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Nach dem Votum der Briten : Kriegspropaganda gegen die Brexit-Chaostage

Die Menschen im britischen Lincoln wollen sich von der Unruhe um den Brexit nicht verrückt machen lassen. Bild: Ullstein

In London tobt der politische Tumult. Doch draußen im Land nehmen viele Briten die Wirren erstaunlich gelassen. Ein Besuch in der Provinz, wo die größte Siemens-Fabrik auf der Insel steht.

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          David und Kenneth Stafford haben viel gemeinsam: Nicht nur, dass die beiden Brüder seit 23 Jahren zusammen in der Siemens-Fabrik im englischen Lincoln Gasturbinen montieren. Sie sind zudem eineiige Zwillinge und sehen sich auch mit Alter von 59 Jahren noch fast zum Verwechseln ähnlich. Doch beim britischen Referendum über den Ausstieg des Landes aus der EU standen sie nicht auf derselben Seite: David hat für die EU, Kenneth für den Brexit gestimmt.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Für mich war die Einwanderung entscheidend“, sagt der EU-Gegner Kenneth. Der staatliche Gesundheitsdienst NHS sei in Not, und die Klassenzimmer in den Schulen würden immer voller. „Ich bin kein Rassist“, stellt er klar. „Aber wir werden mit der Zuwanderung einfach nicht mehr fertig.“ Die Brexit-Bewegung hat den Bürgern im Wahlkampf versprochen, die Einwanderung aus Kontinentaleuropa „besser zu steuern“, wenn Großbritannien erst mal raus sei aus der EU. Das war für Kenneth entscheidend.

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          Doch sein Zwillingsbruder David sieht die Dinge ganz anders: „Beim Referendum sollte es schließlich um die EU gehen, nicht um die Einwanderung. Das haben die Politiker nur so hingedreht.“ Eine Woche nach dem historischen Volksentscheid ist er auch in der Siemens-Werkshalle in Lincoln weiterhin Thema Nummer eins. Siemens hat vor dem Referendum in einem Rundschreiben an seine Mitarbeiter auf der Insel klargestellt, dass das deutsche Unternehmen den Brexit für einen Fehler halte. Aber hier in Lincoln, dem größten Standort von Siemens in Großbritannien, sind viele skeptisch geblieben. „Eine Menge Kollegen haben für den Austritt gestimmt“, sagt Mike Ashworth, der an einer Fräsmaschine Turbinenteile fertigt.

          Das britische Pfund ist seit dem Brexit-Schock gegenüber dem Dollar um gut 10 Prozent abgesackt. Die Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten für Großbritannien gesenkt. Die Bank von England signalisiert, dass sie die Geldschleusen öffnen wird, um die Wirtschaft zu stabilisieren - ähnlich wie vor sieben Jahren auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise. Aber in Lincoln bleiben viele ziemlich gelassen. „Ein schwaches Pfund ist doch gut für unseren Export“, sagt Anthony Richardson, der ebenfalls bei Siemens arbeitet und für den Brexit gestimmt hat.

          In dieser Provinz steht das größte Siemens-Werk auf der britischen Insel.

          Der deutsche Konzern ist in Lincoln ein großer Arbeitgeber. 1500 Mitarbeiter beschäftigt Siemens in der Großstadt rund 220 Kilometer nördlich von London. Jürgen Maier, der Großbritannien-Chef des Unternehmens, hat vor dem Wahlgang klargestellt, dass der Austritt der Attraktivität Großbritanniens als Investitionsstandort schaden werde. Doch beim Referendum stimmten auch in Lincoln 56 Prozent der Wähler für den Brexit.

          Gefährdet der Ausstieg aus der EU nun Arbeitsplätze in der englischen Siemens-Fabrik? „Der Binnenmarkt ist wichtig für uns“, sagt der Werksleiter Mark Speed. „Niemand mag die Unsicherheit, die wir jetzt zwangsläufig haben.“ Aber was die Siemens-Jobs in Lincoln angeht, klingt Speed ziemlich entspannt: „Unser Geschäft läuft ganz normal weiter“, versichert er. Zwar gehe rund 90 Prozent der Fertigung in den Export. Doch die Kunden säßen überwiegend im Nahen Osten, Afrika und Amerika. Siemens hat hier in Lincoln auch nur relativ wenige Zulieferer aus der EU.

          „Keep calm and carry on“ - ruhig bleiben und weitermachen -, auf der Insel ist dieser Propaganda-Slogan aus dem Zweiten Weltkrieg schon lange vor dem Referendum zum geflügelten Wort geworden. Er wird auf Kaffeetassen und Postkarten gedruckt. Jetzt beschreibt der Spruch ziemlich genau die Stimmungslage, die in Lincoln herrscht. Nicht nur in den Werkshallen von Siemens nehmen viele in der Stadt die Chaostage im Londoner Regierungsviertel Westminster und an den Finanzmärkten erstaunlich gelassen.

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