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Mikrokredite : Arme Bauern in der Schuldenfalle

Das geborgte Geld muss arbeiten: Ein Bauer pflügt sein Feld im Westen Indiens.

Das geborgte Geld muss arbeiten: Ein Bauer pflügt sein Feld im Westen Indiens. Bild: REUTERS

Es war ein schöner Traum: Arme Bauern in Entwicklungsländern sollten eine Chance bekommen - mit ein paar Euro Kredit. Doch jetzt zeigt sich, dass auch der Mikrokredit kein Wundermittel ist. Wenn Banken leichtfertig Geld verleihen, führt das schnell in die Krise. Das ist auch in Indien so.

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          Ega Mounika sah die Lösung für das Elend ihrer Familie. 10 000 indische Rupien (166 Euro) lieh sie sich von einer Mikrofinanzorganisation. Damit kaufte sie eine Nähmaschine. Fortan flickte sie morgens die Kleider ihrer Nachbarn im Dorf im bettelarmen indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, nachmittags studierte sie. Alles ging gut, bis die Familie in einer Woche keine Zinsen zahlen konnte. Sie nahm einen zweiten Kredit auf. "Kurz darauf saßen wir auf vier Krediten über 80 000 Rupien von vier Banken", erzählt Egas Vater Laxmi Narayan. Mit ihrem monatlichen Einkommen von 4500 Rupien aber konnten sie Zinsen und Rückzahlungen von 1000 Rupien im Monat niemals leisten. Geldverleiher boten ihnen daraufhin Überbrückungskredite über 5000 Rupien zu 120 Prozent Zinsen an. Die Geldeintreiber wurden immer ungemütlicher. Am Ende schlugen sie der Mutter vor, Ega an ein Bordell zu verkaufen. Ende September verbrannte sich die Zwanzigjährige.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das hätte nicht passieren dürfen. Noch vor wenigen Monaten waren die Mikrokredite der letzte Schrei in der Entwicklungshilfe: ein Mittel, mit dem man gleichzeitig den Armen helfen kann und sogar noch Geld einnimmt - dagegen hatte niemand etwas einzuwenden. 2006 bekam der Mikrokredit-Banker Muhammad Yunus für seine Geschäfte sogar den Friedensnobelpreis. Und die Branche blühte auf. Hatten 2003 nur 25 Millionen Menschen weltweit einen Minikredit bekommen, waren es 2009 schon dreimal so viele. Der Wert der Kredite verachtfachte sich sogar. Inzwischen gibt es Mikrokredit-Initiativen auf der ganzen Welt.

          In Asien läuft heute wenig ohne die Darlehen, vor allem auf dem Land - egal ob in Indien, Sri Lanka oder Kambodscha. In den Dörfern verlassen sich die bettelarmen Menschen darauf, dass sie Geld leihen können. Zwar verlangen die Banken bis zu 30 Prozent Zinsen. Aber das ist immer noch viel weniger, als die Kredithaie wollen - und es gibt einen guten Grund für die hohen Zinsen, schließlich ist die Kreditvergabe auf dem Land sehr aufwendig.

          Mikrokredit-Pionier Muhammad Yunus steht vor Gericht
          Mikrokredit-Pionier Muhammad Yunus steht vor Gericht : Bild: AFP

          Politiker sprechen von der „Subprime-Krise Indiens“

          Offenbar fällt trotz der hohen Kosten auch noch Gewinn ab. Als sich der Erfolg der Mikrokredite herumsprach, gründeten sich viele kommerzielle Mikrokredit-Banken. Manche Wohltätigkeitsorganisation änderte gar ihren Fokus und ging an die Börse, etwa "Compartamos" in Mexiko und "SKS Microfinance" in Indien. SKS sammelte 350 Millionen Dollar von Investoren ein, die das ganze Unternehmen bei dieser Transaktion mit 1,6 Milliarden Dollar bewerteten.

          Das sorgte für Ärger, vor allem in Indien. Denn augenscheinlich übten die neuen Minibanken mit Blick auf ihren Gewinn so viel Druck auf die Schuldner aus, dass diese zerbrachen. Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh begingen im Herbst einige Bauern Suizid, weil sie ihre Zinsen nicht mehr zahlen konnten. Damit begann eine Krise, die indische Politiker als "Subprime-Krise Indiens" bezeichnen. Die Regierung ordnete niedrigere Kreditzinsen an und schrieb vor, dass die Banken ihre Zinsen nur noch einmal im Monat statt wöchentlich eintreiben dürfen. Der Eingriff der Politik führte zu einer Vollbremsung der Branche. Vasant Kumar, Minister für ländliche Entwicklung in Andhra Pradesh, verteidigte das Vorgehen. "Wie soll die Regierung wissen, welche der Kleinkreditgeber kriminell sind und welche lauter, wenn wir sie nicht regulieren? In den vergangenen Jahren hatten wir nicht die Kraft dazu, jetzt müssen wir es."

          Die Nachbarn in Bangladesch nutzten das neue schlechte Image der Mikrokredit-Banken, um Nobelpreisträger Yunus unter Druck zu setzen, mit dem sie schon lange im Clinch liegen. Sie gruben einen alten Vorwurf aus, Yunus habe Entwicklungshilfe aus Norwegen veruntreut. Zwar haben norwegische Kontrolleure den Vorwurf längst ausgeräumt, doch in Bangladesch geht die Diskussion weiter. Zudem ist Yunus wegen Verleumdung angeklagt, weil er der Regierung einst Geldgier vorgeworfen hatte. Auf einen Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos musste er verzichten (siehe Weltwirtschaftsforum: Davos ohne Yunus).

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