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Lohnuntergrenze : Folgen des Mindestlohns erst nach Jahren klar

Warum die Auswertung so kompliziert ist, hat einen einfachen Grund: Der Mindestlohn kommt deutschlandweit. Eine beliebte Methode, die Forscher gerne anwenden und die aus medizinischen Tests bekannt ist, fällt damit weg: der Vergleich mit einer Kontrollgruppe. Würde künftig von allen Niedriglohnempfängern nur ein zufällig ausgewählter Teil den Mindestlohn bekommen, könnten die Forscher sehr einfach vergleichen, wie sich die Arbeitslosigkeit in beiden Gruppen entwickelt. In den Vereinigten Staaten waren solche vergleichenden Studien möglich, da in angrenzenden Bundesstaaten zum Teil unterschiedliche Mindestlöhne gelten.

Verzichten Unternehmen auf Einstellungen?

In Deutschland werden die Forscher zu Behelfslösungen greifen müssen. „Wir können beispielsweise die Entwicklungen in Thüringen und Bayern vergleichen“, sagt Michael Burda, Arbeitsmarktfachmann der Berliner Humboldt-Universität. Weil in Bayern das Lohnniveau deutlich höher ist, dürfte der Mindestlohn dort deutlich weniger Menschen betreffen als in Thüringen. Wenn die Arbeitslosenzahl in Thüringen dann deutlich schneller steigen würde als im Nachbarbundesland, wäre das zumindest ein Anhaltspunkt für die Auswirkungen. „Aber natürlich könnten dafür auch andere Faktoren eine Rolle spielen“, schränkt der Forscher ein. Ein weiterer Ansatzpunkt für vergleichende Studien bietet nach Ansicht der Forscher zudem die Ausnahme für Langzeitarbeitslose, die in den ersten sechs Monaten einer neuen Beschäftigung keinen Anspruch auf den Mindestlohn haben.

„Was die Sache noch komplizierter macht“, sagt der Vorsitzende des Sachverständigenrates Schmidt, „ist die Tatsache, dass wohl nicht in erster Linie Arbeitnehmer entlassen werden, sondern Unternehmen wegen des Mindestlohns auf Einstellungen verzichten werden.“ Und zu messen, was nicht entsteht, sei weitaus komplizierter, als das zu messen, was verschwindet. Wer den Forschern zuhört, erfährt, dass es in ihren Studien am Ende auch um „Beschäftigungswahrscheinlichkeiten“ und „Hochrechnungen“ gehen wird – Vokabeln, die nicht gerade nach Klarheit klingen. Der Kampf um die Deutungshoheit über den Mindestlohn könnte unter Forschern und Politikern also noch lange toben.

Der Forscher des Essener RWI bemängelt, dass die Politik die Vorbereitungen für die wissenschaftliche Auswertung nicht rasch genug vorangetrieben hat. „Mit dem Gesetzesbeschluss hätte die Regierung auch gleich konkurrierende Konzeptstudien für die Evaluierung in Auftrag geben sollen wie seinerzeit bei den Hartz-Reformen“, sagt Schmidt. Auch die Mindestlohnkommission, die nach zwei Jahren über eine Erhöhung des Mindestlohnes entscheiden soll und der zwei (nicht-stimmberechtigte) Wissenschaftler angehören, hat die Arbeit noch nicht aufgenommen. Das bemängelt Alexander Spermann, der Direktor für deutsche Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit: „Man hätte erwarten können, dass die Kommission noch in diesem Jahr Forschungsaufträge vergibt und repräsentative Umfragen stattfinden.“ Spermanns Eindruck ist, „dass die Politik kein gesteigertes Interesse an der Wirkung hat, vielleicht will man an der Front erst einmal Ruhe haben“.

Zumindest am Geld wird die Forschung wohl nicht scheitern. Das am Berliner DIW angesiedelte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) erhält von der Leibniz-Gemeinschaft für ein Forschungsprojekt mit einer Laufzeit von drei Jahren rund 800000 Euro zusätzlich, um die jährliche Haushaltsbefragung zum Thema Mindestlohn zu ergänzen. Über die erste Mindestlohnerhöhung wird Ende 2016 entschieden. Eine grundsätzliche Evaluation des Mindestlohngesetzes ist für 2020 vorgesehen – spätestens bis dahin sollte es mit den Ergebnissen klappen.

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