https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/nabucco-pipeline-mehr-freiheit-fuer-acht-milliarden-euro-1642609.html

Nabucco-Pipeline : Mehr Freiheit für acht Milliarden Euro

          3 Min.

          Die Oper Nabucco handelt von der alttestamentarischen Geschichte der Befreiung der Israeliten aus babylonischer Gefangenschaft. Steht die Pipeline Nabucco nun symbolisch für die Befreiung aus russischer Gas-Knechtschaft? Wer macht mit, wer liefert, wer finanziert? Die wichtigsten Antworten.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Warum heißt die Leitung Nabucco?

          Der österreichische Konzern ÖMV hatte die übrigen Gründungsmitglieder des Konsortiums 2002 nach der Unterzeichnung einer ersten Absichtserklärung in die Wiener Staatsoper eingeladen. Gegeben wurde Verdis Oper Nabucco, die seither als Namensgeber für die Pipeline steht. Die Oper handelt von der alttestamentarischen Geschichte der Knechtschaft und Befreiung der Israeliten aus babylonischer Gefangenschaft. Damit kann der Name auch programmatisch als Befreiung aus russischer Gasknechtschaft verstanden werden, auch wenn die Konsorten diese Absicht vehement bestreiten.

          Wer sind die Anteilseigner?

          Anteilseigener des Nabucco-Baukonsortiums sind mit jeweils 16,67 Prozent sechs Energiekonzerne: die österreichische OMV, die ungarische MOL, die staatliche rumänische Transgas, die staatliche bulgarische BEH und die ebenfalls staatliche türkische Gesellschaft Botas. Als letzter Teilhaber ist vergangenes Jahr der deutsche Energiekonzern RWE hinzugestoßen, nachdem lange Zeit auch der französische Staatskonzern Gaz de France versucht hatte, in dem Konsortium einen Fuß in die Tür zu bekommen. Die Nabucco Gaspipeline International GmbH residiert in Wien.

          Wer liefert das Gas?

          Die Nabucco-Gesellschafter haben mehrere Quellen im Auge. Zum einen wollen sie die kaspische Region anzapfen. Nach Aserbaidschan ist schon eine Gasleitung (auch eine Ölleitung) in Betrieb, die durch Georgien in die Türkei führt. Die Konzerne wollen auch Gasquellen auf dem östlichen Ufer des Kaspischen Meeres in Kasachstan und Turkmenistan nutzen. Insbesondere mit dem gasreichen Turkmenistan, das sein Gas auch nach Iran, Russland und China verkauft, sind die politischen und wirtschaftlichen Kontakte in den vergangenen Jahren enger geworden. Manageraustausch und deutsch-turkmenische Regierungskonsultationen zeugen davon. Im vergangenen Jahr war Bundeswirtschaftsminister Glos zu Besuch in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat; Ende des Jahres hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Präsident Berdymuchammedow in Berlin empfangen. Allerdings müssen noch technische Schwierigkeiten beim Transport des Gases durch oder über das Kaspische Meer bewältigt werden.

          Als Gaslieferant kommt auch der Irak in Frage. Hier hatte OMV kürzlich einen, von der Zentralregierung allerdings zunächst nicht akzeptierten Gasvertrag geschlossen. Es besteht schon eine Gasleitung von Ägypten bis nahe der türkisch-syrischen Grenze, die laut Nabucco-Konsorten an das Netz angeschlossen werden könnte. Mittelfristig wäre es auch möglich, ungenutzte Gasvorkommen auf der Arabischen Halbinsel zu gewinnen, vor allen jene Saudi-Arabiens, um sie Richtung Türkei und von dort nach Mitteleuropa zu pumpen. Die Türkei wiederum will ihre zentrale Lage nutzen, um selbst einen Teil des Gases zu nutzen und zu vermarkten. Die Türkei ist auch über eine Schwarzmeer-Pipeline Bluestream mit Russland verbunden, doch gilt die Kapazität der Leitung als nicht ausgenutzt.

          Wer sind die Konkurrenten?

          Bislang stammt das in Westeuropa selbstproduzierte Gas vor allem aus niederländischen, britischen und norwegischen Quellen. In Deutschland wird ein Teil des Verbrauchs noch selbst gefördert, vor allem in Niedersachsen. Europas größter Einzellieferant von Pipelinegas ist Russland. Dessen Rolle wird bei wachsender Nachfrage und sinkender Eigenförderung in Europa noch bedeutsamer werden. Allerdings sind die Transporte, die zu achtzig Prozent durch die Ukraine führen, in den vergangenen Jahren mehrfach durch russisch-ukrainische Zwistigkeiten unterbrochen worden. Deshalb wollten Gasprom und die westeuropäischen Konzerne BASF/Wintershall, Eon-Ruhrgas, Gasunie und Gaz de France die Ostseepipeline „Nord stream“ bauen, um die Lieferungen besser kontrollieren zu können. Russland ist darauf aus, das Netz- und Liefermonopol zu behalten und auch die reichen Quellen am Kaspischen Meer für das eigene System zu nutzen. Deshalb plant Gasprom, mit dem italienischen Energiekonzern Eni eine Gasleitung durch das Schwarze Meer über den Balkan bis nach Italien zu verlegen („South Stream“). Potentielle Konkurrenz könnte dem Nabucco-Projekt durch vermehrte Lieferung von verfüssigtem Gas (LNG) wie aus Qatar oder Nigeria drohen. Andererseits wird nach Berechnungen der EU das Angebot auch mit Nabucco-Gas nicht ausreichen, die erwartete Nachfrage zu decken. Eine testhalber durchgeführte Ausschreibung der Nabucco-Leitungskapazitäten hatte eine Überbuchung von hundert Prozent ergeben. Die Eigentümer der Leitung müssen nach EU-Recht die Hälfte der Kapazität - gegen Entgelt - für andere Gasversorger öffnen.

          Wer finanziert die Leitung?

          Die Leitung soll nach bisherigen Berechnungen 7,9 Milliarden Euro kosten, anfänglich waren fünf Milliarden Euro kalkuliert. Allerdings hat die Wirtschaftskrise auch zu stark sinkenden Stahlpreisen geführt, so dass die Rechnung für die Röhren günstiger ausfallen könnte als zuletzt erwartet. Die Finanzierung des Projektes ist laut Nabucco-Experten trotz Finanzkrise kein Problem. Auf jedes Mitgliedsunternehmen dürften an die 400 Millionen Euro entfallen. Internationale Banken stünden für die Finanzierung des restlichen Investments bereit, darunter auch die Europäische Investitionsbank (EIB).

          Weitere Themen

          Russische Truppen verschanzen sich

          Lage des Krieges : Russische Truppen verschanzen sich

          Die russische Armee errichtet Verteidigungsanlagen auf der östlichen Seite des Dnipros. Die Befreiung der Krim bleibt ukrainisches Kriegsziel. Der Verlauf des Krieges in Karten und Grafiken.

          Topmeldungen

          Als Orte mutmaßlicher Fälle von Cancel Culture gelten oft amerikanische Universitäten. Hier zu sehen ist der Campus der Yale University.

          Cancel Culture : Das laute Schweigen

          Wovon die Rede ist und wovon nicht mehr: Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub analysiert den Cancel-Culture-Diskurs als Kampf um Aufmerksamkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.