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Nach dem Erdrutsch : Braunkohleindustrie fürchtet Schuldzuweisungen

Bild: F.A.Z.

Nach dem verheerenden Erdrutsch in Nachterstedt fordern Umweltschützer ein Ende des Tagebaus. Doch die deutsche Braunkohleindustrie hält dagegen: Sie spricht von einem „unglücklichen Einzelfall“ - und warnt vor Pauschalverurteilungen.

          Nach dem Erdrutsch von Nachterstedt verwahrt sich die deutsche Braunkohleindustrie gegen Pauschalverurteilungen. „Es ist nicht akzeptabel, dass selbsternannte Experten und Naturschützer versuchen, das Unglück auszuschlachten, um ihre alten Vorurteile gegen die Braunkohle zu befeuern“, sagt Matthias Hartung, Vorstandsmitglied des größten deutschen Braunkohleverstromers RWE Power. „Das verängstigt die Bevölkerung, geht an den Fakten vorbei und ist unseriös.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auch der Geschäftsführer des Bundesverbands Braunkohle (Debriv), George Milojcic, versichert: „Förderung und Bergbausanierung sind sicher. Man kann von dem unglücklichen Einzelfall in einem Tagebau nicht auf die Vielzahl der Betriebe schließen.“ Dahinter stehe der Versuch, den Rohstoff zu diskreditieren. „Dabei ist die Braunkohle als heimischer Energieträger unverzichtbar: Er macht unabhängiger von Importen, steht lange zur Verfügung, ist technisch beherrschbar und braucht keine Subventionen.“

          „Niemand weiß, ob das reicht.“

          Dem widersprechen Umweltschützer. „Braunkohleverstromung ist überflüssig, schädigt die Umwelt, bekommt vielerlei Vergünstigungen und ist lebensgefährlich, wie wir nicht erst seit Nachterstedt wissen“, kritisiert der Geograph und Geologe Dirk Jansen, Braunkohlefachmann im Bund für Umwelt und Naturschutz. Jansen fordert deshalb, auf den Bau neuer Braunkohlekraftwerke zu verzichten und die bestehende Verstromung zu beenden.

          Er hält die Versicherungen von RWE und anderen, dass sich ein Unglück wie in Nachterstedt nicht wiederholen könne, für „vorschnell und verantwortungslos“. Am RWE-Tagebau Hambach sei nur eine 200 Meter breite Sicherheitszone zu den nächsten Siedlungen vorgesehen, kritisiert Jansen. „Niemand weiß, ob das reicht. Meine Befürchtung und die vieler Anwohner ist, dass Nachterstedt die Blaupause für das ist, was uns im rheinischen Revier blühen könnte.“

          Hinter der Debatte um die Sicherheit steht eine lange Auseinandersetzung um die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Folgen der Braunkohleverstromung. Für Jansen ist diese Art der Energiegewinnung, die viel Kohlendioxid freisetzt, „das größtmögliche Desaster für die Natur und den Menschen. Nirgendwo sonst wird derart gewaltsam und unumkehrbar in die Landschaft, die Luft, den Gewässerhaushalt und in die Siedlungsstruktur eingegriffen.“ Er verweist auf die Umsiedlung ganzer Dörfer, das Absenken (Sümpfen) des Grundwassers, die Verfüllung oder Flutung der Gruben und auf die Feinstaubemission der Kraftwerke.

          Pluspunkte der Braunkohle

          Die Industrie verweist auf Pluspunkte der Braunkohle: die Versorgungssicherheit, eine recht hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, die geglückte Renaturierung und die hohen Investitionen für die Umweltverträglichkeit. Die Klimaschutzziele der Europäischen Union seien über den Emissionshandel, über Effizienzsteigerungen und bessere Techniken erreichbar. Dabei geht es nicht nur um Großprojekte wie die Kohlendioxid-Abscheidung (CCS), sondern auch um unkonventionelle Lösungen. So experimentiert RWE mit Algen, die das Gas aufnehmen und dann als Baustoffe oder Biomasse enden sollen.

          Die Braunkohleindustrie legt Wert auf die Feststellung, dass sie, anders als Steinkohle oder erneuerbare Energien, keine Subventionen benötige. Jansen widerspricht. Nach einer Studie des Umweltbundesamts profitiere die Branche sehr wohl von Millionenvergünstigungen: für die unentgeltliche Zuteilung von Emissionsrechten, für Grundwasser- und Rekultivierungsarbeiten, für die Verlegung von Siedlungen, für Aufforstung und landwirtschaftliche Nutzung. Jansen beruft sich auf Daten des Bundesumweltministeriums von 2008, wonach der Ausstieg aus der Braunkohle bei gleichzeitiger Beendigung der Kernenergie möglich wäre. „Der Ausstiegsbeschluss muss kommen, spätestens jetzt, wo wir sehen, dass die Industrie Leib und Leben gefährdet.“

          Stilllegung ist utopisch

          Eine Stilllegung der Tagebaue und Kraftwerke hält die Branche angesichts der großen energetischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Braunkohle für utopisch. Tatsächlich liefert der Rohstoff mit einem Anteil von 23,5 Prozent den größten Beitrag zur inländischen Stromerzeugung. Den Debriv-Zahlen zufolge wurden 2008 hierzulande 175 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert. Davon entfielen 96 Millionen auf die drei Tagebaue von RWE, 58 Millionen auf die vier Gruben von Vattenfall in der Lausitz, fast 20 Millionen auf die drei Abbaugebiete der Mibrag und der Romonta GmbH in Mitteldeutschland und 2 Millionen auf den Tagebau von Eon im Helmstedter Revier.

          Die Industrie beschäftigt direkt knapp 23.000 Mitarbeiter; allein bei RWE sind es fast 12.000, so viel wie in keinem anderen Energiezweig. Umsatzzahlen veröffentlicht die Branche nicht; ein Kenner schätzt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Binnenerlös aus dem Braunkohleverkauf auf 2,6 Milliarden Euro im Jahr. Die hohen Strompreise machten das Geschäft äußerst lukrativ, sagt er, doch könnten die künftigen Kosten für die Kohlendioxidzertifikate die Hälfte des Gewinns aufzehren. Wie sicher sich die Industrie fühlt, zeigt sich an den Neubauten. An den neun Kraftwerksstandorten sind vier neue Blöcke geplant, zwei im Rheinland, je einer in der Lausitz und in Mitteldeutschland. Allein RWE gibt dafür 2,2 Milliarden Euro aus.

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