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Mittelstandsvereinigung : Union wählt wichtigsten Wirtschaftsfürsprecher

Die personifizierte schwarz-grüne Koalition: Oswald Metzger Bild: AP

Der Ex-Grüne Oswald Metzger oder der Euro-Skeptiker Carsten Linnemann - wer führt künftig die Mittelstandsvereinigung der Union? In Braunschweig fällt die Entscheidung.

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          Er hatte sie (fast) alle: Rote, Grüne und Schwarze. Deswegen ist keiner so prädestiniert, über politische Farbenspiele Auskunft zu geben, wie Oswald Metzger. Union und Grün sondieren ihre Vereinbarkeit, da ist Metzger Fachmann, er ist gleichsam die personifizierte grün-schwarze Koalition. Wenn es für ein solches Bündnis in Berlin noch nicht reichen sollte, so kann die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT) sich mit ihm an der Spitze schon einmal so einfärben. Der ehemalige Haushaltspolitiker der Grünen, der ganz früher einmal SPD-Mitglied war und seit 2008 Mitglied der CDU ist, kandidiert gegen den Abgeordneten Carsten Linnemann. Der scheidende MIT-Vorsitzende Josef Schlarmann hält den Wettbewerbsgedanken hoch, indem er sich nicht einmischt.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Metzger hält die Grünen derzeit nicht für reif, in eine Regierung mit der Union einzutreten. Sie hätten sich im Wahlkampf „deutlich sichtbar zwischen SPD und Linkspartei positioniert“, sagte er am Donnerstag vor dem ersten Sondierungstreffen. „Die Grünen stehen jetzt vor einer Häutung. Die Neusortierung fällt in eine Zeit, in der sie plötzlich auf Bundesebene in Koalitionsgeruch geraten - und dann auch noch mit der Union.“ Das überfordere die Grünen personell und programmatisch.

          Ein Oberrealo mit Außenwirkung

          Der Mann aus Ravensburg hat seine eigenen Erfahrungen mit den Grünen und ihrer Bereitschaft gemacht, sich der Lebenswirklichkeit zu stellen. Als Oberrealo mit Außenwirkung bewarb er sich im Jahr 2002 vergeblich um einen sicheren Listenplatz, der ihm die Rückkehr in den Bundestag garantiert hätte. Man kann im Nachhinein darüber streiten, wer ungeschickter war, er oder die Parteiführung, am Ergebnis ändert das nichts: Metzger scheiterte.

          Als Ausweg blieb nur die Landespolitik. In Stuttgart forderte er eine solidere Haushaltspolitik. Gleichzeitig attackierte er immer schärfer den schleichenden Linksrutsch seiner Partei. Im Herbst 2007 trat er frustriert aus seiner Partei aus und wenig später bei den Schwarzen ein. Er scheiterte aber in seinem Bemühen, sofort ein Direktmandat für den Bundestag zu gewinnen. Auch sein Anlauf, Oberbürgermeister im oberschwäbischen Ravensburg zu werden, war nicht von mehr Erfolg gekrönt, ebenso wenig ein dritter Versuch, in den Bundestag zurückzukehren. Trotzdem hat er es geschafft, im Gespräch zu bleiben.

          Kampfkandidatur mit Carsten Linnemann

          Der Schnellsprecher, der mittlerweile dem CDU-Landesvorstand angehört und stellvertretender Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung ist, will es nun noch einmal wissen. Er wirbt mit einem flammenden Bekenntnis zu Ludwig Erhard um die Gunst der Delegierten. „Der Wahlerfolg der Union kann schnell implodieren, wenn sie ihr Koordinatensystem als Volkspartei der Sozialen Marktwirtschaft weiter in Richtung sozialstaatlicher Versorgungspartei verschiebt.“ Ausgaben für die Mütterrente würden nicht aus „Überschüssen“ finanziert, sondern führten zu höheren Beiträgen der Arbeitnehmer und höheren Lohnzusatzkosten.

          Metzger ist inzwischen 58 Jahre alt, also fast eine Generation jünger als Schlarmann. Und dennoch sieht er alt aus gegen den, der ihm den MIT-Spitzenposten streitig machen will, der an diesem Freitag in Braunschweig neu besetzt wird. Gegen Metzger bewirbt sich Carsten Linnemann, 36 Jahre alt, CDU-Bundestagsabgeordneter, promovierter Volkswirt. Vor seiner Wahl in den Bundestag arbeitete er zwei Jahre lang bei der IKB Deutsche Industriebank, Bereich Konjunktur und Mittelstand. Davor war er Assistent bei dem inzwischen verstorbenen Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter, seinem Mentor und Vorbild.

          Weder Leisetreter, noch meinungsscheu: Carsten Linnemann
          Weder Leisetreter, noch meinungsscheu: Carsten Linnemann : Bild: Archiv

          Metzger inszeniert sich gern als Lautsprecher. Linnemann ist das nicht. Auf der ersten Seite seiner Homepage sieht man ihn im Gespräch mit einem Abgeordnetenkollegen, mit dem jungen Gesicht eines Schulabgängers, ernst blickend. Die Bildunterschrift klingt ungleich herzhafter: „Wir müssen diesen Heißhunger auf Steuern stoppen.“ Linnemann ist es ernst mit dieser Aufforderung. Und er ist sogar bereit, deswegen Streit mit der eignen Fraktion zu riskieren, für die er seit 2009 im Bundestag sitzt. Dass er kein Leisetreter ist, hat Linnemann schon mehrfach bewiesen. Er ist keinesfalls meinungsscheu: 2011 stimmte er gegen die Euro-Rettungsfonds EFSF und ESM, gegen Spanien- und Griechenland-Hilfen, 2012 wetterte er gegen die beitragsfinanzierte Zuschussrente für Geringverdiener. Linnemann kritisiert, die Union habe zu lange die Taktik verfolgt, Kernthemen anderer Parteien abzugreifen. „Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Wir müssen uns jetzt endlich wieder auf die eigenen Schwerpunkte konzentrieren.“

          Die Mittelstandsvereinigung ist für den Westfalen, der aus einer Mittelständler-Familie stammt, längst eine Heimat. Seit 2010 ist er im Landesvorstand und kooptiertes Mitglied im Bundesvorstand. Das Pfund, mit dem er im Zuge der Kampfkandidatur um die Schlarmann-Nachfolge wuchert, ist seine Vernetzung im Parlament. Dorthin hat es Metzger in drei Anläufen nicht geschafft. Linnemann hat hingegen seinen Wahlkreis Paderborn wieder gewonnen. Er hat sich in seiner ersten Legislaturperiode mit Arbeitsmarktpolitik befasst und zählt in diesem Arbeitsfeld zu den wenigen profilierten Vertretern des Wirtschaftsflügels der Union. Linnemann sagt: „Ich möchte nicht mein Leben lang Politiker sein, aber am Ende will ich schon sagen können, politische Akzente gesetzt zu haben.“ Eine erste Gelegenheit dazu könnte der MIT-Vorsitz sein.

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