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„Minamata-Konvention“ : Lehrstunde in japanischem Umweltschutz

Im Herbst wird in Japan die sogenannte „Minamata-Konvention“ verabschiedet. Quecksilber hat in der Hafenstadt vor mehr als 50 Jahren zu einer Umweltkatastrophe mit Tausenden Kranken geführt. Alle haben die Lektion gelernt, heißt es offiziell. Ein genauer Blick zeigt, dass das nicht stimmt.

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          Ich bedauere wirklich, was damals passiert ist.“ Ikuo Kabashima, der Gouverneur von Kumamoto, auf der südwestlichen japanischen Insel Kyushu gelegen, räumt ein, dass die Präfekturverwaltung versagt hat, als sich dort vor mehr als 50 Jahren einer der größten Umweltskandale ereignete. In Minamata, einer Industriestadt an der Küste Kumamotos, hatte der japanische Chemiekonzern Chisso über Jahre ungefiltert seine Abwässer in die Bucht geleitet.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Anfang der fünfziger Jahre starben erst die Fische. Später spielten Katzen verrückt. Im April 1956 wurde dann ein Kind ins Firmenhospital eingeliefert. Es konnte nicht sprechen, nicht mehr gehen, nicht essen. Wenig später kamen immer mehr Patienten mit ähnlichen Symptomen. Als „merkwürdige Krankheit“ bezeichneten Ärzte die Krankheit. Es dauerte Jahre, bis offiziell zugegeben wurde, dass Quecksilber in den Abwässern der Chisso die Ursache der Krankheit war.

          Alle Erkrankten hatten über Jahre viel Fisch gegessen, der Fisch war hoch mit Methylquecksilber belastet. Als „Minamata-Krankheit“ sind die Symptome heute in aller Welt bekannt. „Wir haben daraus gelernt“, sagt Gouverneur Kabashima. Er zeigt auf Plakate, die im Besprechungszimmer hinter ihm an der Wand hängen. Sie weisen darauf hin, dass hier im Oktober die „Minamata-Konvention“ der Vereinten Nationen unterzeichnet wird. Industrielle Quecksilberemissionen sollen so weit wie möglich eingedämmt werden.

          Für Kabashima und für den Bürgermeister von Minamata, Katsuaki Miyamoto, ist die Konferenz der Vereinten Nationen bei ihnen die Chance, sich der Welt als neue, umweltfreundliche Region zu präsentieren. „Ökologie ist der einzige Weg, auf dem die Stadt überleben kann“, sagt Miyamoto. Die Konvention sei ein großer Schritt vorwärts. Spuren hinterlässt die Umweltkatastrophe in der Region bis heute. Ein Teil der Bucht, der besonders stark verseucht war, ist mit Erde aufgeschüttet worden. Um 58 Hektar Land ist die Stadt gewachsen. 45 Milliarden Yen hat es gekostet. Auf dem aufgeschütteten Gelände steht heute ein Museum, das an diese dunkle Zeit in der Geschichte Minamatas erinnert.

          Kunio Endo, der ein 1974 gegründetes Selbsthilfezentrum leitet, das Opfern der Quecksilbervergiftung hilft, bezweifelt, dass sich in Minamata wirklich so viel geändert hat. Noch immer gebe es viele, die die ganze Geschichte lieber vertuschen und unter der Decke halten wollten, meint er. Deswegen betreibt er auf einem Hügel über der Stadt ein zweites Museum, eines, das konsequent die Sicht der Opfer darstellt. Noch immer meinen manche von ihnen, Chisso bekenne sich bis heute nicht zu seiner Verantwortung für die Umweltkatastrophe. Sicher, das Unternehmen zahle Entschädigungen; aber das auch erst, nachdem Erkrankte sie in langjährigen Gerichtsverfahren dazu gezwungen haben. „Eine aufrichtige, eine von Herzen kommende Entschuldigung bei den Opfern hat es bis heute nicht gegeben“, erklärt Endo. 2268 Menschen sind amtlich als Opfer der Krankheit bestätigt worden. 639 leben noch. Für viele besteht der Alltag aus Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten und dem verzweifelten Bemühen, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Mehr als 17 000 Menschen haben Anträge gestellt, als Opfer anerkannt zu werden. Methylquecksilber greift hauptsächlich das zentrale Nervensystem und das Gehirn an. Lähmungserscheinungen in den Beinen, Ohrensausen, bohrende Kopfschmerzen, Hörverlust, Sprachprobleme, Behinderungen des Bewegungsapparats - die Liste der Symptome ist lang.

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