https://www.faz.net/-gqe-rgko

Nach britischem Vorbild : Amerika erwägt Teilverstaatlichung der Banken

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Die amerikanische Regierung denkt über eine weitere Konsequenz aus der Finanzkrise nach: Finanzminister Paulson wies die Idee nicht zurück, Banken teilweise zu verstaatlichen - nach dem Vorbild der Briten. Zudem regte er eine Weltkonferenz zur Stabilisierung der Märkte an. EZB-Chef Trichet warnte die Börsianer derweil vor „exzessivem Pessimismus“.

          3 Min.

          Die amerikanische Regierung denkt angesichts der dramatischen Lage im Finanzsektor über eine teilweise Verstaatlichung von Banken nach. Das verlautete aus Regierungskreisen in Washington. Die Vollmachten, die vom Kongress jetzt im Rahmen des 700 Milliarden Dollar umfassenden Rettungspakets gewährt worden sind, eröffneten der Regierung eine Reihe von Möglichkeiten im Umgang mit der Finanzkrise, hieß es.

          Ein derartiger staatlicher Einstieg bei Banken wäre zu vergleichen mit dem Vorgehen der britischen Regierung. Die britische Regierung hatte am Mittwoch angekündigt, acht der größten Banken teilweise zu verstaatlichen, um die Stabilität auf dem Finanzmarkt wiederherzustellen (siehe dazu auch: ). Premierminister Gordon Brown sprach von „radikalen“ Eingriffen ins Bankensystem.

          Auf den britischen Plan angesprochen, sagte der amerikanische Finanzminister Henry Paulson am Mittwoch, er weise diese Idee nicht zurück. Er wolle jedoch nicht darüber spekulieren, welches der neuen Rechte die Regierung nun anwende.

          Radikale Eingriffe ins Bankensystem? Finanzminister Paulson weist die Idee nicht zurück
          Radikale Eingriffe ins Bankensystem? Finanzminister Paulson weist die Idee nicht zurück : Bild: dpa

          Weltkonferenz zur Stabilisierung der Märkte

          Außerdem rief der amerikanische Finanzminister zu einer Weltkonferenz zum Thema Stabilisierung der Märkte auf. Nach Angaben des amerikanischen Finanzministeriums unterstützt auch Präsident Bush den Vorschlag, ein solches Treffen stattfinden zu lassen. Bereits am Freitag werden die Finanzminister der sieben Industrienationen über neue Spielregeln an den tief verunsicherten Finanzmärkten beraten. Dabei geht es unter anderem um neue Bilanzierungsvorschriften, um den Banken weitere Milliardenabschreibungen zu ersparen. In einer Geste der Entspannung nach dem Konflikt um den Georgien-Krieg wollen die Minister zudem Russland zum gemeinsamen Abendessen dazubitten. Dies kündigte Paulsons Staatssekretär David McCormick an.

          Paulson rief die Industriestaaten zwei Tage vor dem Treffen zu einer besseren Zusammenarbeit auf. „Die Regierungen müssen weiterhin eigene und gemeinsame Maßnahmen ergreifen, um die so dringend benötigte Liquidität zu gewährleisten und die Ersparnisse unserer Bürger zu schützen“, erklärte der Minister. Die Entscheidungen dürften aber nicht zulasten anderer Staaten gehen, mahnte er. „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Maßnahmen eng koordiniert und abgesprochen sind, damit die Schritte des einen Landes nicht zulasten eines anderen gehen oder die Stabilität des Gesamtsystems gefährden.“

          Trichet: „Kommen Sie wieder zur Besinnung“

          Derweil hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, die Händler an den Börsen mit drastischen Worten zur Ordnung gerufen. Trichet forderte die Akteure auf den Finanzmärkten im französischen Fernsehen auf, „wieder zur Besinnung zu kommen“. Sie seien mit ihrem „exzessiven Pessimismus“ schlecht beraten, schließlich hätten die Zentralbanken mit ihrer spektakulären Zinssenkung am Mittwoch ein „Signal der Vertrauens“ gegeben.

          Die Europäische Zentralbank, die amerikanische Notenbank Fed sowie die Zentralbanken von Großbritannien, Kanada, der Schweiz und Schweden hatten ihre Leitzinsen am Mittwoch um einen halben Prozentpunkt gesenkt (siehe dazu auch: Notenbanken senken Zinsen). Es war die erste derartige Aktion seit den Terroranschlägen vom 11. September.

          Trotz des außergewöhnlichen Vorgehens verpuffte der Effekt am Mittwoch, die Aktienkurse gaben weiter nach. Nach anfänglichen Gewinnen hatten sowohl der Dax als auch die amerikanischen Märkte am Mittwoch deutlich im Minus geschlossen. Die Rezessionsängste der Anleger und die Furcht vor anhaltend eingefrorenen Kreditmärkten überwogen. Zu den Verlierern gehörten abermals Finanztitel (siehe auch: ).

          Am Tag nach der konzertierten Zinssenkung wichtiger Notenbanken hat der Aktienmarkt in Deutschland eine Verschnaufpause eingelegt. Gegenüber dem Vortag legte er leicht zu, lag aber im Wochenverlauf weiter im Minus. „Wir sehen eine leichte Erholung nach dem Desaster der letzten Tage“, sagte ein Händler. Die Börse in Tokio schloss uneinheitlich. Der Nikkei für 225 führende Werte gab zwischenzeitliche Gewinne wieder ab und schloss auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Am Ende notierte das Börsenbarometer, das am Vortag um mehr als neun Prozent eingebrochen war, mit einem Verlust von 45,83 Punkten oder
          0,50 Prozent bei 9157,49 Punkten.

          Die japanische Zentralbank stellte dem Geldmarkt am Donnerstag angesichts der Finanzkrise weitere Liquidität in Rekordhöhe zur Verfügung. Am 17. Handelstag in Folge pumpte die Bank of Japan abermals in zwei Schritten 4,0 Billionen Yen (29,2 Milliarden Euro) in den Markt, um für Stabilität zu sorgen. Das war die bislang größte Tagesoperation an einem Tag zur Bereitstellung zusätzlicher Liquidität.

          Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, lobte unterdessen die gemeinsame Zinssenkung der führenden Zentralbanken am Mittwoch als „richtige Kurs“. „Wir begrüßen die koordinierte Senkung der Zinsen“, erklärte Strauss-Kahn am IWF-Sitz in Washington. Dort war am Mittwochabend auch der jüngste Bericht zur Lage der Weltwirtschaft veröffentlicht worden - mit dramatischen Inhalten: Die globale Finanzkrise treibe die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds, so die düstere Einschätzung (siehe: ).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In einer Frankfurter Hausarztpraxis wird eine Patientin geimpft.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 63,1

          Die Richtung stimmt: 10.696 Corona-Neuinfektionen sind weniger als vor einer Woche, und die Inzidenz geht weiter zurück. Die USA machen mit einer ersten Zulassung nun den Weg frei für Auffrischungs-Impfungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.