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Mutterschutz : Mutter, hilf!

  • -Aktualisiert am

In Deutschland gibt es längst die Möglichkeit, eine lange Auszeit für Kind und Mutter - oder Vater! - zu nehmen Bild: dpa

Frauen in der EU sollen künftig 20 Wochen zu Hause bleiben können, wenn sie ein Kind bekommen - bei vollem Lohnausgleich. Doch aus guter Absicht der Parlamentarier wird ein Schlag gegen die Emanzipation: Für ein Unternehmen wird es zum Risiko, junge Frauen einzustellen.

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          Das Europaparlament hat beschlossen: Frauen in der EU sollen künftig 20 Wochen zu Hause bleiben können, wenn sie ein Kind bekommen – und dabei weiterhin den vollen Lohn kassieren. Das muss zwar erst noch mit den Mitgliedstaaten diskutiert werden, bevor es tatsächlich kommt, aber die Wünsche der Europaparlamentarier sind klar: Der Mutterschutz soll in der gesamten EU ausgeweitet werden. Damit die Frauen sich besser erholen und ihre Babys länger stillen können.

          Das klingt komfortabel, nett, rücksichtsvoll. Es geht um den Schutz der Frauen, der Kinder, der Gesundheit. Was wollen die Mütter mehr?

          Doch Moment mal: 20 Wochen, das sind beinahe fünf Monate. Dass es Standard werden soll, so lange zu Hause zu bleiben, ist für Frauen, die gerne und viel arbeiten, nicht gerade eine gute Nachricht. Zwar sollen die 20 Wochen Mutterschutz nicht in voller Länge verpflichtend sein – ein echtes Arbeitsverbot sehen die EU-Parlamentarier bloß für die sechs Wochen nach der Geburt vor.

          Babybett statt Karriere

          Doch es bleibt der Verdacht, dass mit dieser Regelung die Karrierefrauen zurück ans Babybett geschickt werden sollen. Schließlich, so steht es auch in dem Vorschlag des Parlaments, soll dafür gesorgt werden, dass Frauen möglichst sechs Monate voll stillen. Und da es nun heutzutage leider keine Ammen mehr gibt und Väter bekanntermaßen auch nicht zum Stillen taugen, bedeutet das: Frauen sollen doch bitte sechs Monate zu Hause bleiben. Vielen Dank, das wollen die Frauen doch lieber selbst entscheiden.

          Das wichtigste Argument gegen den verlängerten Mutterschutz ist aber ein ökonomisches: Er verzerrt die Preise auf dem Arbeitsmarkt. Da es keinen entsprechenden Vaterschutz gibt, werden Frauen für die Unternehmen relativ teurer. Das Gehalt im bisher vierzehnwöchigen Mutterschutz zahlt in Deutschland vor allem der Arbeitgeber. Das Mutterschaftsgeld der Krankenkassen liegt seit Jahren unverändert bei 13 Euro pro Tag, den Rest stockt der Arbeitgeber auf – bei gutverdienenden Frauen ist das ein Großteil der Gesamtkosten.

          Schlag gegen die Emanzipation

          Verlängert sich also der Mutterschutz, dann wird die Mutter teuer für die Unternehmen. Die Folge: Junge Frauen einzustellen wird zunehmend zu einem Risiko. Aus der guten Absicht der Parlamentarier wird ein Schlag gegen die Emanzipation.

          Zwar müssen die Mütter ihre Schutzzeit nicht voll in Anspruch nehmen. Doch die Firmen rechnen selbstverständlich nicht damit, dass viele Frauen früher ins Büro zurückkehren, wenn sie auch ohne Arbeit ihr volles Gehalt bekommen. Außerdem bleiben viele Mütter sowieso schon freiwillig länger zu Hause als 20 Wochen. Diese würden dann – ob sie wollen oder nicht – länger ihrem Arbeitgeber auf der Tasche liegen.

          In Deutschland ist längerer Mutterschutz unnötig

          Insbesondere in Deutschland ist ein längerer Mutterschutz unnötig. Denn hier gibt es längst die Möglichkeit, eine lange (freiwillige) Auszeit für Kind und Mutter (oder Vater!) zu nehmen und dabei auch noch finanzielle Unterstützung zu bekommen: das Elterngeld. Hier zahlt auch längst der Richtige: der Staat. Denn eins ist aus ökonomischer Sicht eindeutig: Wenn Politiker umverteilen wollen – etwa von den Arbeitenden zu den jungen Müttern –, dann sollen sie das mit Steuergeldern tun und nicht die Firmen dazu verpflichten, soziale Aufgaben zu übernehmen.

          Der Vorschlag zum verlängerten Mutterschutz überrascht auch deshalb, weil sich Europapolitiker gewöhnlich eher dafür einsetzen, dass mehr Frauen arbeiten und in Führungspositionen aufsteigen. Die EU-Kommission drohte sogar schon mit einer gesetzlichen Quote, falls die Unternehmen nicht mehr Frauen in die Chefetagen bringen. Wenn die EU-Parlamentarier so weitermachen, könnten sie die tatsächlich irgendwann brauchen.

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