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Mindestlohn-Debatte : „3,18 Euro pro Stunde sind in Ordnung“

  • Aktualisiert am

Sybille Hain in ihrem Friseursalon in Erfurt Bild: Rainer Wohlfahrt

Drei Euro Stundenlohn seien unfair, sagt Franz Müntefering. Sybille Hain, Inhaberin eines Friseursalons in Erfurt, widerspricht dem Minister: ein Interview über Mindestlöhne, sprachgestörten Nachwuchs und die Blüte der Friseure zu DDR-Zeiten.

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          Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) will Mindestlöhne gesetzlich regeln mit dem Argument, ein Einkommen müsse ein Auskommen bieten. Drei Euro Stundenlohn seien unfair. Er hat unter anderem das Friseurhandwerk im Visier. Sybille Hain, Obermeisterin der Landesinnung Thüringen des Friseurhandwerks, hat eine genaue Vorstellung, was Mindestlohnregelungen für Folgen hätte: höhere Arbeitslosigkeit. Hain hat 1990 einen Frisiersalon in Erfurt gegründet. Ihr Vater war schon Friseur, sie selbst leitete bis zum Ende der DDR eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks. Ihr Salon ist unter anderem für die gute Ausbildung bekannt. Die 56 Jahre alte Frau engagiert sich in der Innung und seit kurzem in der FDP.

          Frau Hain, 3,18 Euro Stundenlohn bekommt eine ausgelernte Friseurin im ersten Berufsjahr in Thüringen. Finden Sie das in Ordnung?


          Natürlich ist das in Ordnung. Die Summe 3,18 Euro ist der reine Sockelbetrag ohne Leistungszuschlag. Und ohne Trinkgeld. Das kommt ja noch dazu. Eines ist doch klar. Ich kann hier im Osten keine hohen Preise verlangen, also kann ich auch keine hohen Löhne zahlen. In Karlsruhe bekommen sie für „Waschen, Schneiden, Föhnen“ 38 bis 42 Euro. Hier sind Sie mit 17,50 Euro schon hochpreisig. Man muss kein Finanzgenie sein, um festzustellen, dass bei uns der Lohn nicht so hoch sein kann wie bei einer Mitarbeiterin in Baden-Württemberg.


          Aber von 3,18 Euro in der Stunde kann man nicht leben.


          Das muss ja auch keiner. Mit Leistungszuschlag kommt jede tüchtige Berufsanfängerin spielend auf mehr Geld.


          Auf wie viel denn?


          Das hängt vom Umsatz der Friseurin ab. Vom Umsatz, der zwölf Euro übersteigt, bekommt sie in Thüringen 30 Prozent. Ich schaffe mit meinen 56 Jahren 50 Euro Umsatz in der Stunde. Junge Friseurinnen schaffen durchaus 30 Euro Stundenumsatz. Sie kommen dann auf einen Stundenlohn von neun Euro, wenn sie was können. Das klingt schon ganz anders als drei Euro. Dazu kommt noch Trinkgeld.


          Wie viel macht denn das Trinkgeld aus?

          Zehn bis 20 Prozent auf den Umsatz.


          Und 30 Euro Umsatz in der Stunde ist machbar?


          Ja. Ohne große Probleme.


          Vorausgesetzt, die Kunden kommen.

          Ja, natürlich.


          Aber in manchen Salons bleiben die Kunden aus, und die Mitarbeiterinnen gehen mit vier Euro oder fünf Euro Stundenlohn nach Hause. Die Frauen würden von einem Mindestlohn von 7,50 Euro, wie ihn die SPD einführen will, profitieren.

          Es stimmt natürlich, dass manche Friseurinnen am Anfang nur vier Euro pro Stunde haben. Aber die Betriebe können sich nicht mehr leisten. Wenn sie höhere Löhne zahlen müssten, dann müssten sie das Haareschneiden verteuern. Die Kunden blieben weg. Und die Frauen würden entlassen. Keiner hätte was davon. Ein Mindestlohn von 6 bis 7,50 Euro gefährdet in Ostdeutschland ein Drittel der Arbeitsplätze im Friseurhandwerk. Oder aber die Tariflöhne würden einfach nicht gezahlt. Nichts wäre damit gewonnen. Ich frage mich schon, was sich der Arbeitsminister Franz Müntefering denkt, wenn er den Mindestlohn vorschreiben will. Von der Basis ist der ganz weit weg. Er soll die Tarifverhandlungen den Tarifparteien überlassen.


          Kann eine gute Mitarbeiterin von ihrem Einkommen eine Familie ernähren?

          Sie kann vom Lohn gut leben, aber eine größere Familie ernähren, das wird dann doch etwas knapp. Die besten Kräfte kommen schon auf 2000 Euro im Monat. Und die Mieten sind hier ja nicht so hoch. Ich finde unser Bezahlungssystem trotzdem das gerechteste überhaupt. Gute Friseurinnen haben in der Regel gut zu tun und gewinnen schnell eigene Kunden. Der Fleißige wird belohnt, der Faule hat halt Pech. Gibt es etwas Besseres? Gibt es etwas Ehrlicheres?


          Das sagen Sie als Unternehmerin und Chefin eines Frisiersalons. Aber als Angestellte wünscht man sich einen Mindestlohn von 7,50 Euro, wie ihn die Sozialdemokraten jetzt vorschlagen.

          Das glaube ich nicht. Die Mitarbeiterinnen kennen die Verhältnisse hier und hätten Angst vor Entlassungen. Außerdem hat der Staat selbst Mitschuld an den niedrigen Löhnen. Er verdirbt die Preise in Ostdeutschland, indem er die Schwarzarbeit beflügelt. Und dann will er auch noch unsere Löhne festlegen.


          Der Staat beflügelt die Schwarzarbeit?

          Ja, ganz eindeutig. In überbetrieblichen Friseurschulen werden mit Steuergeldern und Mitteln der Arbeitsverwaltung weit mehr Friseurinnen ausgebildet, als offiziell eingestellt werden. Und was machen die jungen Frauen dann? Sie schneiden schwarz und machen Betrieben, die sich gerade über Wasser halten können, unfaire Konkurrenz.

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