in derselben Höhe.

          Unternehmerverbände warnen vor einem solchen staatlichen Lohndiktat und auch zahlreiche  Ökonomen sehen in Mindestlöhnen ein Beschäftigungsvernichtungsprogramm. Doch das ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Denn die wissenschaftlichen Arbeiten, die die tatsächliche Wirkung strikter Lohnuntergrenzen untersucht haben, ergeben ein sehr viel differenzierteres Bild. In mehreren empirische Studien aus dem Ausland konnten keine negativen Beschäftigungseffekte festgestellt werden.

          Negativbeispiel Frankreich

          Für neoklassische Ökonomen erscheint die Sachlage auf den ersten Blick eindeutig: Die Lohnhöhe bestimmt sich im freien Spiel der Märkte aus Angebot und Nachfrage. Gibt es in einer Branche viel Arbeit, aber wenige Fachkräfte, entsteht ein hoher Lohn. Gibt es dagegen viele Arbeitskräfte, aber vergleichsweise wenige Beschäftigungsmöglichkeiten – etwa unter Friseuren – können sich Angebot und Nachfrage bei 5 oder 6 Euro Stundenlohn treffen. Diktiert nun der Gesetzgeber einen Mindestlohn, der oberhalb dieses „Gleichgewichtslohnes“ liegt, dann müssen Arbeitgeber einen Teil der Angestellten entlassen, da diese weniger erwirtschaften, als sie verdienen. Erst dann passen Angebot und Nachfrage wieder zusammen.

          Als Musterbeispiel dafür, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten oder den Einstieg in den Arbeitsmarkt von vornherein verhindern, gilt Frankreich. Der Mindestlohn betrug dort zuletzt 9,43 Euro, die Arbeitslosigkeit der 15 bis 24 Jahre alten Franzosen betrug im vergangenen Jahr nach OECD-Angaben beinahe 24 Prozent. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien sieht einen direkten Zusammenhang: „Der französische Mindestlohn stellt eine zusätzliches Hindernis für den Berufseintritt dar“, fasste eine deutsch-französische Forschergruppe um den Arbeitsmarktökonom Klaus Zimmermann in einer im Juli veröffentlichen Analyse zusammen.

          Auch der Freiburger Ökonom Lars Feld betonte im Frühjahr, dass der Mindestlohn in Frankreich „gerade bei den Jugendlichen ziemlich schädlich“ ist. Feld ist Mitglied im Sachverständigenrat (fünf Weise) – auch dieses Gremium, das die Bundesregierung berät, wies zuletzt deutlich auf die Gefahren eines Mindestlohnes hin. Und die französischen Ökonomen Peirre Cahuc und Stéphane Carcillo kamen im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass ein einprozentiger Anstieg der Arbeitskosten die Beschäftigung unter den Geringqualifizierten um ein Prozent reduziere. Führt man sich vor Augen, dass ein Mindestlohn keine statische Marke ist, sondern nach ein nach oben offenes Gebilde, hat dieses Resultat besondere Bedeutung.

          Positivbeispiele Amerika und Großbritannien

          Die Erfahrungen aus Frankreich können jedoch nicht erklären, warum in mehreren Ländern die Beurteilung des Mindestlohns eher positiv ausfällt. Für Schlagzeilen sorgte vor zwei Jahren eine Studie aus den Vereinigten Staaten, in der Arbeitsmarktforscher der Eliteuniversität Berkeley zu dem Schluss kommen, das Mindestlohnerhöhungen „starke Verdiensteffekte und keine Beschäftigungseffekte“ nach sich ziehen. Aus der Masse empirischer Mindestlohnstudien ragte die Arbeit heraus, da die Forscher nicht nur isoliert zwei Regionen  - eine mit und eine ohne Mindestlohn - über einen kurzen Zeitraum miteinander verglichen. Sie betrachteten stattdessen Regionen im ganzen Land und griffen auf Daten aus einzelnen Counties (Landkreise) zurück.

          Da der Untersuchungszeitraum auf 16 Jahre ausgedehnt wurde, konnten auch Langzeitfolgen eingeführter oder erhöhter Mindestlöhne betrachtet werden. Am positiven Fazit der Forscher änderte das nichts. Dieselbe Stoßrichtung hat eine Studie aus Großbritannien, einem Land, in dem seit vielen Jahren ein flächendeckender Mindestlohn existiert. Ökonomen des Royal Holloway College (University of London) hatten die Insel in hunderte Untereinheiten eingeteilt und über eine Zeit von zehn Jahre analysiert, wie sich die Einführung des Mindestlohns Ende der Neunziger Jahre ausgewirkt hat. „Der Mindestlohn hat über die gesamte Periode hinweg einen neutralen Beschäftigungseffekt“, bilanzierten die Forscher. In Strukturschwachen Regionen beobachten die Ökonomen zudem abnehmende Lohnungleichheit.

          Und die Erfahrungen in Deutschland? Joachim Möller, der Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersuchte in einer im Jahr 2007 veröffentlichten Studie, welche Auswirkungen  der Mindestlohnregelungen, die durch das Entsendegesetz in der Bauwirtschaft im Jahr 1997 wirksam wurden. Die Ergebnisse sind zwiespältig: Im Westen wirkten sich die fixen Löhne demnach nicht auf die Beschäftigung aus, im Osten seien dagegen Arbeitsplätze vernichtet worden. Möller plädiert für einen Mindestlohn mit Augenmaß. Eine mögliche Erklärung dafür, dass sie eindeutigen Prognosen des neoklassischen Modells von Angebot und Nachfrage so nicht immer eintreffen, haben Ökonomen längst gefunden: Der Markt funktioniert längst nicht so perfekt, wie in vielen Modellen angenommen.

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