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Integrationsdebatte : „Multikulti ist gescheitert“

  • -Aktualisiert am

Das erinnerte fatal an die frühere Kontroverse um Salman Rushdies Buch „Die Satanischen Verse“. Auch damals, nach dem durch Ajatollah Chomeini ausgesprochenen Todesurteil, hielten es viele britische Kommentatoren für angemessen, eine Ausdehnung der Strafbarkeit von Gotteslästerung auf die Beleidigung des Islams vorzuschlagen. Rushdies Autobiographie „Joseph Anton“ (2012), die von seinen Erfahrungen in dieser Zeit berichtet, bietet einen zutiefst ernüchternden Blick darauf, wie Politiker und Intellektuelle auf der linken wie auf der rechten Seite des politischen Spektrums nicht die intoleranten Religionsfanatiker, sondern die „unnötig verletzenden“ Äußerungen des Autors als den Kern des Problems ausmachten.

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Allgemein setzte sich nach dem Mord an Theo van Gogh eine Deutung durch, die sich bei den vielen islamistischen Terroranschlägen, die Europa in den Jahren danach heimsuchten, jedes Mal wiederholte. Die Ursachen für den Terror hätten nichts zu tun mit den Bevölkerungsgruppen, aus denen die Täter hervorkommen, oder mit der Religion, die sie inspiriert, sondern seien der Gesellschaft, die sie angreifen, zuzuschreiben. Diskriminierung und Exklusion in der Einwanderungsgesellschaft und die Außenpolitik des Westens – das seien die wahren Ursachen der Gewalt.

Islamischen Extremismus von innen heraus lösen

Aber wenn das so war, warum richtete sich dann die Wut der islamistischen Extremisten mit solcher Vehemenz gegen Schriftsteller, Filmemacher und Cartoonisten, statt gegen Arbeitgeber, Wohnungsbaugesellschaften und Bildungspolitiker? Warum gab es dann so viel Gewalt in den islamischen Ländern selbst, auch in solchen wie Nigeria oder Sudan, wo es keine westliche militärische Interventionen gegeben hatte, oder in Libyen, wo der Westen nun gerade geholfen hatte, einen brutalen Diktator, den er vorher nie unterstützt hatte, zu beseitigen? Was hatten die Jesiden in Irak, christliche Minderheiten in der islamischen Welt oder muslimische Minderheitsströmungen wie die pakistanischen Ahmadiyya verbrochen, um den radikalislamischen Zorn auf sich zu ziehen?

Und warum gab es nichts, das die Islamisten so aus dem Häuschen brachte wie die Kritik aus den eigenen muslimischem Reihen durch Salman Rushdie, Ayaan Hirsi Ali oder die vielen ermordeten und bedrohten Künstler, Journalisten und Intellektuelle in Bangladesch, Ägypten und fast überall sonst in der islamischen Welt? Sie wagten es, Kritik am Islam zu äußern oder für Reform und Modernisierung der Religion einzutreten.

Das Problem des islamischen Extremismus kann erst gelöst werden, wenn die Mehrheit der Muslime realisiert, dass sich die eigentlichen Feinde, die den Islam bedrohen, nicht in Jerusalem oder Washington oder unter den europäischen Rechtspopulisten befinden, sondern in ihren Herkunftsländern und in der Mitte ihrer eigenen Gemeinschaften.

Zum Autor

Der Essay basiert auf dem Buch des Politologen Ruud Koopmans „Assimilation oder Multikulturalismus – Bedingungen gelungener Integration“, das in diesen Tagen im Lit Verlag erscheint. 270 Seiten, 24,90 Euro.

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